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25. März 2013

Wenn Kinder lügen

Auch Kinder schwindeln bisweilen, dass sich die Balken biegen. Welche Ziele sie zumeist damit verfolgen und wie Eltern im jeweiligen Fall am besten gefasst sind oder reagieren können.

Kleinkinder können Realität und Erfindung meist gar nicht auseinanderhalten, später verfolgen sie in verschiedenen Situationen bisweilen durchaus hehre Ziele – mindestens so oft wie die Erwachsenen. Betrachtet man die häufigsten Beweggründe der Kleinen für ein Flunkern oder eine faustdicke Lüge, wird auch bald klar, wer die Lehrmeister waren: Die Erwachsenen.
Dies legt als ersten Tipp für Eltern auch nahe, dem Nachwuchs mit sehr freizügigem Umgang mit der Wahrheit in heiklen zwischenmenschlichen Momenten kein schlechtes Vorbild zu sein.
Der mindestens so wichtige zweite Tipp läuft darauf hinaus, nicht generell jede Form des die Unwahrheit Sagens gleich scharf zu verteufeln und anzuprangern. In manchen Situationenen kann die Wahrheit gegenüber Beschönigungen und Notlügen tatsächlich die angebrachtere Reaktion sein. Vielleicht auch deshalb, und nicht bloss aus bösem Willen, wenden auch Erwachsene die Methode so oft an...

migrosmagazin.ch versucht in der Folge, die für Kinder wohl wichtigsten Formen des Lügens kurz darzustellen und für den Umgang mit der jeweiligen Situation ein paar Anhaltspunkte zu liefern. Betrachtet man die verschiedenen Formen näher, stellen Eltern wohl schnell fest, dass Kinderlügen oft anders daherkommen, in der Regel jedoch die gleichen Zwecke verfolgen wie das Lügen unter Erwachsenen.

1. Wenn Realität und Wunsch noch eins sind
Im frühen Stadium kann ein Kind noch gar nicht strikt zwischen Wahrheit, Wirklichkeit, Lügen odereinfach Erfundenem unterscheiden. Es versucht, sobald es besser sprechen kann, unzählige Formen von Erzählungen, Behauptungen und Antworten aus. Manchmal schon mit einer bestimmten Motivation, sehr oft aber schlicht mit der Neugier, die Wirkung udn Resultate des Gesagten auszutesten.
DER TIPP: Diese Versuchsphase ist sehr wichtig und sollte keinesfalls von Beginn an streng unterbunden werden. Ab drei oder vier Jahren kann vorsichtig versucht werden, das KInd durch elterliche Reaktionen in einfacher Form an die Unterscheidung zwischen harmlosen Erfindungen (an denen man im harmlosen Fall rege teilnimmt...) und etwa gefährlichen Konsequenzen einer Lüge im Alltag heranzuführen.

2. Selbstschutz und Selbstverteidigung
Ein klassischer und früher Beweggrund zum Lügen: Das Kind will abstreiten, etwas Dummes oder Schlechtes getan zu haben. Es will sich vor den Konsequenzen, den Strafen, schützen. Deshalb wird auch Offensichtliches verneint ("ich war es nicht") oder im schlimmeren Fall jemand anderes einer selbst begangenen Tat bezichtigt.
DER TIPP: Versuchen Sie möglichst früh, die Konsequenzen von Fehlverhalten möglichst nahe an den 'realen' Konsequenzen eines angerichteten Schadens zu belassen. Also möglichst im Erziehungsalltag wenig harte Strafen ohne Bezug zum Angerichteten. Meist fängt es damit an, dass das Kind für einen Fehler mit Schaden für andere zu seinem Tun steht und dafür geradestehen soll. Auch gilt es bei sehr häufigem Abstreiten nach Vergehen zu überlegen, ob die Strafen vielleicht nicht (so) drakonisch sind, dass sie übermässig viele Lügen, Ausweichversuche und andere Fluchtmethoden hervorrufen.

