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17. Februar 2014

Wenn Könner Künstler sind

Sotschi? Ich glaube, dass ich im Vorfeld etwas von «links liegen lassen» gebrabbelt und mich darüber aufgehalten hatte, dass sich hier ein höchst zweifelhaftes Regime inszeniere, das russische, und dass diese Spiele eigentlich verboten gehörten. Und kaum haben sie begonnen, schalte ich morgens um halb acht den Fernseher für Sportarten wie Rodeln und Curling ein, um die ich mich nur alle vier Jahre schere, kontrolliere ich auf dem Sessellift, wie «unsere Girls» in der Super-Kombi abgeschnitten haben, bange ich wie blöd mit Dario Cologna, Lara Gut, Mark Streit.

Iouri Podlatchikov nach seinem Olympia-Goldrun in der Halfpipe
Iouri Podlatchikov nach seinem Olympia-Goldrun in der Halfpipe

Erstaunt erfahre ich dann zwischen Anna Lunas spärlicher werdenden Zeilen, dass Olympia bei ihnen nicht gross Thema sei. Vielleicht wegen der Zeitverschiebung, vielleicht, weil Wintersport in Kentucky nicht allzu populär ist? Per Kurznachricht versorge ich sie mit Resultaten, die sie möglicherweise gar nicht wissen wollte. Weil ich mir sicher bin, dass sie – wäre sie mit Hans und mir in den Sportferien – gefiebert hätte, als Iouri Podladtchikov zu seinem letzten Run in der Halfpipe ansetzte. Grossartig, wie dieser junge Mann seinen Fokus auf den einen Tag gerichtet und dann Übermenschliches geleistet hat; wie er, halb Gambler, halb Stratege, seinen besten Trick für den letzten Durchgang aufsparte! Ich bin hingerissen von dieser Sportart, deren Könner mehr als in jeder anderen Disziplin Künstler sind. Wir sahen noch seine Fahrt, dann stieg das TV-Gerät aus, kurz darauf auch das Internet, ich schnappte nach Luft, und als wir endlich wieder ruckelnde Bilder erhielten, war Iouri schon Olympiasieger. Jahre her, dass ich um eine sportliche Entscheidung so zitterte wie um seine Goldmedaille! Vermutlich tat ich es zuletzt im Sommer 2004. Das US-Frauenteam bestritt den olympischen Fussballfinal, und ich biss in einem Motelzimmer irgendwo in Michigan vor lauter Spannung in die Bettdecke. Kaum etwas ist mitreissender als Sport am amerikanischen Fernsehen! Nationalistisch, patriotisch, pathetisch – klar! Kein vernünftiger Mensch lässt sich von so was anstecken. Aber ich bin ja gottlob kein vernünftiger Mensch.

Mich nähme wunder, wie Anna Lunas Gastfamilie darüber denkt, dass Präsident Obama drei lesbische Repräsentantinnen nach Sotschi entsandte, um den schwulen- und lesbenfeindlichen Putin zu ärgern. Und ob ich ihnen besser verschweige, dass ich (wenn ich nicht gerade Olympia gucke oder selber auf dem Board stehe) pausenlos «Goodnight Tender» höre? Ein Schlaflied, das meine liebste Songschreiberin Amy Ray für ihre zwei Monate alte Tochter singt. Die glücklichen Eltern sind in diesem Fall zwei Mütter. Trauschein haben sie keinen, gleichgeschlechtliche Ehen sind im Gliedstaat Georgia, wo sie wohnen, genauso verboten wie in Kentucky.

Und dann kommt aus dieser so anderen Welt, in der unsere Tochter derzeit lebt, ein Filmchen. Ihre Gastmutter hat es aufgenommen: Anna Luna spielt mit der Band ihrer Highschool vor einem Basketballspiel die Nationalhymne. Dies zu sehen, hat mich dann, ehrlich gesagt, fast noch mehr gerührt als Iouri Podladtchikov auf dem Siegerpodest.

Anna Luna Goes West

Bänz Friedlis Tochter berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA in einem Blog, wie es ihr fern von zu Hause ergeht, Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Derzeit gehts etwa um Anna Lunas überraschende Valentinstag-Präsente. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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