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02. Dezember 2013

Wenn Schulen Schule machen

Sie sind notenfrei, innovativ, fördern Kinder individuell oder beziehen Eltern mit ein: Viele hiesige Schulen leisten Hervorragendes. Nun werden diese Leistungen erstmals mit einem gesamtschweizerischen Schulpreis belohnt. Das Migros-Magazin stellt drei Finalisten vor.

Nach ihrem morgendlichen Ausflug malen Yoshua (5) und seine Gschpänli vor einem alten Bauwagen am Waldrand.
Nach ihrem morgendlichen Ausflug malen Yoshua (5) und seine Gschpänli vor einem alten Bauwagen am Waldrand.

Yoshua kämpft sich durchs Unterholz. Emsig klettert der Dreikäsehoch über den blätterbedeckten, rutschigen Waldboden den Hang hinauf. Leicht keuchend, die Kappe verrutscht, bleibt der Fünfjährige stehen und blickt in die Baumwipfel hinauf. «Hansjakob», fragt er, «gibt es hier auch Fledermäuse?» Hansjakob Tinner (52), Schreiner und Pädagoge in Ausbildung, bleibt ebenfalls stehen. Ja, durchaus, antwortet er, aber die würden nur nachts herumfliegen. Yoshua überlegt noch einen Moment und stapft dann weiter durchs Dickicht.

Aleandro erzählt von seiner Schule
Aleandro erzählt von seiner Schule. (Bild Samuel Trümpy)

WAS SCHÜLER WOLLEN
Die Filminterviews: Aleandro möchte mal Roboter entwickeln. Er und andere Schüler der drei Institutionen erzählen in Videos über sich und ihre Schulen. Zum Artikel

Ausserdem:Mitinitiantin des Schweizer Schulpreises und Stiftungspräsidentin Carolina Müller-Möhl im Gespräch. Zum Artikel

Ältere Schüler wie Lia (14) haben eigene, selber gestaltete Arbeitsplätze.
Ältere Schüler wie Lia (14) haben eigene, selber gestaltete Arbeitsplätze.

Es ist ein sonniger, kühler Herbstmorgen, und die fünf- bis neunjährigen Basisstüfler der Scuola Vivante in Buchs SG haben wie jeden Donnerstag Schule im Freien. Unter der Leitung von Klassenlehrerin Flurina Jöhrin (32) trifft die Gruppe den Förster Andreas Gerber (56), der später mit einer Baumfällaktion für ein Highlight des Tages sorgen soll. Solche Erlebnisse gehören zum Konzept der Schule, die sich vernetztes Lernen auf die Fahne geschrieben hat und ihren Schützlingen «Begegnungen mit der Welt» ermöglicht. Weitere Anliegen der Buchser Privatschule: Förderung der individuellen Begabungen, gewaltfreie Konflikt- und Versöhnungskultur, Sprachenvielfalt, Offenheit für andere Kulturen. Mit der Ausrichtung hat es die Scuola Vivante unter die 18 Schulen geschafft, die als Finalisten um den ersten Platz beim Schweizer Schulpreis kämpfen. Er wird am 5. Dezember in Bern vergeben und soll für einmal das ins Scheinwerferlicht stellen, was hierzulande gut läuft im Bildungsbereich. «Nach den negativen Schlagzeilen der letzten Jahre braucht es jetzt positive Meldungen über die Schule», sagt Mitinitiantin Carolina Müller-Möhl (siehe Interview Seite 27). Über 100 Schulen haben sich für den Preis beworben und sich einer strengen Prüfung unterzogen. Gefragt waren gute Ideen, von denen nach Möglichkeit auch andere Schulen profitieren können.

Individuelles Lernen soll die Gymischüler aufs Studium vorbereiten.
Individuelles Lernen soll die Gymischüler aufs Studium vorbereiten.

