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06. August 2012

Wenn nachts der Atem stockt

Jeder zweite Schweizer schnarcht ab und zu, das ist nicht weiter bedenklich. Aber das rasselnde Geräusch kann auch Anzeichen für eine Krankheit sein: die Schlafapnoe. Betroffene haben in der Nacht regelmässig Atemaussetzer – mit zum Teil schwerwiegenden Folgen.

Mit der CPAP-Maske kann Jean-Claude Loosli ruhig schlafen: Durch einen Schlauch wird Sauerstoff in den Rachen gepumpt. Die Atemwege 
bleiben offen. (Bild: Tina Steinauer)

Was ist eine Schlafapnoe? Mehr zu den Symptomen, Risikofaktoren und Therapiemöglichkeiten: Schlaf ohne Erholung

Einmal ist Jean-Claude Loosli (67) mitten im Gespräch eingeschlafen, ein anderes Mal auf einem Ausflugsdampfer, der Reiseleiter hatte gerade mit seinem Vortrag begonnen. Der Rentner schlief im Sitzen, im Stehen und sogar im Gehen ein, tagtäglich. Etwa drei Jahre ging das so, und es wurde immer schlimmer.

Woher diese bleierne Müdigkeit kam? Loosli hat lange gerätselt. Bis sein Hausarzt seine Schläfrigkeit richtig deutete und ihn in die Klinik für Schlafmedizin (KSM) in Bad Zurzach AG überwies. Eine Nacht im Schlaflabor brachte Klarheit: Jean-Claude Loosli ist Apnoiker. Anstatt sich nachts zu erholen, wurde sein Schlaf immer wieder durch Atemaussetzer unterbrochen.

Bis zu 50 Prozent aller Schweizer schnarchen. Zumindest ab und zu. Und zwar immer dann, wenn die Muskeln im Rachenraum während des Schlafs erschlaffen und der Atem nicht frei fliessen kann. «Gesundheitlich schädlich ist das in der Regel nicht», sagt Christian Neumann, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Leiter der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach.

Betroffene bekommen bis zu zwei Minuten lang keine Luft

Bei einem von zehn Schnarchern liegt jedoch eine Apnoe vor. Bei ihm erschlaffen die Muskeln so stark, dass sie die Luftwege ganz verschliessen. Der Atem stockt, das Gehirn schlägt Alarm (siehe Infobox rechts). «Gemerkt hat der Betroffene von dem nächtlichen Aussetzer meist nichts», sagt Christian Neumann. Dabei kann das Wechselspiel aus Atemstillstand und Alarmreaktionen des Gehirns auf Dauer lebenswichtige Körperfunktionen empfindlich stören, die Folgen reichen von Herzrhythmusstörungen bis zum Herzinfarkt. Ausserdem erhöhe sich das Risiko, im Schlaf einen plötzlichen Herztod oder Schlaganfall zu erleiden.

Herzrhythmus, Hirnströme, Atmung, Sauerstoffgehalt im Blut: Christian Neumann, Leiter der Klinik für Schlafmedizin, wertet die Daten eines Patienten aus, die während der Nacht im Schlaflabor aufgezeichnet wurden. (Bild: KSM)
Herzrhythmus, Hirnströme, Atmung, Sauerstoffgehalt im Blut: Christian Neumann, Leiter der Klinik für Schlafmedizin, wertet die Daten eines Patienten aus, die während der Nacht im Schlaflabor aufgezeichnet wurden. (Bild: KSM)

Etwa 2000 Patienten werden jährlich in der KSM Bad Zurzach behandelt, etwa die Hälfte von ihnen leidet unter einer Apnoe. Im Gespräch und anhand eines Fragebogens klären die Mediziner unter anderem, wie häufig ein Patient schnarcht, in welcher Schlafposition und in welcher Lautstärke.

Bei Jean-Claude Loosli war der Fall eindeutig. Im Juni 2011 verbrachte er eine Nacht im Schlaflabor der KSM. Herzrhythmus, Hirnströme, Atmung, Sauerstoffgehalt im Blut – zahllose Kabel führten von Maschinen zu Looslis Kopf, Brust und Beinen, an deren Enden kleine Sensoren seine Werte messen sollten.

Dabei muss nicht jede diagnostizierte Schlafapnoe auch behandelt werden. Eine geringe Zahl an kurzen Atemaussetzern in der Stunde ist ungefährlich, sagen Experten. Erst bei einem Wert von zehn Aussetzern bestehe Handlungsbedarf. Bei Jean-Claude Loosli waren es 118 pro Stunde. «Wie lange hätte es noch gedauert bis zum Herzinfarkt?», sei ihm damals durch den Kopf gegangen. Laut seiner Ärzte kam nur eine Behandlungsmethode in Frage: Die sogenannte Ventilationstherapie mit dem Continuous Positive Airway Pressure, kurz CPAP-Gerät, einer Atemmaske, die der Patient nachts über Nase und Mund gestülpt trägt. Auf Jean-Claude Looslis Nachttisch steht seitdem eine Art Kompressor, ein kleiner Kasten, aus dem Luft durch einen Schlauch in die Maske gepresst wird. Der Effekt: Der Druck hält die Atemwege offen, sodass Loosli frei atmen kann.

Die Sauerstoffmaske ist für starke Apnoiker die grösste Hilfe

«Wir halten sehr viel von dieser Methode», betont Christian Neumann. Aber nicht jeder Betroffene wird so behandelt. Wurde das Schnarchen als ungefährlich eingestuft, ist der Patient meist selbst gefragt: Leidet er an Übergewicht, sollte er abnehmen, denn je mehr Fett in den Muskelzellen vorhanden ist, desto schneller erschlaffen die Muskeln im Rachenraum. Ausserdem helfe es oft, drei bis vier Stunden vor dem Zubettgehen nicht mehr zu rauchen und keinen Alkohol zu trinken. Verstärkt beispielsweise ein weit hinten stehender Unterkiefer das Schnarchen, kann eine Zahnschiene den Unterkiefer vorziehen. Möglichkeiten gebe es einige, und viele helfen auch im Falle einer Apnoe.

Christian Neumann: «Trotzdem erzielen wir bei einer starken Apnoe die meisten Erfolge mit der CPAP-Maske.» Das kann Jean-Claude Loosli bestätigen. Er verbrachte noch eine Nacht im Schlaflabor, diesmal mit Maske. Statt 118 wurden nur noch drei Atemaussetzer pro Stunde gezählt. «Ausserdem schnarche ich heute kaum noch», erzählt er zufrieden. Stören tue ihn die Maske im Schlaf eigentlich nicht. Jean-Claude Loosli: «Tagsüber fühle ich mich endlich wieder fit und ausgeruht. Das ist die Hauptsache.»

Autor: Evelin Hartmann