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05. Januar 2015

Wenn nichts passiert

Wo war ich stehen geblieben? Richtig: unten an der Hecke bei den Altglascontainern. Dem Roland begegnete ich dort, und ein Wort ergab das andere. Nach dem Boot erkundigte ich mich, das er und sein Sohn bauen wollten … Doch, doch, das komme, beschied Roland mir, aber die Einwasserung finde frühestens im Frühjahr statt. Zuvor hatte ich vor der Quartier-Migros einen Schwatz mit Giordana gehalten, in der Drogerie an einem eigens vom Personal kreierten Duschgel geschnüffelt und es gleich gekauft, vor der Bäckerei noch die Ruth angetroffen. «Schon wieder Ferien gehabt? Ihr Verwöhnten!»

«Ein Schwatz auf dem Weg zum Briefkasten …»
«Ein Schwatz auf dem Weg zum Briefkasten …»

Und erwarten Sie bloss nicht, dass in dieser Kolumne noch etwas passiert. Es wird nichts passieren. Ausser dass ich Anna Luna ermahne, doch bitte noch ihrem Götti Nils fürs Weihnachtsgeschenk zu danken. «Das Couvert ist noch gerade offen, ich habe ihm auch geschrieben – du hättest noch kurz Zeit, ein eigenes Kärtchen dazuzustecken, und ab die Post», ermuntere ich sie. «Aber ich hab ihm doch längst gewhatsappt», erwidert Tochterherz, «das reicht.» Und noch ehe ich protestieren kann, das sei doch nicht dasselbe, mokiert sich Hans im Vati-Ton: «Aber, Anna Luna! Das ist doch nicht dasselbe! Richtig schreiben ist doch viiiiel wertvoller als eine Kurznachricht! Also, die heutige Jugend …» Und als ginge es darum, mich noch ganz der Lächerlichkeit preiszugeben, zeigt nun mein eigenes Handy den Eingang einer Sprachnachricht an – von Götti Nils. Darin bedanken sich seine Buben: «Messi viu maau fü’d Lego u fü’d Büechä …», und das kleine Tondokument ist so drollig, dass wir es mehrmals en famille anhören. Auf dem Weg zum Briefkasten dann kreuze ich Nachbarin Gabriella mit dem riesenbreiten Zwillingskinderwagen. «Die sind jetzt auch schon acht Monate alt?», erkundige ich mich und steige vom Rad.

Höchste Zeit, hier mal das Lob des Quartiers anzustimmen! Berner Freunde, die uns in einer grossen, garstigen, anonymen Stadt wähnen, in diesem bösen Zürich draussen, würden staunen: Hier grüsst man sich auf dem Trottoir. Wie im Dorf. Ja, dörflich ist es, unser Quartier am Rand der Stadt. Nicht hässlich, aber auch nicht besonders hübsch und bestimmt kein Ort, den man als Tourist aufsuchen würde. Aber einer, wo ich alles bekommen kann. Mein Snowboard? Habe ich im Sportladen im Quartier gekauft. Mein Velo? Beim spezialisierten Mech. Im Quartier kann ich die Schuhe flicken, einen neuen Reissverschluss in die Schneehose nähen und meinen Kittel reinigen lassen, sogar Druckerpatronen gibts unten an der Ecke, beim Computerfachmann, einem Einmannbudeli. In der Werkstatt des Quartierzentrums zimmert Hans seine Erfindungen, zuletzt ein Wandgestell für unsere vielen Skateboards. Ablenkung gibts. Und Aufmunterung: «Hats deiner auch so streng im Franz?» – «Ja, waren aber auch brutal viele Ufzgi!» Und schon ist das Leid, geteilt, nur noch ein halbes. Manchmal hole ich nur rasch Eier – und unterhalte mich unterwegs mit fünf, sechs Menschen.

Sehen Sie? Nichts Weltbewegendes geschehen, in dieser Kolumne. Aber vielleicht sind es die unscheinbaren Dinge, die die Welt bewegen? Die zufälligen Begegnungen, die kaum merklichen Begebenheiten. Dies, nur dies will ich mir vornehmen fürs eben angebrochene Jahr: noch besser auf die kleinen Dinge zu achten.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli