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30. Juli 2012

Wenn Steine von früher erzählen

Die Gebirgslandschaft um den Piz Sardona ist Unesco-Weltnaturerbe. Die Steine und Felsen hier erzählen 300 Millionen Jahre alte Geschichten. Eine anstrengende, aber lohnenswerte Wanderung vom Glarner- über den Segnespass ins Bündnerland.

Üsé und Claudio auf dem Aufstieg zum Segnespass
Üsé und Claudio auf dem Aufstieg zum Segnespass auf der Glarner Seite.

Panixer-, Rawil-, Kisten-, Kinzig- oder Jochpass: Die Wandertipps zu weiteren alten Saumwegen.

Es heisst, man sollte immer ein Ziel vor Augen haben. Sollte man das? Nicht immer. Nicht jetzt. Claudio (42) und ich (44) stehen bei der Bergstation der winzigen Tschinglenbahn, die uns von Elm bis Nideren auf 1520 m ü. M. gebracht hat. Und bereits hier haben wir unser erstes Etappenziel vor Augen, den Segnespass – mit 2627 m ü. M. der höchste Punkt unserer Wanderung nach Flims. Weit weg und vor allem sehr hoch oben erscheint uns der Pass von hier – so richtig motivierend ist das nicht. Gut drei Stunden stetiges bergauf gehen haben wir vor uns. Der Pfad ist vom Morgengewitter noch feucht und rutschig.

Der Pfad ist vom Morgengewitter noch feucht. Schritt um Schritt arbeiten wir uns aufwärts.

Das steilste Stück unterwegs zum Segnespass
Das steilste Stück unterwegs zum Segnespass geht Üsé (links) und Claudio richtig in die Beine.

Nach knapp einer Stunde treffen wir auf eine neugierige Schafherde, deren lautes Blöken uns noch eine Zeit begleiten wird – der Pass aber scheint immer noch gleich weit weg zu sein wie zu Beginn unserer Tour. So stapfen wir steil bergauf. Und weil der Weg oft treppenartig angelegt ist, sind grosse Schritte nötig – das geht in die Oberschenkel. Ein eigenartiger Vogel schreckt direkt vor uns hoch und fliegt schimpfend los – wir tippen auf ein Schneehuhn. Zehn Minuten später müssen wir aufgrund mangelnden Fachwissens erneut tippen: ein Steinadler. Zumindest hat der Greifvogel, der in einiger Entfernung seine Kreise zieht, eine stattliche Flügelspannweite. Wenigstens können wir mittlerweile die Mountain-Lodge-Hütte beim Segnespass ausmachen. Einen wunderbaren Blick haben wir auch auf die wild gezackten Tschingelhörner und das legendäre Martinsloch. Das Felsloch entstand durch Erosion und weist einen Durchmesser von rund 15 Metern auf. Bekannt ist das Martinsloch vor allem, weil die Sonne jedes Jahr jeweils Mitte März und Anfang Oktober an wenigen Tagen für einige Minuten ein paar Sonnenstrahlen durch das Loch schickt, die direkt auf den Kirchturm von Elm fallen. Man geht davon aus, dass der Standort der Kirche beim Bau im 15. Jahrhundert aufgrund dieser astronomischen Eigenheit gewählt wurde.

Bei den Tschingelhörnern geht es tektonisch drunter und drüber

Ein gellender Pfiff macht auf das Murmeltier aufmerksam
Ein gellender Pfiff macht auf das Murmeltier aufmerksam.

Warum die Gegend, durch die diese Schweiz-Mobil-Route führt, seit 2008 als «Tektonikarena Sardona» zum Unesco-Welterbe gehört, ist erst auf den zweiten Blick ersichtlich: Der obere, gezackte Teil der Tschingelhörner ist dünkler als die Felsen darunter, dazwischen verläuft eine klare helle Trennschicht. Dieses Phänomen ist als Glarner Hauptüberschiebung bekannt und erzählt eine gut 300 Millionen Jahre alte Geschichte: Bei der Kollision der afrikanischen mit der europäischen Kontinentalplatte wurde hier die sogenannte Verrucano-Gesteinsschicht über die viel jüngere Schicht aus schiefrigem Flysch geschoben. Die helle Kalkschicht dazwischen wirkte als Schmiermittel. Normalerweise schieben sich jüngere über ältere Schichten – aber bei den Tschingelhörnern, mit der rund 250 bis 300 Millionen Jahre alte Verrucano-Schicht oben und der nur 35 bis 50 Millionen Jahre alten Schicht unten, steht die Welt Kopf.

