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18. August 2014

ADHS: Wenn Rituale an Grenzen stossen

Helfen bei Reizüberflutung und Konzentrationsmangel oft mehr Strukturen und verhaltenstherapeutische Ansätze, benötigen andere ADHS-Betroffene (zeitweise) auch medikamentöse Behandlung. Welche Anzeichen gilt es ernst zu nehmen und worin bestehen die gängigen Therapien?

Kein Hans-guck-in-die-Luft (Bild allesalltag)

ADHS äussert sich primär einmal durch drei Hauptsymptome:
1. Kaum über längere Zeit anhaltende Aufmerksamkeit für eine Sache, Ablenkbarkeit in hohem Mass
2. Mangelnde oder ganz ausbleibende Impulskontrolle ('Hyper-Impulsivität')
3.Aktivität weit über dem normalen Mass ('Hyperaktivität')

Ritalin oder ähnliche Mittel allein können bei gravierenderen Fällen das Kind nicht mit hoher Konzentrationsfähigkeit ausstatten und sämtliche negativen Begleiterscheinungen wegzaubern. Meist werden sie begleitend zu Verhaltens- oder Psychotherapie oder teils anderen Behandlungen eingesetzt. Dennoch gilt für die meisten Ärzte die Einnahme von Medikamenten – zumeist mit dem Wirkstoff Methylphenidat – bei Kindern mit starker Ausprägung des ADHS-Phänomens in gewissen Phasen als unabdingbar.

Sollten sie im entsprechenden Alter des Kindes eine Mehrheit der folgenden Symptome von ADHS in markanter Form feststellen, empfiehlt sich jedoch keineswegs gleich der Weg zum Medikamentenschrank (wenn andere Angehörige bereits Ritalin oder vergleichbares einnehmen) oder zur Apotheke (ohne Indikation ohnehin nutzlos!). Dann ist vorab der Gang zum Arzt angezeigt: Einem Spezialisten oder dem Hausarzt, der sie zu Tests weiter verweist oder sich aufgrund der Familiengeschichte und viel Arbeit mit betroffenen Kindern gut auskennt. In der Regel werden für die Diagnose körperliche Untersuchungen (Motorik/Koordination) vorgenommen, Verhaltensabklärungen, weiter eine Analyse der Krankheitsgeschichte mit Einbezug des näheren familiären Umfelds, Entwicklungs- und psychologische Einschätzungen, Messungen von Hirn- und Herzströmen (dank Biomarkern wird hier einiges sichtbar) und zuletzt medizinische und Laboruntersuchungen zum Ausschluss anderer Erkrankungen (physisch und psychisch).

IM SÄUGLINGSALTER
- Häufiges lang anhaltendes Schreien
- Grosse, immer wiederkehrende Ess- und Schlafprobleme
- Generelle Ablehnung von Körperkontakt (über längere Phasen)
- Grosse Unruhe im Bewegungsapparat (ausser im Schlaf kaum ruhige Phasen)
- Übellaunigkeit ('muderig'/'unleidig') über längere Zeitabstände

IM KLEINKINDALTER (bis Kindergarten)
- Unfallgefahr klar über dem Mittel (fast täglich stösst es schmerzhaft irgendwo an, weiss oft nicht mehr wann/wo)
- Keine Ausdauer beim Spielen (allein, zu zweit oder in Gruppen)
- Kein beständiges Interesse an (denselben) Freunden, generell sprunghaftes Sozialverhalten
- Abrupte Wechsel im Handeln (tut etwas, bricht im nächsten Moment, ohne Abschluss einer Tätigkeit, ab)
- Klar vom Durchschnittswert abweichender Spracherwerb (sehr spät oder auch sehr früh!)
- Öfters starke Trotzreaktionen/-phasen
- Meist plötzlich auftretende Schwächen in der Grob- und Feinmotorik (Bewegungsabläufen), im Sehen oder Hören

IM GRUNDSCHULALTER (bis ca. 12 Jahre)
- Wiederholtes Stören im Unterricht, sehr hohes Ablenkungspotential, selten bis nie gezeigte Ausdauer
- Häufige Wutanfälle oder aggressives Verhalten, überhaupt emotionale Instabilität (z.B. kaum längere Phasen mit guter oder schlechter Laune)
- Geringe bis fehlende Frustrationstoleranz
- Überhastetes Sprechen (Verhaspeln oder 'Poltern'),lange aufrecht erhaltene Geräuschproduktion oder nicht abbrechende Sprechphasen (speziell wenn die Hauptaussage längst vorbei ist)
- Unangepasst scheinender Ausdruck in Mimik und Gestik (inkonsistente 'Körpersprache')
- Ungeschicklichkeit (häufige 'Unfälle', siehe unter Kleinkindalter)
- Generelle Mühe mit dem Einhalten von Regeln in Schule und Familie
- Auffallende Lese/Schreib- oder Rechenschwächen, Leistungsprobleme bis zu Klassenwiederholung (noch mehr als für andere Symptome gilt hier: es kann andere Ursachen haben!)
- Mangelnde Selbstsicherheit, kaum (gezeigtes) Selbstbewusstsein

