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12. Mai 2014

Wer ist der beste Schweizer Fussballcoach?

Wir stellen die zehn besten eidgenössischen Fussballtrainer der letzten 30 Jahre vor, und Sie küren den besten. Unser Kandidat Hanspeter Latour erklärt im Interview zu seinem neu erschienen Buch «Das isch doch e Gränni!», dass er den Fussball als Abbild der Gesellschaft sieht.

Jakob «Köbi» Kuhn
Jakob «Köbi» Kuhn als Nationaltrainer an der Seitenlinie: Zwei Endrunden-Qualifikationen als Leistungsausweis. (Bilder Keystone)

Sicher, will man die Erfolgsbilanz von Fussballtrainern möglichst objektiv beurteilen, kann man sich zuerst an gewonnene Pokale halten. Die meisten Coaches aus der folgenden Top Ten weisen in ihrem Palmarès solche auf. Dennoch: Bisweilen kann ein Aufstieg oder ein Mittelfeldrang genauso viel wert sein, wenn er mit deutlich weniger Mitteln erreicht wurde. Und wie misst man Nationaltrainer, gerade in der Schweiz? Zählt nur der Europa- oder Weltmeistertitel, wird man den Verhältnissen wohl auch nicht gerecht.

Migrosmagazin.ch versuchte, neben unbestreitbaren Erfolgen, mit zu berücksichtigen, wie lange eine positiv zu wertende Anstellung gedauert oder ob der Coach mindestens an einem zweiten Ort eingeschlagen hatte. Wenn möglich wurde auch auf Voraussetzungen geachtet sowie auf Engagements respektive Angebote aus dem Ausland oder der absoluten Spitzenvereine.
Als Erstes sticht bei der Auswahl aber eine simple Bedingung ins Auge: der Schweizer Pass. Gilbert Gress etwa hat (neben dem französischen) längst einen, für die Schweizer Nationalauswahl zentrale Teamchefs wie Uli Stielike, Roy Hodgson oder aktuell Ottmar Hitzfeld hingegen nicht.

1. Paul Wolfisberg: Der Innerschweizer «Wolf» brillierte mit der Nationalmannschaft in den 80er-Jahren noch nicht (in Form von Endrunden-Qualifikationen), der studierte Architekt hatte mit Ausnahme von wenigen Defensivleuten während vier Jahren schlicht auch nie das Personal dazu. Den Platz zum Auftakt der Schweizer Topcoaches der letzten 30 Jahre hat er aus einem Grund: Er schaffte es nach Tiefpunkten im öffentlichen Auftritt, das Team mit dem Umfeld schrittweise zu versöhnen und grössere Ziele anzupeilen. Und setzte gnadenlos auf Stärken seiner «Abbruch GmbH».

2. Gilbert Gress: Der gebürtige Elsässer und ehemalige Spitzenfussballer wurde 1979 überraschend mit Strassburg französischer Meister, 1987 und 1988 auch zwei Mal mit Xamax Neuenburg – legendäre Europacupnächte gegen Bayern oder Real Madrid inklusive. Als Nationalcoach verpasste er 1999 mit teilweise ebenso erfrischend konstruktiv-technischem Fussball gegen Italien und Dänemark um Haaresbreite die Euro-Qualifikation, danach folgte ausser einem Cupsieg beim FCZ (erst mit Halbfinal eingestiegen!) nichts mehr, ausser viel TV-Präsenz als charmanter Experte.

3. Rolf Fringer: Er verdient den Rang unter den Top Ten trotz einer völlig missglückten WM-Kampagne mit der Niederlage gegen Aserbaidschan («Debaku») 1996 zweifellos: Noch vor einem der überlegensten Titel mit den Grasshoppers (1998) errang er den Titel sensationell 1993 mit dem FC Aarau. Beim VfB Stuttgart reüssierte er mit spektakulärem Spiel allerdings nur kurzzeitig, und die letzten Jobs (besonders der beim Wunschverein FC Zürich) gelten als Reinfall.

4. Christian Gross: Der grosse Motivator erlangte mit einem grosszügig bestückten GC-Kader ab 1994 zwei Meisterschaften und steht für die ersten Schweizer Champions-League-Erfolge (1:0 gegen Ajax 1996) überhaupt. Nach unglücklichen Episoden im Ausland («Mr Swiss Army Knife» bei Tottenham) schlug er mit einer Titel- und Champions-League-Serie ab 2001 historisch beim FC Basel ein und machte den Klub bis zum Abgang 2009 für eine Epoche zur unangefochtenen Nr.1 des Landes.

5. Marcel Koller: Misst man nicht nur Pokale, sondern vergleicht mit den zugehörigen Klubbudgets, so dürfte dem Ex-GC-Mittelfeld-Kopf Koller 2000 mit St. Gallen neben zwei Aarau-Titeln die grösste Leistung der letzten 30 Jahre gelungen sein. Nach der GC-Meisterschaft 2003 schaffte es der gewiefte Taktiker in der Bundesliga nach schwierigem Debüt in Köln, beim Liftklub Bochum dreieinhalb Jahre im Amt zu bleiben – eine kaum zu überschätzende Performance. Und als Österreichs Teamchef geniesst er breites Ansehen.