3. Eltern und Erwachsene 'manipulieren'
Natürlich kennen Kinder bald einmal auch eine beliebte weitere Form des Lügens, die bei ihren Vorbildern nicht eben selten auftaucht: Etwas Unmögliches in den Raum stellen, etwas versprechen, das man letztlich gar nie halten will oder kann, oder schlicht eine Tatsache behaupten, deren Nicht-Zutreffen dem Sprechenden deutlich bewusst ist. Alles mit dem Ziel, die oder den Ansprechpartner(in) zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, von dem man sich etwas verspricht. Und das die angesprochene Person, bei Kindern sehr oft die Eltern, aber auch Gspänli oder Geschwister, in Kenntnis der tatsächlichen Begebenheiten und Umstände nie zeigen würde. Triviales Beispiel: Das Kind behauptet, eine bestimmte – nicht innert Sekunden oder nächster Nähe zu überprüfende – Aufgabe erledigt zu haben, um eine versprochene Belohnung o.ä. zu erhalten.
DER TIPP: Versuchen Sie, dem Kind nicht zu viel Anerkennung an bestimmte Leistungen gekoppelt zu verteilen, klassicherweise für Verhalten oder erbrachte Noten in der Schule oder anderswo. Vielmehr sollte das Selbstvertrauen des Kindes konstant aufgrund von direkt mit Ihnen erlebten Situationen durch Lob oder mal eine Belohnung gesteigert werden. Und nur schon viel mit dem Nachwuchs verbrachte Zeit und Lob für Tun, bei dem man zugegen respektive involviert war, mindert das Risiko, das über anderswo gezeigtes Verhalten Fantasie-Erzählungen kursieren und für bare Münze genommen werden wollen. Sieht ein Vater das Kind wenige Stunden am Wochenende, ist das Risiko entsprechend grösser...

4. Nahe Menschen nicht verletzen
Ein letzter Klassiker unter den Lüge-Situationen ist die Schonung von nahen Personen, die man durch falsche Angaben oder das ausweichende Verschweigen unliebsamer Tatsachen erreichen will. Dabei handelt es sich klassischerweise um Unwahrheiten mit dem Ziel, eine geliebte Person zu schonen, zu beschützen oder nicht (scheinbar) unnötig zu verletzen. Auch dies ein bei Erwachsenen kaum minder beobachtetes Phänomen. Meistens mischt sich darin die wirklich uneigennützige Haltung zum (erhofften) Vorteil der angeschwindelten Person – wobei leider häufig später der Schaden grösser wird als der zuerst 'verhinderte' – mit der eigennützigeren Hoffnung auf ungetrübte, gute Stimmung.
DER TIPP:Durchschaut man als Eltern solches Verhalten, empfehlen sich kaum je Strafen, angedrohte oder gleich vollzogene Konsequenzen. Ist das Kind schon etwas älter, kann man es in heiklen Situationen durchaus erklärend darauf hinweisen, wann udn warum Schonung den Betroffenen gar nicht gut tut oder den Schaden durch Verzögerung zu vergrössern droht. Letztlich nicht anders als beim Umgang mit Erwachsenen, einfach in kindgerechter Sprache.

4. a) Eine speziell gefährliche Form der Lüge, verwandt mit dem Verhalten unter Punkt 4, sind sich Kinder wie die meisten Erwachsenen selten bewusst: Sich selbst aus Schonung oder zur Beschönigung tatsächlicher Verhältnisse zu belügen. Es ist vielleicht die gefährlichste Form der Lüge, denn sie untergräbt in häufigen Fällen mit der Zeit das eigene Bewusstsein für die Realität, trübt den Blick auf notwendige Einsichten. Und lässt auch die Lügen gegenüber Mitmenschen mit der Zeit rasant ansteigen, weil das Bewusstsein dafür schlicht zu schwinden beginnt.
DER TIPP: Ist man sich sicher, dass das Kind (klassisch etwa in Bezug auf Schulleistungen) konstant selbst hinters Licht führt, lohnen sich bei älteren Kindern durchaus einmal klare, auch schonungslose Worte.

Autor: Reto Meisser