IM JUGENDALTER
- Anzeichen genereller Leistungsverweigerung ('Null-Bock')
- Ängste, fehlendes Selbstwertgefühl (siehe Grundschulalter), gar Leiden unter Depressionen
- Nur unregelmässige, nie lange anhaltende Anzeichen von Aufmerksamkeit
- Wiederholtes und virulentes Aufbegehren gegen Autoritäten (Schule und zu Hause)
- Überdurchschnittliche Neigung zu Alkoholkonsum, Drogen, Straftaten, Eingebundensein oder regelmässige Kontakte zu Randgruppen
- Hang zu Unfällen (auch im Verkehr, ansonsten siehe oben)

IM ERWACHSENENALTER
- Vergesslichkeit ('schusselig')
- Wenig lange dauernde Beziehungen in Arbeitswelt oder auch Liebe
- Starke Mühe, zuverlässig Aufgaben zu planen und zum Ende zu bringen
- Ängste, Zornausbrücke, Unstetigkeit im Verhalten (siehe oben)
- Wiederkehrende Angstzustände und/oder Depression
- Neigung zu Straftaten, Alkohol- oder Drogenkonsum

Positive Effekte

Oft vergessen geht, dass ADHS auch an sich willkommene Begleiterscheinungen nach sich zieht. Viele Betroffene beweisen überdurchschnittlich viel...
1. Kreativität
2. Begeisterungsfähigkeit
3. Ideenreichtum
4. Gerechtigkeitssinn oder
5. Hilfsbereitschaft.

Die gängigen Behandlungsansätze

Gerade die zuletzt erwähnten positiven Anzeichen für ADHS legen nahe, dass es bei Therapieversuchen nicht darum geht, eine Person (meist ein Kind, nicht selten erfolgt die Diagnose aber erst bei Erwachsenen) vom Phänomen ganz zu befreien und damit in die Persönlichkeit einzugreifen. Dies wäre auch illusorisch. Das Ziel gerade bei den stark Betroffenen (bei den andern tun es zumeist die Änderung gewisser Verhaltensweisen und Konzentrationsübungen) liegt vielmehr darin, die negativen Begleiterscheinungen so weit in den Griff zu kriegen, dass der Schul- und später Arbeitsalltag oder das Sozialverhalten zu keinen grösseren Benachteiligungen oder Problemen führt.
Weiter gilt es festzuhalten, dass bei stark an ADHS Leidenden selten eine der aufgeführten Massnahmen allein gewählt wird.

Die medikamentöse Therapie: Hier erscheinen die Verschreibungen von Ritalin oder Konkurrenzprodukten mit hauptsächlich demselben Wirkstoff Methylphenidat mit Abstand an der Spitze. Sprechen Betroffene kaum darauf an oder zeigen überdurchschnittliche Nebenerscheinungen (speziell Kopfschmerzen, Appetitminderung oder sogenannte 'Ticstörungen'), greifen Ärzte auch bisweilen zu Amphetaminpräparaten., vereinzelt auch zum (selektiven) Noredralinhemmer Atomoxetin, oder zu ähnlichen Stoffen wie Buproprion, Venlafaxin oder Reboxetin. In bestimmten Fällen auch zu Medikamenten, die ebenfalls als Antidepressiva (weil einige Betroffene ja auch unter Depressionen leiden) eingesetzt werden, wie Mirtazapin oder Doxepin.

Verhaltenstherapie: Es gibt einige verhaltenstherapeutische Ansätze bereits für (Klein-)Kinder, damit wird teils das Selbstwertgefühl gesteigert, bestimmte Verhaltensänderungen mit der behandelnden Person eingeübt und teils in Selbstinstruktion zu Hause (bei Kleinen natürlich mit den Eltern) weitergeführt.

Psychotherapie: In der mehrschienig aufgegleisten Behandlung meist dabei. Zur Behandlung gravierender Folgeerscheinungen Suchtproblemen, Essstörungen, Ängsten und Depressionen wird oft eine tiefenpsychologische oder psychoanalytische Ansatz verfolgt.

Schulinterventionen Werden ab und an auch nötig.

Familien- oder systemische Therapie kann ebenfalls anberaumt werden, wenn für eine Verbesserung gewisse Beziehungsschemata in der Familie geändert werden sollen, etwa auch in Fällen, bei denen mehrere stark von ADHS Betroffene zusammenleben.

*Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 5. November 2012 publiziert.

Autor: Reto Meisser