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06. Juni 2016

«Vielen Männern ist klar: Wenn sie gehen, verlieren sie ihr Kind»

Viele männliche Opfer von Gewalt bleiben in einer «negativen Spirale» hängen, sagt Oliver Hunziker vom Männerhaus Zwüschehalt. Sind Kinder im Spiel, haben die Männer besonders schlechte Karten.

Oliver Hunziker, Gründer des Männerhauses Zwüschehalt.
Oliver Hunziker, Gründer des Männerhauses Zwüschehalt.

Oliver Hunziker, aus welchen Gründen kommen Männer in das Haus Zwüschehalt?

Meist wegen latenter Gewaltsituationen. Wobei das gelegentlich herumgebotene Bild von grün und blau geschlagenen Männern nicht sehr realistisch ist. Es kommt vor, aber häufiger handelt es sich um psychische Gewalt: Nötigung, Erpressung, Manipulation, Kontrolle. Auch das ist häusliche Gewalt, und meist haben diese Männer keine Möglichkeit, dem auszuweichen. Dann kommen sie zu uns.

Tätlichkeiten sind seltener?

Schwere Gewalt ist selten, weil die Männer sich halt irgendwann wehren – und dann natürlich sofort als Täter gelten. Verbreiteter sind Stossen, Treten, Kratzen, Beissen. Die Reaktion der Männer darauf ist zunächst oft: Na ja, hat ja nicht wehgetan. Aber natürlich sind das Übergriffe, und die sind das Problem, nicht die physischen Wunden.

Nur ganz selten kommt ein Gewaltexzess aus heiterem Himmel, oft schwelen die Konflikte über Jahre, und irgendein Auslöser führt dann zur Explosion.

Ähneln sich die Geschichten?

In der Regel schon. Es sind auch meist Geschichten, die sich hinziehen. Viele Männer halten es erstaunlich lange in solchen Situationen aus – bei den Frauen ist es ja nicht anders. Nur ganz selten kommt ein Gewaltexzess aus heiterem Himmel, oft schwelen die Konflikte über Jahre, und irgendein Auslöser führt dann zur Explosion. Wenn Menschen überfordert sind, reagieren sie mit Gewalt, Männer wie Frauen. Sie wissen sich nicht mehr anders zu helfen.

Was waren ihre krassesten Fälle?

Leute mit Messerstichen oder so tiefen Kratzern am Hals, dass fast die Schlagader betroffen war. So was passiert selten, aber es kommt vor.

Männer tun sich schwer mit der Opferrolle, richtig?

Keine Frage. Es fängt damit an, dass sich der Mann selbst eingestehen muss, Opfer zu sein – oft ist das der schwierigste Teil. Es gehört einfach nicht zu unserer Sozialisation, zum Rollenverständnis als Mann. Es ist ein Zeichen von Schwäche. Aber angenommen, er schafft das und wendet sich nach aussen, bekommt er meistens diese Reaktion: «Ach, jetzt tu doch nicht so. Also bitte!» Das kann von der Polizei kommen, vom Sozialarbeiter, und es ist noch immer weitverbreitet. Erst recht, wenn der Mann dann physisch noch grösser ist als die Frau. Der Mann wird so das zweite Mal zum Opfer, es spielt also ein vergleichbarer Mechanismus, wie bei dem, was vergewaltigte Frauen oftmals im Umgang mit Behörden erleben. Endlich haben sie sich durchgerungen, jemanden ins Vertrauen zu ziehen – und nun lacht der sie aus. Oft rückt die Polizei gar nicht erst aus, und wenn, dann nimmt sie den Mann mit, obwohl er klar das Opfer ist. Wer es bis zu uns schafft, ist meist völlig am Boden. Komplette Zusammenbrüche sind nicht selten.

Wie erleben Sie den Verarbeitungsprozess der Männer?

Sie kommen nach und nach wieder auf die Beine und stellen fest, dass sie zum ersten Mal seit Langem wieder an einem Ort sind, wo sie zur Ruhe kommen können, klar denken, sich frei entfalten.

Wenn Frauen sich in die Opferrolle begeben, ist das gesellschaftlich akzeptiert. Bei Männern ist das nicht vorgesehen.

Normalisiert sich das Leben der meisten dann wieder? Oder bleiben viele nachhaltig angeschlagen?

Es gibt beides, einige können das verarbeiten und sich wieder lösen, andere werden verbittert und bleiben in einer negativen Spirale hängen. Ich glaube, dass es vor allem bei Gewaltvorfällen darauf ankommt, ob es einem Mann gelingt, sein Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Wer sich selbst deswegen weiterhin als Schwächling sieht, für den wird es schwierig. Und das passiert immer wieder, und zwar umso mehr bei Machotypen. Alles in allem ist dieser Prozess nicht sehr anders als derjenige, von dem Frauen aus den Frauenhäusern erzählen. Der zentrale Unterschied ist: Wenn Frauen sich in die Opferrolle begeben, ist das gesellschaftlich akzeptiert. Bei Männern ist das nicht vorgesehen.

Erleben Sie viele Fälle, in denen die Gewaltgeschichte in einen Kampf ums elterliche Sorgerecht mündet?

Das passiert tatsächlich regelmässig. Die Sorge um die Kinder treibt ganz viele Männer um, die in eine solche Situation geraten. Die sagen sich: «Ich kann doch mein Kind nicht bei dieser Frau lassen, das geht doch nicht!» Wenn ein Mann sein Heim auf diese Weise verlässt, dann ist eine Trennung fast schon garantiert. Und die Gesellschaft sieht das ja so: Wenn eine Frau ins Frauenhaus geht, nimmt sie ihre Kinder mit. Wenn ein Mann ins Männerhaus zügelt und die Kinder mitnimmt, nimmt er sie seiner Frau weg. Und das geht natürlich gar nicht.

Frauen bleiben in Gewaltsituationen wegen ihrem Kind. Für Männer gilt das aber eben genauso.

Die Auseinandersetzung ums Kind ist in solchen Situationen also fast unvermeidlich?

Nahezu, ja. Es heisst ja immer: Frauen bleiben in Gewaltsituationen wegen ihrem Kind. Für Männer gilt das aber eben genauso. Denn vielen ist klar, wenn sie gehen, verlieren sie ihr Kind. Wenn sie Vorwürfe gegen die Mutter erheben, werden die gegen sie verwendet. Das hält sie in der Beziehung. Und das Bewusstsein, dass sie ihre Kinder nicht mehr schützen können, wenn sie gehen. Deshalb gilt im Zwüschehalt auch, dass man die Kinder mitbringen kann, das ist ganz zentral.

Väter sind im Konflikt um die Kinder also strukturell benachteiligt?

Das ist nach wie vor so.

Was muss getan werden, damit sich die Situation ändert?

Das alte Männer-Rollenbild müsste sich ändern. Solange weiterhin gilt, dass Männer stark sind, keinen Schmerz kennen und nicht weinen, bleibt alles beim Alten. In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich durchaus einiges bewegt, aber wenn es hart auf hart kommt, fällt man wieder in die alten Bilder zurück – die sitzen tief. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sie verschwinden.

Autor: Ralf Kaminski