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11. Februar 2013

Wenn Mama das Training leitet

Wenn Papa den Skilehrer spielt
Achtung «Pizza»! Häufig spielt auch der Papa den Skilehrer. (Bild Getty Images)

«Piiiiiizza», brüllt die Frau und ballt die Fäuste. «Piiiiiizza sag ich – und zwar sofort!» Klarer Fall: Hier ist jemand wirklich total unzufrieden und total unentspannt. Zumal die Dame nicht weiss, was sie will. Eben wollte sie noch Pizza und jetzt fordert sie lautstark: «Pommes!»

Ratespiel: Sind wir beim Italiener um die Ecke? Kalt. Stehen wir an einem Schnellimbiss? Ganz kalt. Auf dem Kasernenhof? Schon wärmer, immerhin ähnelt der Tonfall, den die Mitdreissigerin anschlägt, dem beim Militär. Aber wo sind wir dann? Ich gebe Ihnen einen Tipp: Sportferien. Richtig, wir sind auf einer Schweizer Skipiste. (Ich stehe genau genommen am Rande und beobachte das Schauspiel.) Die Frau, die lautstark aus der Speisekarte zitiert, möchte nichts essen. Nein, sie will ihrem Sohn die hohe Kunst des Skifahrens beibringen. (Falls Ihre Kinder noch sehr klein sind und Ihnen diese Erfahrung fehlt: Das Kommando «Pizza» hiess früher mal «Pflug». Und «Pommes» war mal «Schuss», also Ski parallel stellen. Irgendwann fand man in den alpinen Skischulen, die Kommandos seien zu wenig kinderkompatibel, zu altmodisch. Nun fahren die Kleinen wie Pizzastücke den Hang hinunter. Oder eben wie Pommes frites.)

Nun steht sie also da, die engagierte Mutter, und meint es doch nur gut. Immerhin kann sie selbst höchst elegant ins Tal hinabwedeln. Und wie das in den Skischulen läuft, das weiss sie schon lange. Pizza und Pommes schmecken hausgemacht mindestens genauso gut wie im Restaurant. Für so eine banale Dienstleistung auch noch Geld in den Rachen der Skischulen werfen? Sicher nöd! Mama schafft es auch ohne professionelle Hilfe, ihren ungefähr vierjährigen Sohn brettsicher zu machen. «Pizzzzaa, Gopfertelli!» Die Zuschauer auf der Sonnenterrasse der Skihütte sehen das freilich anders. Aber, was wissen die schon? Die können ja nix, diese Schwätzer. Wer sind die überhaupt? Hängen in den Liegestühlen, halten sich an einem Bier fest und glotzen. Ist ja wie im Fussballstadion. Nix da, Supermama hat alles im Griff. «Gopfertami nomal, Pommmes han i gsait.» Das Bübchen weiss nicht, wie ihm geschieht. Der einzige Effekt des Drills: Es bekommt Hunger. Hmm... e Pizza wär jetzt fein. Oder doch lieber Pommes frites mit Ketchup? – Keine Chance, den Zvieri muss man sich hier verdienen. Die Hobbyskilehrerin hat sich gerade eine neue Übung ausgedacht. Nun soll der Sohnemann ein Stück den Hang hochlaufen, mit angeschnallten Skiern. «Und hopp! Bergfuss hoch. Und hopp! Hangfuss hinterher, hopphopp!» Das Kind versteht nur Bahnhof. Spass sieht irgendwie anders aus. Und zwar auf beiden Seiten. Wären wir in einem Comic, würde in Mamas Gedankenblase stehen: Komme ich ins Gefängnis, wenn ich das Kind hier oben zurücklasse und jetzt schnell mal ins Tal abfahre?

Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Weil diese ehrgeizige Mutter ein Stück weit in jedem von uns steckt. Nur weil wir etwas können, glauben wir, es auch gut unserem Nachwuchs vermitteln zu können. Das ist nicht nur vermessen, sondern auch dämlich. Ich weiss schon, viele Leser werden jetzt sagen: Stimmt nicht, ich habe meinen fünf Kindern problemlos das Skifahren beigebracht, und heute fahren vier von ihnen im Weltcup mit. Mag sein, mag sein. Aber, Hand aufs Herz, war das immer nur gut? Wäre es nicht besser gewesen, den Job jemandem zu überlassen, der das gelernt hat? Ein ausgebildeter Skilehrer hat nicht nur das nötige didaktische Wissen. Er hat auch etwas, was fast wichtiger ist: Distanz. Das mag ein paar Franken kosten, aber ich glaube, das ist gut angelegtes Geld. In der Zeit, in der das Kind unterrichtet wird, könnten seine Eltern auf der Sonnenterrasse entspannen und meinetwegen eine Pizza essen.

Autor: Bettina Leinenbach