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15. September 2014

Wenn Vater und Sohn auf Reise gehen

Karsten Blum hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt. Ein Jahr lang reiste er mit seinem damals zehnjährigen Sohn Cédric bis nach Kirgisien und zurück. Ein Abenteuer, das gut vorbereitet sein will.

Karsten Blum mit seinem Sohn
Vater und Sohn auf einem Salzsee in Anatolien.

Vor anderthalb Jahren war Cédric Blum (12) in Kirgisien. Er lernte dort von Nomaden, wie man Pferdehalfter flicht. Ein paar Wochen später half er rumänischen Dorfbewohnern, Schafskäse herzustellen. Im Winter 2012 hatte er einen Tauchschein im Persischen Golf gemacht, im Herbst Haselnüsse mit anatolischen Familien gesammelt. Während Cédrics Kollegen die Schulbank in der vierten Klasse im Schulhaus Untermoos in Zürich drückten, reiste der damals Zehnjährige mit seinem Vater Karsten Blum (39) ein Jahr lang durch 27 Länder.

Jetzt, wieder zu Hause in Zürich, blättert Cédric in seinem fast vollgeschriebenen, blauen Reisetagebuch. Er zeigt, wie sich seine Schrift und die Sprache von der ersten bis zur letzten Seite entwickelt haben. Es war für ihn «komisch», als er zurückkam und seine Mitschüler traf: «Ich habe mich ein bisschen verändert, aber die anderen nicht», hat er den Eindruck. Obwohl er die vierte Klasse ausgelassen hat, kommt Cédric in der Schule gut mit, was selbst den Vater erstaunt: «Der Kleine tat mir leid: die vielen Hausaufgaben, die starren Strukturen.»

Cédric im Frachtraum eines Schiffs an der Strasse von Hormus.
Cédric im Frachtraum eines Schiffs an der Strasse von Hormus.

Cédric ist weit für sein Alter, offen, interessiert und den Umgang mit Fremden gewohnt. Bereitwillig zeigt er die zum Teil aufwendig gestalteten Seiten in seinem abgegriffenen Buch: fantasievolle Zeichnungen, wie die von den kämpfenden Schildkröten, die er bei einer Wanderung im Iran beobachtet hat, eine wundervolle, perspektivische Darstellung von den Ruinen eines Wohnpalasts in Persepolis, die er unter Anleitung eines einheimischen Zeichenlehrers anfertigte, eingeklebte Geldscheine, etwa omanische Rial, zwei Eintrittskarten «Schwanensee» vom Opernhaus in Bischkek in Kirgistan.

Karsten Blum nahm das Auto, damit die Bücher Platz haben

Cédrics Vater hängt an diesem Samstagmorgen noch schnell die Wäsche in die Sonne, kocht einen taiwanesischen Tee und setzt sich ebenfalls auf den Gartensitzplatz. Die Reise habe er seit Jahren geplant. Eigentlich schon, als die Mutter von Cédric, eine Taiwanerin, die kleine Familie verliess. Da war Cédric vier Jahre alt. Der Vater bekam das Sorgerecht. Er tröstete seinen Sohn – und sich: «Wir machen eine Weltreise.» – «Ich habe schon irgendwann nicht mehr geglaubt, dass wir wirklich losfahren», sagt Cédric. Dabei hat der Bub schon als kleiner Knirps viel von der Welt gesehen: Seinen sechsten Geburtstag feierte er in Japan, als sein Vater und er fünf Wochen lang mit dem Velo über die Nordinsel Hokkaido fuhren. Seinen siebten Geburtstag verbrachte er im Altaigebirge in Zentralsibirien, und auch den Westen der USA erkundeten die beiden schon mit dem Velo.

Karsten Blum entschied sich dieses Mal für ein Auto als Reisegefährt, ursprünglich, um Platz zu haben für die Schulbücher und Cédrics Akkordeon. «Cédric hat aber nur drei Wochen lang die Bücher angeschaut und Akkordeon geübt», sagt der 39-Jährige. «Wir haben es schnell aufgegeben, einen Tag zu planen.» Ganz bewusst, denn die beiden wollten flexibel bleiben. Wenn sie vorhatten, einen Berg zu besteigen, aber sie auf einen Hirten trafen und ins Gespräch kamen, dann nahmen sie selbstverständlich die Einladung zum Tee an. «Da lernst du viel mehr», ist Karsten Blum überzeugt.