Ohne die quietschende Hilda läuft nichts in der Mountain-Lodge

Das berühmte Martinsloch in den Tschingelhörnern
Durchs berühmte Martinsloch in den Tschingelhörnern schickt die Sonne an seltenen Tagen ein paar Sonnenstrahlen direkt zum Elmer Kirchturm.

Unser Weg führt nun in vielen Serpentinen ein Schuttfeld hoch, und von Weitem schon hören wir, wie Hilda quietscht und rattert. Hilda ist der Name des kleinen Windrades, das für die Mountain-Lodge-Hütte Strom generiert. Dies erzählt uns Besitzer Raini (47), während wir uns vom Aufstieg erholen und am knisternden Feuer des kleinen Ofens aufwärmen. Denn draussen weht ein kalter Wind. Für Raini und die 28-jährige Hüttenwartin Petra normal: Hier oben auf gut 2600 m ü. M. werde es selbst im Sommer nie wärmer als 16 Grad.

Die Felsblöcke am Ende der Ebene erzählen, wie der Segnesboden entstand.

Gleich nach dem Pass erwartet uns ein steiles Schneefeld – ein Überbleibsel des schneereichen Winters. Glücklicherweise ist die Schneedecke relativ weich, sodass wir es sicheren Trittes im Zickzack nach unten schaffen. Nun befinden wir uns in einer weiteren Landschaft von nationaler Bedeutung: dem oberen und unteren Segnesboden. Davon, wie dieses Gebiet entstand, erzählen die Felsblöcke am Ende der Ebene. Ursprünglich befand sich hier ein Tal, das vor knapp 9500 Jahren durch den Flimser Bergsturz abgeriegelt wurde. Das Tal füllte sich mit dem Schutt der Gebirgsbäche und wurde so zur heutigen Schwemm­ebene und Moorlandschaft. Links und rechts ergiessen sich die ­Wassermassen über Wasserfälle in die Ebene.

Die Mountain-Lodge-Hütte auf dem Segnespass bietet einen Rastplatz
Die Mountain-Lodge-Hütte auf dem Segnespass bietet einen Rastplatz.

Von gurgelnden Bachläufen begleitet, erreichen wir den Wegweiser, der uns aus dieser herrlichen Ebene hinaus in Richtung Sesselbahnstation Naraus führt. Wenigen Berggängern ist bewusst, dass eine solch gute Signalisation nicht selbstverständlich ist: Rund 100 000 Wegweiser geleiten in der Schweiz die Wanderer sicher durch ein Wanderwegnetz von gut 60 000 Kilometern Länge. Und nicht nur diese Tafeln, auch die Wege müssen unterhalten und repariert werden. Dafür werden jährlich rund 700 000 Stunden Arbeit geleistet, gut 100 000 davon gratis durch Freiwillige.

Ein gellender Pfiff lenkt unsere Blicke nach rechts. Etwas unter uns hockt ein Murmeltier auf seinem Stein und dahinter, aus sicherer Entfernung, beäugt uns mit neugierigem Blick ein Fuchs. Die Bergstation Naraus, der Endpunkt unserer Wanderung, ist bereits in Sicht – wenn auch nur in weiter Ferne. Aber da der Weg eben oder leicht bergab verläuft und erst noch ein schönes Panorama mit dem Felsmassiv des Flimsersteins und den Gipfeln der Signina-Gruppe bietet, sind wir trotz müden Muskeln relativ leichtfüssig unterwegs – und dieses Mal froh, das Ziel vor Augen zu haben.

Wanderland, Sardona-Welterbe-Weg

Die Karte zur Wanderung
Die Karte zur Wanderung über den Segnespass

Anreise/Rückreise: Mit Bahn und Bus nach Elm (Haltestelle: Station), Fussweg ca. 15 Min. bis Tschinglenbahn, mit Bahn bis Nideren / retour ab Bergstation Naraus bis Flims und mit Bus und Bahn via Chur zurück.

Etappe 06 (wie beschrieben): Nideren–Segnespass–Segnesboden–Naraus

Dauer: reine Wanderzeit ca. 5¼ h.

Anforderung: schwer

Länge: 11 Kilometer

Höhenmeter: 1111 m

Bemerkung: Die gesamte Etappe 06 führt von Elm nach Flims ohne Benutzung der Bergbahnen (Wanderzeit ca. 8¾ h).

Karten: siehe www.schweizmobil.ch

Gratis-App: Auf dem iPhone können Swisstopo-Karten (Massstab 1:25 000) inklusive Wanderwegnetz aufgerufen werden – mit der kostenlosen Applikation von SchweizMobil.
Download: www.schweizmobil.ch

Weitere Informationen: www.wanderland.ch (Eingabe Suche 73.06)

Sponsoring by: Die Migros ist langjährige Partnerin von SchweizMobil.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Philipp Dubs