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16. Januar 2012

Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?

Und plötzlich ist es da, das Böse: Unter dem Bett lauert das Monster, im Wald die Räuber. Es ist ganz normal, dass Kinder Ängste entwickeln, sagt Franziska Florineth. Wie Eltern ihren Töchtern und Söhnen die Furcht nehmen können, verrät die Kinder- und Jugendpsychologin im Interview.

Angst
In der sogenannten magischen Phase glauben Kinder, dass alles beseelt ist: Steine können sprechen, und unter dem Bett wohnt das grässliche Monster. (Bild: Getty Images)

Angst vor Einschlafen, Dunkelheit und Albträumen: Woher kommen die Ängste und was hilft oft dagegen?

Franziska Florineth
Franziska Florineth ist Kinder- und Jugendpsychologin in Winterthur.

Franziska Florineth, viele Kinder entwickeln um das dritte Lebensjahr herum irrationale Ängste. Warum ist das so?

Im Trotzalter erleben die Kleinen zum ersten Mal ihre eigene Macht. Sie können eine Blüte entweder ganz vorsichtig pflücken oder ihr die Blätter ausreissen. Es kann sehr irritierend sein, wenn man bemerkt, dass man nicht nur Gutes, sondern auch Böses tun kann. Ausserdem wird den Kindern bewusst, dass sie ebenfalls verletzlich sind.

Und plötzlich tauchen schreckliche Monster und Ungeheuer auf?

Das Kind bindet das Negative an Dinge. In dieser sogenannten magischen Phase wird alles beseelt. Steine können sprechen, der Hamster ist ein verwunschener Prinz, und unter dem Bett wohnt leider das grässliche Monster.

Viele Eltern versuchen, dem Spuk auf rationale Weise ein Ende zu bereiten …

… und scheitern. Man kann einem Vierjährigen zwar erklären, dass unter dem Bett nur eine Socke liegt, aber das nützt nichts. Schliesslich weiss doch jedes Kind, dass Ungeheuer sich unsichtbar machen können, wenn Erwachsene ins Zimmer kommen.

Wie würden Sie dem Problem begegnen?

Man kann das Kind nur erreichen, indem man sich in seine Welt begibt. Statt die Existenz des Monsters anzuzweifeln, fragt man besser: «Wie sieht es denn aus, das Monster?» oder «Hast du eine Idee, wie wir es vertreiben können?»

Wird das Ungeheuer dadurch nicht noch präsenter und damit auch gefährlicher?

Im Gegenteil, denn nun hat das Kind einen Verbündeten. Gemeinsam kann man viel eher etwas gegen den ungebetenen Gast unternehmen. Die wichtigste Regel bei der Monsterjagd lautet: Fantasien lassen sich nur mit Fantasie bekämpfen. Vielleicht könnte man dem Kind einen glitzernden Zauberstein überreichen, der es schützt. Rituale sind ebenfalls hilfreich. Es könnte jeweils vor dem Zubettgehen gemeinsam mit dem Papa einen Monsterspruch aufsagen. Dann hat das Ungeheuer keine Chance mehr.

Verschwindet es dann einfach?

Selbstverständlich nicht. Aber es wird immer leiser und immer kleiner. Und irgendwann packt es seine Siebensachen und zügelt zu einem anderen Kind.

Wie sollten Mama und Papa auf keinen Fall reagieren?

Wenn ein Fünfjähriger Angst vor den Räubern im Wald hat, dann ist es wenig hilfreich, ab sofort jede Baumansammlung zu meiden. Leider passiert das aber sehr schnell. Viele Eltern hoffen, dass eine Phase schneller vorbeigeht, wenn man die Dinge meidet, die das Kind in Furcht und Schrecken setzen. Das Gegenteil ist der Fall, auf diese Weise wird das Problem noch verstärkt. Die Kleinen sollten sich ihrer Angst stellen und dabei lernen, dass ihre Furcht vergeht. Es kann natürlich nicht das Ziel sein, sie dazu zu bringen, sofort wieder in den Wald zu gehen. Aber es muss ein Schritt in die richtige Richtung gemacht werden. Vielleicht kann man gemeinsam zur ersten Baumreihe gehen. Auch hier ist es wieder wichtig, sich auf die Ebene des Kindes zu begeben. Vielleicht hilft ein (Zauber-)Stock, damit es dem Kind im Wald wohler ist.

Was kann man noch falsch machen?