Unterwegs in Zentralpamir in Tadscikistan. «Zum Glück gab es selten Gegenverkehr.»
Unterwegs in Zentralpamir in Tadscikistan. «Zum Glück gab es selten Gegenverkehr.»

Das Wertvollste, was Vater und Sohn an Erinnerungen mitgebracht haben, sind die Begegnungen mit Einheimischen, den Kulturen, der Kunst, der Religion. Karsten Blum ist kontaktfreudig und respektvoll Fremden gegenüber, neugierig, aber nicht aufdringlich. Diese Wesenszüge öffneten Vater und Sohn einige Türen. Die Perser seien die gastfreundlichsten Menschen, denen er je begegnet sei, schwärmt Karsten Blum: «Wenn uns jemand zu einem Tee einlud, konnte es dazu führen, dass wir bis zu zehn Tagen bei ihm wohnen durften.»

Auch in Tadschikistan baten Einheimische Vater und Sohn, mit ihnen das gemeinsame Zimmer zu teilen. Cédric erwähnt kichernd, dass es zwar einen Fernseher gab, der aber nur zur Dekoration diente: «Es gab dort keinen Strom.»

Frühstück bei Bergbauern im Pamir-Gebirge in Tadschikistan.
Frühstück bei Bergbauern im Pamir-Gebirge in Tadschikistan.

Einmal mussten die beiden ein paar Tage lang salziges Wasser trinken. Sie hatten in einem Bach im Pamir ihre Kanister aufgefüllt und sich später über den merkwürdigen Geschmack ihres Tees gewundert. «Ich wusste bis dahin nicht, dass es auch Gebirgsbäche mit Salzwasser gibt.» Cédric lernte, mit nur 300 Milliliter Wasser den ganzen Abwasch zu machen. Karsten Blum kochte. «Meist Kartoffeln und Zwiebeln.»

Sie hatten keinen Kühlschrank, und viele andere Lebensmittel hielten sich einfach nicht. Ein Festessen erlebten die beiden in Tadschikistan: Crêpes. Dazu brauchte es gleich zwei frische Zutaten: Eier und Milch, ein Luxus. Als Cédrics Mutter, die in Zürich lebt, ihren Sohn und Ex-Mann für einige Tage während der Reise in Usbekistan besuchte, wünschten sich die beiden Abenteurer als Mitbringsel aus der Heimat einen Salatkopf.

Diese Art zu reisen ist nicht wirklich erholsam

Der studierte Forstingenieur Karsten Blum hatte vor der Reise im Zoo Zürich gearbeitet. Danach wirkte er einige Monate an einem Projekt an der Berner Fachhochschule mit, aktuell absolviert er den Quereinstieg zum Primarlehrer. Von der Reise brachte er mehr als 10 000 Bilder mit. Einige davon zeigten Vater und Sohn in einem Diavortrag in der Schule von Cédric.

Eine solche Tour müsse gut vorbereitet sein, sagt Karsten Blum (siehe Tipps rechts): Diese Art zu reisen sei nicht mit Tourismus zum Erholen vergleichbar. Damit meint er nicht nur die mehr als 36 000 Kilometer, die er am Steuer zurücklegte. Auch nicht die schweisstreibenden Strapazen, wenn er den Wagen aus dem Schlamm eines Salzsees oder dem Wüstensand ausbuddeln musste, oder das Organisationstalent, das er brauchte, um auf dem Schwarzmarkt zu Treibstoff zu kommen.

Aussicht von einem Nachtlager in Kirgisien, vorne ein zugefrorener See, im Hintergrund die Berge.
Aussicht von einem Nachtlager in Kirgisien, vorne ein zugefrorener See, im Hintergrund die Berge.

Zermürbend sei auch die Bürokratie und Willkür an den Grenzen gewesen und die Schikanen an Kontrollposten der Polizei. Dabei legte Karsten Blum eine gewisse Schlitzohrigkeit an den Tag, wie er verrät. Wenn ihm ein Grenzbeamter eine überzogene Gebühr abknöpfen wollte, angeblich für irgendeine Steuer oder dafür, die Pässe wieder zu bekommen, dann handelte er den Preis schon mal von 600 auf 10 Dollar runter.

Cédric wird bei dem Gespräch auf der Terrasse und beim Blättern in seinem Tagebuch ganz still. «Er hat Fernweh», sagt sein Vater. Karsten Blum ist schon wieder am Planen: In ein paar Jahren wollen die beiden wieder richtig los. «Vielleicht mal mit einem Segelboot.»

Autor: Fossgreen, Anke