Auch am Gymnasium Bäumlihof in Basel fand man, dass man durchaus etwas anzubieten hat. Die 600 Schüler starke Kantonsschule liegt am Rand der Stadt auf der grünen Wiese. Als in den 90er-Jahren die freie Mittelschulwahl innerhalb Basel-Stadt eingeführt wurde, entschieden sich viele Jugendliche für ein Gymi in der Innerstadt. «Das Zentrum übte eine richtige Sogwirkung aus», sagt Anna-Katharina Schmid (54), Rektorin des Gymnasiums Bäumlihof. Lösungen gegen die Abwanderung von Schülern wurden gesucht und ein innovativer Ansatz gefunden: das Pilotprojekt «GBplus», das seit 2010 in acht Klassen läuft. Für die 100 beteiligten Schüler unterteilt sich der Unterricht in 70 Prozent Klassenstunden und 30 Prozent individuelles Lernen, kurz InL genannt.

An einem Dienstagnachmittag sieht das so aus, dass sich ein paar Dutzend Schüler auf die oberste Etage des Nordflügels verteilen. Sie sitzen in Zweier- und Dreiergruppen zusammen, auf grünen Sofas im Gang, an Pulten in Klassen- oder Sitzungszimmern. Es herrscht entspannte Geschäftigkeit. Diese Stunden gestaltet jeder Schüler nach seinen Bedürfnissen. Coaches helfen in regelmässigen Gesprächen, den persönlichen Lehrplan zu erstellen und zu verfolgen, Lernbetreuer sind während der obligatorischen Präsenzzeit von 7.40 bis 17.30 Uhr für Erklärungen und Hilfe verfügbar. Insgesamt verbringen diese Mädchen und Jungen – auch P-Schüler genannt – mehr Zeit an der Schule als die Kollegen der Regelklassen. Dafür können sie sich für maximal sechs Stunden pro Woche unbegründet von der InL-Zeit abmelden.

Der Umgang mit freien Stunden muss erlernt werden

Nicht zu unterschätzen ist die Versuchung, die freien Stunden mit Chillen, Schwatzen und Musikhören zu vertrödeln. Das hat auch Leo (14) aus der zweiten Klasse erfahren: «Ich musste lernen, mit der verfügbaren Zeit sinnvoll umzugehen», sagt er, «aber jetzt erledige ich alles hier und arbeite zu Hause kaum noch.» Das gilt auch für den 15-jährigen Fabian aus der dritten Klasse, wobei dieser ergänzt: «Vor einer Prüfungswoche lerne ich daheim noch drei bis vier Stunden.» Prüfungen finden für die P-Schüler nur jede siebte Woche statt, am Ende einer sechswöchigen Phase, in der drei bis vier Schwerpunktfächer intensiv gelehrt und gelernt werden.

Für die Lehrer ist das eine neue Herausforderung. «Man muss ganz anders planen und für die einzelnen Schüler Aufträge verfassen», erklärt Charles Gorgerat (34), Französisch- und Sportlehrer. Er findet aber, dass sich die Umstellung lohnt: «Wir können den Stoff besser vertiefen, weil jeweils nur wenige Fächer parallel behandelt werden.» Und dass nicht dauernd Tests anstehen, wirke sich positiv auf die Lernatmosphäre aus. Französischlehrerin Maria Giganto (42) ergänzt: «Die Beziehung zum einzelnen Schüler wird näher, man fühlt sich als Team.» Auch der Zusammenhalt unter den Schülern sei eng, hat Biologie- und Chemielehrer Sacha Glardon (44) festgestellt.

Bleibt noch die Frage nach den Leistungen. «Der Notendurchschnitt der P-Klassen ist leicht höher als in den Regelklassen», sagt Werner Schneider (60), Konrektor des Gymnasiums. Er räumt ein: «Ob das spezielle Konzept mehr Erfolg bringt oder einfach stärkere Schüler anzieht, ist offen.» Klar ist hingegen: Dank «GBplus» gibt es zahlreiche Schüler, für die kein anderes Gymnasium mehr als der Bäumlihof in Frage kommt. Von einem guten Abschneiden beim Schulpreis erhofft sich Rektorin Schmid vor allem einen «Effekt nach innen»: Eine Auszeichnung wäre eine Anerkennung für den Effort, den insbesondere die Lehrer leisten. «Sie tragen viel mit», sagt Schmid, «ohne sie wäre unser Modell gar nicht machbar.»