6. Köbi Kuhn: Der schlitzohrige ehemalige FC-Zürich-Regisseur und Nachwuchs-Auswahl-Coach wechselte nach den Nati-Misserfolgen mit Gaucho Enzo Trossero ab 2001/2002 statt zum FCZ zum Nati-Flaggschiff. Ihm gelang es, die Auswahl wieder zu einen und sich mit vergleichsweise optimistischem Fussball für die EM 2004 (unvergessen die Barragespiele gegen die Türkei!) und vor allem die WM in Deutschland 2006 zu qualifizieren. Nach drei guten Auftritten gegen Frankreich kam im Viertelfinal gegen die Ukraine das Aus im Elfmeterschiessen – und an der Heim-EM 2008 war der Druck irgendwie zu gross.

7. Lucien Favre: Der Waadtländer, auch eine ehemalige Mittelfeldgrösse (in Genf), wurde vor dem Branchenprimus Basel mit dem FCZ 2006 hauchdünn und 2007 auf leiseren Sohlen Meister. Nach nur einer guten Saison bei Hertha Berlin coacht der hochgradig detailversessene Romand mit gewissem Erfolg noch immer den deutschen Kultverein Mönchengladbach. Oft vergessen seine ersten Erfolge noch vor dem Servette-Cupsieg (2001): Mit Yverdon stieg er, auch dank Challandes Basisarbeit bis 1994, 1997 erneut auf und wurde mit kaum 2,5 Millionen Budget im Jahr darauf fünfter. Ein ausgezeichneter Ausbildner.

8. Hanspeter Latour: In Köln scheiterte der hemdsärmlige «Alpendoktor» 2007 innert Kürze. Davor zeichnete er sich zwischen zwei Jobs bei Rekordmeister GC (erst Assistent, dann Chefcoach 2005–2006) beim Provinzklub Thun gerade dank derselben, jederzeit unverfälscht direkten Kommunikation bis 2005 in vier Jahren aus: Mit kleinem Budget etablierte er sich im Mittelfeld der höchsten Liga – vor allem legte er Nachfolger Urs Schönenberger das Fundament für den sensationellen Champions-League-Einzug Ende 2005.

9. Bernard Challandes: Der jurassische Ausbildner (ausgebildeter Lehrer mit Flair für russische und französische Literatur) reüssierte nach dem Aufstieg mit Yverdon und eher schwierigen Intermezzi bei Servette und YB als Verantwortlicher der Unter-21-Nationalelf 2002 in einer vielbeachteten Europameisterschafts-Endrunde mit dem Einzug ins Halbfinale. Damit gilt er bis heute als Baumeister der Spielergeneration mit Endrunden-Präsenz von 2004 bis 2010 bei den «Grossen». Als Nachfolger von Favre beim FCZ forcierte er eine talentierte Offensive trotz beginnender Defensivschwächen zum Titel 2009.

10. Murat Yakin: Der nach Alain Geiger zweite unnachahmliche Defensivstratege der Schweiz lancierte seine auf defensive Absicherung und modern schnelles Umschalten basierende Trainerkarriere mit viel Auf (Cupfinal 2012) und wenig Ab beim FC Luzern, bevor er 2013 den FC Basel zum unangefochtenen Titel führte und 2014 mit schlechterer Punkteausbeute vor der nächsten Meisterschaft steht. Herausragend waren die mitreissenden Siege gegen Tottenham und Chelsea in europäischen Wettbewerben (Europa-League-Halbfinal 2013!).
Bloss knapp keine Aufnahme in die Liste fanden diese Trainer:

Hanspeter Zaugg war mit Erfolg ab 1992 Nati-Assistent von Roy Hodgson bis zu Gress, holte danach 2001 mit GC (und einem konkurrenzlosen Budget) souverän den Meistertitel.

Umberto Barberis sicherte sich (einmal wars knapp!) zwar mit Lausanne-Sport keinen Titel, brachte dort aber mit Ohrel, Herr, Hottiger oder Chapuisat mehrere langjährige Nationalspieler hervor.

Gérard Castella holte mit kontrollierter Offensive mit Servette 1999 den Titel, scheiterte an der Champions League und hatte zunächst auch einen guten Einstand bei St. Gallen.

Martin Andermatt gewann mit GC als (National-)Spieler Meisterschaft und Cup, bekam nach der Arbeit in Baden Angebote der Bundesliga (Ulm und Frankfurt), wo er nicht längerfristig reüssierte. Solide Erfolgsbilanz mit Liechtensteins Nati und dem BSC Young Boys.

Uli Forte brachte ein lange serbelndes GC als Motivator wieder auf Vordermann und 2013 zum Cupsieg, erlebt bei den Berner Young Boys gerade schwierige Zeiten.

Marco Schällibaum kam mit YB und Servette unter schwierigen Umständen auf Top-3-Plätze, den grossen Durchbruch schaffte er jedoch nicht.

Michel Pont ist neben seinem deutschen Chef Hitzfeld für die Nationalmannschaft in der Taktik und Analyse wichtig, noch wichtiger war er unter Vorgänger Kuhn. Kam ansonsten nie ganz aus der Genfer Ecke heraus (wo er diesen Frühling als Cheftrainer bei Servette gehandelt wird).

Michel Decastel ist der kulturell gewiefte Westschweizer Reisläufer mit sehr guter Reputation in Nordafrika (Tunis), seine Engagements bei Sion oder Servette waren keine Erfolge – bloss mangels glücklichen Timings?

Autor: Reto Meisser