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09. Februar 2015

Wenn Liebe tötet

Kreuz mit Blumen
Bild: iStockPhoto

Wir müssen heute über Nicolas (5) und Alessia (2) reden. Ich habe mich erst davor gedrückt. Ich dachte, die Geschichte der Geschwister, die Anfang Januar von ihrer Mutter in Flaach im Zürcher Unterland erstickt worden sind, sei zu speziell. Nicht geeignet für diese Kolumne, unerträglich für Menschen mit Kindern. So etwas will niemand lesen, sagte ich mir. Das muss ein tragischer Einzelfall sein, ein Ausreisser in der Statistik. Wir Eltern, wir schenken Leben, wir nehmen es nicht, oder?

Doch nun ist ein dritter Name dazugekommen: Rachel. Nicolas, Alessia und Rachel. Warum werde ich diese Namen nicht mehr los? Rachel wurde nur vier Jahre alt. Jetzt ist sie tot. Sie starb vor wenigen Tagen in ihrem Elternhaus in Niederlenz AG. Es gibt keinen ominösen Unbekannten, der durchs Fenster kam. Es heisst, der eigene Vater sei es gewesen. Mit einem Küchenmesser. Wie fühlt sich das an, dem eigenen Kind das Leben zu nehmen? Wenn ich es mir mit meinen 38 Jahren nicht vorstellen kann, wie muss es dann den Menschen gehen, die Rachel gekannt haben? Ich denke an ihre Gschpänli, die nun Morgen für Morgen im Stuhlkreis des Kindergartens sitzen und verstehen müssen, dass der Tod etwas Endgültiges ist. Meine Gedanken sind bei den Nachbarn, die Tür an Tür mit der Familie gelebt haben. Ich kenne die Siedlung flüchtig. Das wurde mir erst bewusst, als ich ein Bild der Überbauung im «Tages-Anzeiger» sah. Wir hatten uns selbst für eines der Doppeleinfamilienhäuser dort interessiert. Damals, als wir nach Niederlenz gefahren waren, wirkte alles so friedlich. Trampoline, Sandkästen, Katzentörchen. Nun muss das Bild in meinem Kopf erweitert werden: Trampoline, Sandkästen, Katzentürchen – und ein totes Kind in einem kleinen Sarg.

Wir können nicht in unsere Mitmenschen hineingucken. Die Frauen und Männer, die bei der Kinderschutzbehörde arbeiten, haben übrigens auch keine Kristallkugel, die drohendes Unglück ankündigt. Das Absurde ist: Die Mütter und Väter, die ihre Kinder umbringen, planen auch selten voraus. Es handelt sich bei Kindstötungen oftmals um sogenannte erweiterte Selbstmorde. So steht es jedenfalls in der Fachliteratur. Die verquere Logik der Täter funktioniert ungefähr so: «Ich bin so unglücklich in meinem Leben, dass ich es beenden will. Die Kinder nehme ich mit, denn was soll nur aus ihnen werden, wenn ich nicht mehr bin? Der Gedanke, dass sie dann allein und schutzlos sind, macht mich wahnsinnig.»

Fachleute gehen davon aus, dass die meisten Eltern, die ihren Kleinen etwas antun, verzweifelt und ohne jede Hoffnung auf Besserung sind. Manchmal leiden die Täter auch unter paranoiden Wahnvorstellungen. Sie töten beispielsweise, um «einen Dämon zu bezwingen». Die Mutter der Flaacher Kinder versuchte, sich nach der Tat das Leben zu nehmen. Der Vater von Rachel wurde mit schwersten Stichverletzungen aufgefunden.

Vielleicht würden Nicolas, Alessia und Rachel noch Trampolin hüpfen und Sandburgen bauen, wenn ihre Eltern rechtzeitig die richtige Hilfe erhalten hätten. Es ist in diesen Zeiten nicht populär, es laut zu sagen, aber ich fürchte, die Täter sind auch Opfer.
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Autor: Bettina Leinenbach