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20. Oktober 2014

Wenns ein bisschen wehtut

Es war dann alles ganz anders. Über fremde Goofen, wie von mir voreilig geargwöhnt, nervten meine Liebste und ich uns nicht während unserer zweisamen Ferientage. Im Gegenteil. Das kleine krause Mädchen am Nebentisch, das nicht sitzen blieb, sondern – wenngleich es noch kaum gehen konnte – um den Tisch herumtapste, darunter hindurchkroch, hüpfte und tänzelte … Und es wollte nur eines: Auf!-merk!!-sam!!!-keit!!!!

«… ein Buch übers Loslassen.»
«… ein Buch übers Loslassen.»

Wir waren hingerissen. Die Mutter der herzigen Kleinen aber blieb ungerührt in ihr Handy vertieft, und man hätte sie ohrfeigen können. Oder das Kerlchen im übervollen Linienbus, das in seinem Buggy thronte wie ein Prinz und pausbackig nach allen Seiten charmierte, wach, wissbegierig und von ansteckender Fröhlichkeit, sodass bald sämtliche Passagiere bester Laune waren … Und sein Vater, ein Muskelprotz mit Glatze und Metallica-Shirt, platzte vor Stolz.

Die freien Tage nutzte ich, um ein Buch zu lesen. «Mein Buch 2014», wie die Kinder spotten würden, die mich Selten- und Langsamleser gern verhöhnen, ich läse höchstens eines pro Jahr. Dieses aber habe ich verschlungen! Es heisst «Das wird ein bisschen wehtun» und beginnt damit, dass ein Vater nachts pinkeln gehen will, doch im Badezimmer brennt Licht, und er trifft auf ein ihm fremdes Wesen: Zum ersten Mal hat sein halbwüchsiger Sohn eine Geliebte heimgebracht. Ohne Vorwarnung. Und, zack, fällt des Vaters Welt zusammen …

Diese Leichtigkeit der Sprache! Dieser Witz! Stefan Schwarz, der Autor, erinnert an Nick Hornby, den britischen Romancier, den seit dessen Wurf «High Fidelity» alle deutschen Schreiber imitieren. An einigen Büchern dieser sogenannten Popliteraten hab ich mich versucht, aber keines wurde «mein Buch 2010» oder «mein Buch 2013», ich kam jeweils nicht über die ersten Seiten hinaus, weil die Icherzähler – wie sie auch hiessen, ob Meyerhoff, Schütte oder Stuckrad – sich zwar über alles und jeden lustig machten, sich selbst und ihre Plattensammlung aber furchtbar wichtig nahmen. Ihnen allen fehlte Selbstironie.

Bei Schwarz hingegen ist der Erzähler der einzige Depp im Umzug, all die Figuren um ihn herum, den gebrechlichen Vater, den nervtötenden Bürokollegen, den Chef sogar und die quasselnde Freundin des Sohns, sie alle gewinnt man lieb. Und am Ende in seiner Schusseligkeit auch ihn selber, den Vater. Andere Hornby-Nachahmer hatten entweder die leichte Schreibe, aber keine Geschichte; oder sie hatten zwar eine Geschichte, verfügten aber nicht über die Schreibe, diese zu erzählen. Schwarz hat beides, das Handwerk und die Story. Stellenweise lacht man sich krumm, zuletzt aber ist es ein ernstes, trauriges und wunderschönes Buch. Darüber, dass man die eigenen Kinder loslassen muss.

Meine Frau und ich haben die Tage zu zweit, unsere ersten seit langer, langer Zeit, genossen. Sind dreimal nacheinander ins Kino gegangen, haben indisch und französisch gegessen, haben geblödelt und politisiert, Schmuck und Kleider geshoppt – natürlich für die Kinder. Und fanden uns plötzlich in einem Spielzeuggeschäft inmitten von Hello-Kitty-Kätzchen und «Planes»-Flugzeugchen wieder, obgleich unsere Kinder aus dem Alter raus sind. Vermutlich trieb Längizyti uns in den Laden. Und schiere Nostalgie. Wir haben dann aber eine Packung Lego gefunden, auf der «Ab 16 Jahren» stand. Das wird unserem bald 14-Jährigen schmeicheln.

Bänz Friedli live: 22. / 24. 10. Basel, 26. 10. Niederhasli ZH.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli