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03. November 2014

Rudolf Strahm: «Wer ausbildet, ist top»

Früher galt eine Lehre als Karrieresackgasse. Heute ist das komplett anders, sagt Strahm. Er ist überzeugt, dass es der Schweiz vor allem wegen der Berufsbildung so gut geht. Hier finden Sie auch alle sechs bisherigen Artikel zur Berufsbildungs-Serie im Migros-Magazin.

Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm.
Leidenschaftlicher Verfechter der Berufslehre: Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat das Jahr 2014 zum Jahr der Berufsbildung erklärt. Aus diesem Anlass hat das Migros-Magazin in einer losen Serie über Themen rund um die berufliche Grundbildung berichtet.

Zum Abschluss dieser Serie spricht das Migros-Magazin mit Rudolf Strahm. Der ehemalige Preisüberwacher und alt Nationalrat setzt sich seit Jahren stark für die Berufslehre ein. Mit diesem Thema befasst sich auch sein Buch «Die Akademisierungsfalle». Darin erklärt er den Wert der Berufsbildung für die Schweiz und warum es sich lohnt, die Lehre zu pflegen und zu fördern.

Rudolf Strahm, am Anfang Ihrer Karriere steht eine Lehre als Laborant. Wie hat dieser Einstieg in die Berufswelt Sie geprägt?

Es sind vor allem drei Dinge, die ich gelernt habe. Als Erstes die Zuverlässigkeit, denn man trägt schon als Lehrling eine Verantwortung für die eigene Arbeit. Dann hat man in der Lehre mit zahlreichen Leuten zu tun. Da braucht es eine verständliche Sprache. Und als Drittes die Ausführungskompetenz, um Gelerntes in der Praxis anwenden zu können.

In Ihrem jüngsten Buch sprechen Sie von der Akademisierungsfalle. Was meinen Sie damit?

Zahlreiche europäische Länder leiden unter einer dramatischen Jugendarbeitslosigkeit. In vielen Staaten der EU ist jeder vierte Jugendliche nach Abschluss seiner Ausbildung ohne Arbeit. Nicht einmal Universitätsabgänger sind arbeitsmarktfähig. Betroffen sind jene Länder, die nur eine vollschulische, akademische Ausbildung ohne Berufslehre kennen. Diese Staaten sind auch weniger konkurrenzfähig und haben eine tiefere Wirtschaftsleistung. Länder mit Berufslehre wie Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen viel besser da.

Welche wirtschaftlichen Vorteile bietet das duale Bildungssystem mit der Berufslehre?

Dieses System ist für mich der Grund, warum wir so reich sind. Die Berufslehre gibt der Schweizer Wirtschaft eine besondere Qualifikation, sie sorgt dafür, dass unsere Betriebe reibungslos funktionieren. Obwohl wir ein Hochlohnland sind, haben wir die höchste Industrieproduktion pro Kopf und sind das innovativste Land Europas. Es braucht ­Akademiker und Ingenieure, die Dinge erfinden. Aber es braucht eben auch Praktiker, die diese Innovationen umsetzen können.

Der Migros-Auftritt an den Swiss Skills hat Rudolf Strahm beeindruckt.
Der Migros-Auftritt an den Swiss Skills hat Rudolf Strahm beeindruckt.

Ist die Schweiz demnach nicht von der Akademisierungsfalle betroffen?

Die Schweiz als Ganzes nicht. Aber es gibt auch bei uns universitäre Ausbildungen, die sich in diese Richtung entwickeln. Die Universitäten bilden zur Zeit 9400 Psychologen, 4200 Historiker und 4500 Politologen aus. So viele dieser Spezialisten brauchen wir gar nicht. Andererseits haben wir aber zu wenige Mediziner, Informatiker und Ingenieure. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Für technische Berufe wie Informatiker und Ingenieur ist eine rein akademische Ausbildung nur ein möglicher Werdegang. Hier gäbe es auch die Möglichkeit einer Berufslehre.

Das stimmt, und hier braucht es mehr Angebote. Informatiklehrstellen etwa gibt es eindeutig zu wenig. Aber auch neue Berufe wie Mediamatiker müssen gefördert werden.

Noch immer ist die Idee verbreitet, dass eine Karriere nur mit Uni-Abschluss möglich ist. Was spricht gegen dieses Vorurteil?

Früher war eine Berufslehre eher eine Karrieresackgasse. Das haben vor allem viele Eltern noch im Hinterkopf. Das System ist heute jedoch ganz anders und viel durchlässiger geworden. Das Motto heisst: Kein Abschluss ohne Anschluss. Das bedeutet, dass jede Bildungsstufe eine weitere Karrierestufe erlaubt. Wer eine Lehre mit Berufsmatur absolviert hat, kann an einer Fachhochschule studieren. Solche Leute verdienen übrigens gleich gut wie Universitätsabsolventen, sind auf dem Arbeitsmarkt sogar begehrter und nehmen früher leitende Funktionen ein.

Aber eine Lehre mit Berufsmatur ist leider nicht für alle machbar.

Wer keine Berufsmatur hat, kann heute trotzdem eine höhere Berufsbildung absolvieren und einen eidgenössisch anerkannten höheren Abschluss erreichen. Diese Leute – Rayonchefs, Wirtschaftsprüfer, Poliere – sind die tragenden Kader der Wirtschaft. Solche Abschlüsse kann man auch mit 30 oder 40 Jahren noch machen. Und das ist die Stärke dieses Systems: Man legt nicht im Alter von 15 Jahren seinen beruflichen Werdegang mit dem Entscheid Gymnasium ja oder nein fest, sondern kann auch später noch den Knopf aufmachen.

In der letzten Session hat der Nationalrat beschlossen, höheren Berufsabschlüssen die Titel Professional Bachelor und Master zu verleihen. Warum ist das nötig?

Diese Abschlüsse sind auf dem Niveau eines ausländischen Bachelors, lassen sich aber teilweise schwierig einordnen. Mit den neuen, plakativen Titeln wollen wir sie stärker anerkennen und aufwerten. Der Entscheidungsprozess läuft, im Ständerat wird das Geschäft wohl noch abgelehnt. Aber ich gehe davon aus, dass die neuen Titel kommen. Vorläufig vielleicht nur auf privater Basis aus der Wirtschaft.

Sie haben Mitte September die Schweizer Berufsmeisterschaften Swiss Skills in Bern besucht. Welche Eindrücke haben Sie dort gewonnen?

Das war eine eindrückliche Lehrschau der praktischen Intelligenz. Ich hätte mir gewünscht, dass jeder Akademiker, der noch seinen Bildungsdünkel pflegt, gesehen hätte, was da an hohen Qualifikationen gefördert wird. Nicht nur handwerklich, sondern auch an Wissensqualifikation in technischen Berufen.

Auch die Migros war mit einem Messestand vor Ort. Wie hat Ihnen der Auftritt gefallen?

Die Migros hatte wohl den grössten und auch besten Auftritt. Ihr Stand war immer voll mit Jugendlichen. Man hat gesehen, dass die Migros die grösste Lehrstellenanbieterin der Schweiz ist. Und was sie dort gezeigt hat, war wirklich top. Sowieso gilt für mich: Wer ausbildet, ist top. Ich glaube, dass es auch bei der Schweizer Bevölkerung als Qualitätsmerkmal gilt, wenn eine Firma Lernende ausbildet. Das zeigt: Die habens im Griff und kommen draus.

Die anderen Artikel der Berufsbildungsserie als PDF

Teil 1: Für jedes Talent den richtigen Job

Teil 2: Karriere dank Casting

Teil 3: Hochdekorierte Ausbildung: Dekorationsgestaltung

Teil 4: Karriere im Detailhandel

Teil 5: Meisterlicher Programmierer

Teil 6: Berufsmeisterschaft zieht die Jungen an

Autor: Andreas Dürrenberger

Fotograf: Ruben Wyttenbach, Marco Zanoni