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18. Juni 2012

«Wenn im Internet alles gratis ist, sehe ich schwarz»

Peter Wanner ist spätestens mit der Übernahme von Radio 24 und TeleZüri in die Liga der nationalen Verleger aufgestiegen. Der Besitzer der Aargauer AZ Medien über seine Fernseh- und Onlinestrategie, Zukunftspläne im Raum Basel und seine Schwäche für schnelle Autos.

Verleger 
Peter Wanner
Für Verleger Peter Wanner ist klar, dass 
es gedruckte Zeitungen
 noch lange 
geben wird. (Daniel Winkler)

Peter Wanner, zum Aargauer Unternehmen AZ Medien gehören seit 2012 TeleZüri, TeleBärn und Radio 24. Wie sieht die Bilanz aus?

Wir befinden uns mitten im Integrationsprozess und können erst in ein bis zwei Jahren bilanzieren.

Haben Sie die Kosten im Griff?

Ziel ist, dank Synergien bereits in diesem Jahr mit allen Sendern den Break-even zu schaffen. Auf dem Werbemarkt und im Sponsoringbereich möchten wir für zusätzliche Einnahmen sorgen.

Mussten Sie Stellen abbauen?

Ja, Synergien in den administrativen und technischen Bereichen von TeleBärn und Tele M1 haben eine Reduktion von 6,9 Stellen zur Folge. Für die betroffenen Mitarbeitenden ist der Arbeitsplatz bis zum Sommer garantiert.

Was machen Sie besser als Tamedia? Es gab ja wohl Gründe, weshalb das Zürcher Verlagshaus diese Sender verkaufen wollte.

TeleBärn rentierte nicht, TeleZüri erreichte nur ein ausgeglichenes Ergebnis. Mit Tele M1 verfügen wir über ein Bindeglied zwischen diesen beiden Sendern, das Tamedia fehlte. So können wir quasi eine Fernsehstrasse der A1 entlang von Zürich nach Bern legen. Wir werden die zweite halbe Stunde unserer Informationssendungen auf allen drei Stationen angleichen, unter der Führung von TeleZüri. Wenn wir wichtige Politiker oder Wirtschaftsführer interviewen, wollen wir das auf allen drei Sendern zeigen — ebenso wie Unterhaltungsbeiträge mit Patty Boser oder Medizinsendungen. Die erste halbe Stunde muss von regionalen News geprägt sein.

Wie gewährleisten Sie die publizistische Vielfalt?

Jeder Sender hat einen eigenen Chefredaktor. Bei uns reden weder der Geschäftsführer noch der Verleger bei der Themensetzung rein. Ein Beispiel aus dem Print: Es kommt häufig vor, dass der «Sonntag» eine andere Meinung vertritt als die «Aargauer Zeitung», weil es zwei Chefredaktoren gibt. Wir wollen weder links noch rechts sein, sondern bewegen uns in einer gewissen liberalen Bandbreite.

Greifen Sie nie ein?

Das mache ich nur, wenn ich tendenziöse Artikel lese.

Wann war das zuletzt der Fall?

In den letzten Jahren selten. Seit einem Jahr haben wir einen publizistischen Ausschuss, dort diskutieren wir regelmässig, zum Beispiel, ob wir bei der «Boulevardisierung» von Ereignissen, wie dem Busunglück im Wallis, zu weit gehen oder nicht.

Ist mit den geschätzten 30 Millionen Franken, die Sie für die Sender bezahlten, Ihr Wachstumshunger gestillt?

Die Zahl ist übertrieben. Aber wir haben mit der Tamedia Stillschweigen vereinbart. Sicher ist: Wir haben die TV-Sender aus unseren liquiden Mitteln bezahlt und müssen das nun erst mal verdauen.

Seit Anfang Jahr geben Sie neben der «bz Basellandschaftlichen Zeitung» auch die «bz Basel» für Basel-Stadt und die Agglomeration heraus. Die Konkurrenz fürchtet, die AZ Medien wollen den Raum Basel erobern.

Erobern ist übertrieben. Aber sicher wollen wir in der Region Basel stärker Fuss fassen. Deshalb haben wir als Erstes eine Sonntagsausgabe für Basel-Land und Basel-Stadt lanciert, danach die Grossauflage der «Basellandschaftlichen» von 80'000 auf 130'000 erhöht.

Eigentlich hätten Sie sich ja gerne mit der «Basler Zeitung» zusammengetan.

Die Verhandlungen mit dem damaligen Verleger Matthias Hagemann scheiterten, obwohl ein Zusammenspannen beispielsweise im Druckbereich viel Potenzial ergeben hätte. Mich erstaunt das, weil beide Seiten hätten profitieren können.

Wer ist Ihr Ansprechpartner bei der BaZ?

