Archiv
12. Oktober 2015

Wenn die Zukunft zur Gegenwart wird

Mit einem Knall landen Marty McFly und Doc Brown im Film «Back to the Future II» (1989) in der Zukunft. Die Anzeige ihrer Zeitmaschine zeigt: 21. Oktober 2015. Was von der damaligen Hightech-Zukunft ist heute Realität? Wenig. Doch andere Science-Fiction-Filme und -Bücher waren geradezu visionär.

Back to the Future II
Staunen über die Zukunftswelt von 2015: Marty McFly (Michael J. Fox, links) und Doc Brown (Christopher Lloyd), die Helden aus «Back to the Future II» (1989).

Erinnern Sie sich noch an 1989? Das war das Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel und die kommunistischen Staaten reihenweise kollabierten. Jean-Pascal Delamuraz war Bundespräsident. Ayatollah Khomeini rief in einer Fatwa zur Tötung des Schriftstellers Salman Rushdie auf. Die «Exxon Valdez» löste in Alaska eine verheerende Ölpest aus. Pro 7 ging erstmals auf Sendung, Japan erfand den Game Boy, und «Back to the Future II» kam ins Kino.

Die sehnlichst erwartete Fortsetzung des Zeitreise-Blockbusters von 1985 führte die Helden Marty McFly (Michael J. Fox) und Doc Emmett Brown (Christopher Lloyd) in die Zukunft, ins Jahr 2015, wo sie versuchen, die Schicksale der aus der Bahn geratenen McFly-Familie wieder ins Lot zu bringen. Sie kommen in eine bunte High-Tech-Welt mit fliegenden Autos, schwebenden Skateboards, effizienten Haushaltsgeräten und ebenso schräger wie praktischer Kleidung.

Nicht viel von dieser Zukunftsvision ist bis heute Realität geworden, obwohl einige Tüftler schon länger an Martys coolem Hoverboard rumbasteln. Ein paar Gadgets aus dem Film sind aber heute Alltag (Videotelefonie, Flachbildschirme) oder mindestens in Sichtweite (Google Glass, Hologramme). Und schaut man zurück auf andere Science-Fiction-Geschichten, kommt es immer wieder mal vor, dass Autoren einen Volltreffer landen.

Aber nicht nur das: Einigen gelingt es sogar, Wissenschaftler und Ingenieure dazu zu inspirieren, ihre Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen, sagt Literaturprofessor Philipp Theisohn, der sich am Deutschen Seminar der Universität Zürich speziell mit futurologischer Fiktion beschäftigt. «Back to the Future II» ist jedenfalls überraschend gut gealtert, aber der Film zeigt auch: Zukunftsprognosen bleiben Glückssache.

Smartbrille

«Back to the Future II», 1989

Sieht noch smarter aus als die Smartbrille aus «Back to the Future»: Google Glass.
Sieht noch smarter aus als die Smartbrille aus «Back to the Future»: Google Glass.

In diesem fiktiven 2015 gibt es nicht nur fliegende Autos und holografische Kinowerbung, praktisch jeder hat eine Smartbrille, die ihn pausenlos mit Unterhaltung und nützlichen Informationen bedient. Genau das war auch der Ansatz der Ingenieure von Google Glass – einem Minicomputer in Brillenform, der online Informationen liefert und Fotos machen kann. Doch als die Erfindung 2012 vorgestellt wurde, liefen die Datenschützer Sturm und warnten vor weitreichenden Folgen für die Privatsphäre. Der Verkauf wurde schliesslich eingestellt, das Produkt nun neu überarbeitet.

Anders als im Film hat sich die Smartbrille in unserem Alltag also noch nicht durchgesetzt, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis eine ähnliche Anwendung das tun wird. Die Brille mit integriertem Internetzugang sieht dafür schon heute sehr viel eleganter und cooler aus, als die Smartbrillen aus dem Film. Dennoch: Die Idee war goldrichtig!

Videotelefonie

«Back to the Future II», 1989

Die Videotelefonie im Film von 1989 sieht fast gleich aus wie das Skypen der Gegenwart.
Die Videotelefonie im Film von 1989 sieht fast gleich aus wie das Skypen der Gegenwart.

Im Film telefoniert Familienvater Marty McFly mit einem Freund, der auf einem Grossbildschirm an der Wand zu sehen ist. Skype funktioniert vom Prinzip her genau gleich, nur dass man dort nicht noch sämtliche Vorlieben und Lebensdaten des Gesprächspartners eingeblendet bekommt. Zum Glück.

Der Communicator

«Star Trek», 1967

Wenn Captain Kirk zur «Enterprise» zurückgebeamt werden wollte, klappte er seinen Communicator auf und gab den Befehl – das funktionierte problemlos von der Planeten­oberfläche bis in den Orbit. Die Astronauten auf der ISS können wir noch nicht anrufen, aber mobile Kommunikation mit Klapphandy gibt es nun schon einige Jahre. Auch wenn das Klapphandy schon fast wieder retro ist, ebenso wie das Design von Kirks Communicator aus dem Jahr 2265.

Atombombe

H. G. Wells: «The World Set Free», 1914

Ein Atombombentest in der Wüste von Nevada im Jahr 1957.
Ein Atombombentest in der Wüste von Nevada im Jahr 1957.

Der grosse britische Science-Fiction-Autor war nicht der Erste, in dessen Romanen eine Atombombe vorkam. Aber er beschrieb nicht nur ihre Funktion, sondern auch den Horror und die ethischen Bedenken nach dem Einsatz dieser Massenvernichtungswaffe, ebenso wie die lang andauernde Strahlung. Wells beschäftigte sich generell intensiv mit dem technologischen Fortschritt; sein vermutlich bekanntestes Werk ist «The Time Machine», die jedoch leider bis heute noch niemand erfunden hat.

Big Brother und das Internet

George Orwell: «1984», 1949 / Mark Twain: «From the London Times of 1904», 1898

Die konstante Überwachung ist heute Realität.
Die konstante Überwachung ist heute Realität.

Wohl nichts hat das menschliche Leben in den letzten 20 Jahren stärker verändert als das Internet. Umso bemerkenswerter, dass Mark Twain schon Ende des 19. Jahr­hunderts in einem ­Krimi ein System ­erfand, das diesem sehr ähnlich ist: das Telectroscope, das über unbegrenzte Distanzen durch die Telefonleitungen Bilder und Töne transportieren konnte, die von allen genutzt wurden.

George Orwell erfand dann 1949 in seinem berühmten Scifi-Roman noch den Überwachungsstaat, «Big Brother» genannt. Dessen Instrument sind allgegenwärtige, nicht abschaltbare Geräte, sogenannte Teleschirme.

In der Realität findet die Überwachung vermehrt online und eher subtiler statt, dafür nicht nur in Diktaturen wie in «1984», sondern auch in freiheitlichen Demokratien. Und nicht nur durch staatliche Organe, sondern auch durch Unternehmen. Es stellt sich die Frage, was schlimmer ist: Fiktion oder Realität?

«Back To The Future» Travels To The Real 2015, And It Sucks
Wenn Zeitreisen zu trauriger Realität führt (aus: Huffington Post, in englischer Sprache)

Autor: Ralf Kaminski