Auch Eltern wirken an der Schule mit

Im Bewegungsraum bauen die Kids Energie ab und Konzentration auf.

Manchmal gehts auch nicht ohne Eltern, zum Beispiel an der Primarschule Mythen in Rickenbach SZ, die ebenfalls zu den Finalisten des Schulpreises gehört. Seit der Konzeptentwicklung vor sieben Jahren arbeiten drei Mütter regelmässig an der Schule mit. Eine von ihnen ist Caterina Serioli (52). Sie hat vier Kinder, eines noch im Schulhaus Mythen und eines, das es nicht nötig findet, dass die Mutter an der Schule mitarbeitet. Doch Serioli machen die zwei bis sieben Stunden wöchentlich Spass, in denen sie mit den Kindern malt oder forscht. Heute betreut sie gerade die Fünft- und Sechstklässler im Forscherraum. Nach einer kurzen Runde am Tisch verteilen sich die Mädchen und Jungen auf den Raum. Julia (11) und Jana (12) setzen sich ans Mikroskop, Nico (12) und Alesch (11) ans Schachbrett, ein paar andere scharen sich um eine selbst gebastelte Kügelibahn. In den Gestellen stehen Bücher über Magnetismus, Bastelanleitungen und Tüftelspiele. Der Forscherraum gehört zusammen mit dem Kreativ- und dem Bewegungsraum zu den Speziali-täten der Schule Mythen.

Unter dem Motto «Fit und stark fürs Leben» haben Schulleiterin Marie-theres Purtschert (54) und das Lehrerteam weitere Projekte entwickelt, um die individuellen Begabungen der Kinder zu fördern und ihr Selbstvertrauen zu stärken.

Purtschert wäre es eine Freude, wenn einige der Rickenbacher Ideen dank dem Schulpreis von anderen Schulen kopiert würden. Die Unterstützung durch die Eltern hält sie für zentral: «Das ist weit mehr als Kuchenbacken», sagt sie, «wir spüren, dass unsere Schule durch die Eltern mitgetragen wird, das wirkt sich positiv auf das Schulklima aus.» Und sie ist überzeugt: Sehr viele Eltern würden sich gerne in der Schule einbringen, was leider vielerorts nicht erwünscht sei. Purtschert geht ihren Weg unverdrossen weiter. Das Einzige, was sie manchmal in ihrer Innovationslust bremst, sind Noten und Zeugnisse. «Aber da müssen wir durch», sagt sie achselzuckend.

Dass es tatsächlich gänzlich ohne geht, zeigt die Scuola Vivante in Buchs SG. Hier gibt es keine Noten, sondern Leistungsgespräche mit Eltern und Schülern, Beurteilungsberichte von den Lehrern und Portfolios, welche die Schüler verfassen. Zwar wird jeder Bericht auch in Noten «übersetzt», gebraucht werden diese Zeugnisse aber nur bei Über- und Austritten.

Für die Jüngsten sind Noten ohnehin noch kein Thema. Die kleinen Aben-teurer der Basisstufe scharen sich inzwischen um Förster Gerber, der mit ihnen ein paar gesammelte Gegenstände anschaut: Moos, Plastikabfall, Baumrinde. Ronja (9) identifiziert einen Birkenast. Chiara (9) sucht auf dem Waldboden nach einem Tausendfüssler, der ihr von der Hand gefallen ist. Yoshua schliesslich knabbert an einem Buchennüssli. Er hat gerade gelernt, dass es essbar ist. Auch so kann Schule aussehen.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Samuel Trümpy