Die Angst darf niemals als Druckmittel eingesetzt werden. Aussagen wie «Wenn du jetzt nicht gehorchst, dann rufe ich die böse Hexe» richten grossen Schaden an. Mama und Papa sollten eigentlich die Verbündeten des Kindes sein — und nun drohen sie ihm. Bereits überwundene Ängste können so wieder auftreten.

Verschwinden Kinderängste von selbst?

Grundsätzlich sollten die Eltern darauf vertrauen, dass Kinder alle Werkzeuge in sich tragen, um diese entwicklungsbedingten Ängste bewältigen zu können. Wenn man aber merkt, dass ein Kind mit einer Situation überfordert ist, sollte man es aktiv begleiten. Natürlich muss man zuerst herausfinden, wo genau das Problem liegt. Es nützt aber nichts, wenn man eine Fünfjährige mit Fragen löchert. Das Kind spürt intuitiv, welche Schritte nötig sind und welches Tempo möglich ist. Im Idealfall erzählt das Kind von sich aus, was es beschäftigt. Wichtig ist, dass man ihm Halt und Sicherheit vermittelt.

Wie könnte eine unterstützende Angstbegleitung aussehen?

Franziska Florineth
Franziska Florineth: «Kritisch sind die Übergänge. Etwa, wenn ein Kind in den Kindergarten kommt.»

…oder der Nuggi.

Der Schnuller ist ein sehr wichtiger emotionaler Regulator. Deswegen halte ich nichts davon, einem drei- oder vierjährigen Kind den Nuggi einfach wegzunehmen.

Manchmal kommt man dennoch keinen Schritt weiter.

Wenn ein Kind bereits Vermeidungsstrategien entwickelt hat, kann das seine Lebensqualität beeinträchtigen. Indirekt behindert das auch seine Entwicklung und Reifung. Stellen Sie sich vor, ein Sechsjähriger fürchtet sich so sehr vor Hunden, dass er alle Orte, an denen er auf diese Tiere treffen könnte, meidet. Sein Aktionsradius wird immer kleiner. Am Schluss bleibt ihm nur noch das eigene Zuhause. Spätestens dann sollten sich die Eltern an eine Fachperson wenden. Der Leidensdruck der Kinder ist bei diesen behandlungsbedürftigen Ängsten riesig.

In welchen Lebensphasen sind Kinder besonders anfällig für Angststörungen?

Kritisch sind immer die Übergänge, etwa wenn ein Kind frisch in die Spielgruppe oder in den Kindergarten kommt. Wenn ein Fünfjähriger wochenlang schreit und sich heftig wehrt, wenn er morgens aus dem Haus soll, dann besteht Handlungsbedarf. Hier soll man das Kind — eventuell auch mit Hilfe einer Fachperson — schrittweise an die neue Situation gewöhnen, damit es seine Angst nicht mehr als existenziell bedrohlich wahrnimmt. Eltern sollten dabei nicht auf stur schalten. Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder, die dieses Problem nicht angemessen bewältigen konnten, im Erwachsenenalter zu Panikstörungen neigen.

Kann man Ängste auch anerziehen?

Das kommt sogar recht häufig vor. Wenn die Mutter in Anbetracht einer harmlosen Spinne in Panik gerät, dann lernt das Kind: Wenn meine Mami solche Angst vor der Spinne hat, dann muss das ein ganz gefährliches Tier sein.

Manchmal halten die Eltern auch alle Gefahren vor ihren Kindern fern.

Diese Überbehütung ist ebenfalls kontraproduktiv. Wie soll denn das Kind Erfahrungen sammeln, wenn alles potenziell gefährlich ist? Und wie soll es selbständig werden, wenn es, obwohl es schon fünf Jahre alt ist, nur in Begleitung vor die Tür darf? Es kann seine eigene Stärke nur erleben, wenn man ihm nicht schon im Vorfeld alle Steine aus dem Weg räumt.

Erziehung hin oder her – es gibt Kinder, die sind einfach empfindsamer als andere. Wird man als Hasenfuss geboren?

Die Vererbung spielt bestimmt auch eine Rolle. Es gibt Babys, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Andere reagieren schon auf kleinste Veränderungen ängstlich. Beides ist vollkommen okay. Sensible Kinder können zu ebenso selbstbewussten und starken Menschen heranwachsen wie ihre unempfindlicheren Kameraden.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Linda Polari