Stellen Sie diese Frage der BaZ (lacht). Also offiziell ist es Verleger Filippo Leutenegger. Im industriellen Bereich hat sicher Christoph Blocher etwas zu sagen, im Bereich Publizistik ist auch Tito Tettamanti involviert.

Sie sind in die nationale Verlegerliga aufgestiegen. Wo orten Sie noch geografische Lücken?

Der Kuchen ist verteilt. Selbstverständlich wollen wir in Basel noch etwas stärker werden. Im letzten halben Jahr haben wir dort bereits rund 5000 Abonnenten dazugewonnen — ohne grossen Werbeaufwand. Ein Fokus unserer Anstrengungen gilt der Verbreitung unserer journalistischen Inhalte übers Internet.

Die «NZZ» wird, wie auch die «New York Times», Online-Artikel nicht mehr unbeschränkt kostenlos zur Verfügung stellen. Planen Sie eine ähnliche Strategie?

Eine Bezahlschranke führen wir frühestens im nächsten Jahr ein. Unser Pluspunkt ist die regionale Berichterstattung. Dafür wollen wir etwas verlangen, weil wir da stark sind. Zeitungen müssen im Internet Einnahmen generieren; wenn alles gratis ist, sehe ich schwarz. Der Verlag wiederum spart mit der Zeitung im Internet oder auf dem iPad bei Druck, Vertrieb und Papier. Dieser Transformationsprozess mit sinkenden Auflagen und steigenden Online-Benützern ist eine enorme Herausforderung.

Schon vor Jahren wurden Printtitel totgesagt. Wie lange wird es Zeitungen noch geben?

Noch sehr viele Jahre, auch wenn die Auflagen tendenziell sinken. Denn viele Leute bevorzugen es, die Zeitung auf Papier zu lesen. Das Modell der Gratiszeitung funktioniert ja auch. Möglicherweise kommen Zeitungen in 15 Jahren nicht mehr täglich raus, sondern nur noch dreimal wöchentlich, dafür mit geballten Informationen. So lassen sich massiv Kosten sparen. Für die schnelle Information können die Leser ins Internet.

Mit der Beschaulichkeit in unserer Welt ist es vorbei.

Es gab in den letzten Jahren in den grossen Medienhäusern kräftige Sparrunden und einen Abbau von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig wurde beteuert, dass die Qualität nicht leidet. Wie soll das aufgehen?

Die Qualität hat unter dem Jobabbau wenig gelitten, aber mit der Beschaulichkeit in unserer Welt ist es vorbei. Die Belastung für und die Anforderungen an die Journalisten sind grösser geworden.

Können die Medien so ihre Aufgabe als vierte Gewalt überhaupt noch wahrnehmen?

Ja. Wenn die Werbeerlöse aber stärker einbrechen und wir noch mehr sparen müssen, ist diese Aufgabe tatsächlich gefährdet.

Der Ständerat debattierte vergangene Woche darüber, die Presse mit staatlichen Mitteln zu fördern. Wie stehen Sie dazu?

Wenn die Presse vom Staat abhängig ist, ergibt sich ein Widerspruch bei der Kontrollfunktion. Ein besserer Ansatz wäre, die Presse als ein Kulturgut zu sehen und sie deshalb bei den Abos von der Mehrwertsteuer zu befreien. Zudem könnte man die Frühzustellung der Tageszeitungen subventionieren. Das wäre eine sinnvolle, wettbewerbsneutrale Hilfe.

Die Öffentlichkeit weiss relativ wenig über Sie.

Ich suche das Rampenlicht nicht. Ich bin kein grosser Partygänger.

Sie sagten in einem Interview, Sie hätten «eine Schwäche für schnelle Autos». Wie wichtig ist Ihnen Ihr Porsche?

Ach, der ist nur ein Spielzeug. Irgendeines darf ich ja auch noch haben. Meine Frau sagt schon lange: «Fort damit!»

Sie zogen während Ihrer Pariser Studentenzeit mit Niklaus Meienberg durch die Bistros. Heute sind Sie ein Liberaler. Was führte zu diesem Sinneswandel?

Ich war ein typischer 68er, aber mit einem liberalen Hintergrund. Es ist ja ein klassischer Werdegang, in der Jugend links zu denken und im Lauf der Zeit vernünftiger zu werden … Ich habe mich während des Studiums intensiv mit dem Sozialismus und Marxismus auseinandergesetzt, bis ich realisierte, dass dieser ökonomisch nicht funktionieren kann. So mauserte ich mich zum Liberalen.

Sie wirken fit und sehen viel jünger aus als 68: Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?

Tennis, joggen, im Sommer wandern, im Winter langlaufen: Ich brauche Bewegung, sonst habe ich Entzugserscheinungen, und es wird langweilig.

Autor: Reto Wild