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23. April 2012

«Wenn ich nur Kanu fahre, drehe ich durch»

Mike Kurt gehört zu den besten Kanufahrern der Welt. Im Sommer will der 31-Jährige in London eine Olympiamedaille holen. Aber die «Wasserratte» braucht auch ein Leben an Land.

Mike Kurt gehört zu den besten Kanufahrern der Welt. 2007 und 2010 beendete der Schweizer den Gesamtweltcup auf dem zweiten Platz. (Bild: Photopress/Daniel Kaesermann)

Die Hausstrecke von Michael «Mike» Kurt (31) befindet sich auf einem Seitenkanal der Emme bei seinem Wohnort Solothurn. Dort dreht der Kanuslalomfahrer von Hand eine Schleuse zu, damit sich der Kanal mit Wasser füllt und so wenigstens etwas Wildwasserstimmung aufkommt. Autopneus dienen als Hindernis. Sähen die Profi-Kanufahrer aus Tschechien, der Slowakei oder Frankreich Kurts Trainingsbedingungen, würden sie nur milde lächeln. Während es allein im Grossraum Prag etwa vier künstliche Kanukanäle zum Trainieren gibt, existiert schweizweit kein einziger. Für den nächstgelegenen Kanal muss der Schweizer ins Elsass fahren.

Die Nummer sieben der Weltrangliste ist im Kanuslalom ein Exot und kein Profisportler wie seine internationalen Gegner. Er arbeitet zu 50 Prozent beim Touristik-Verlag Hallwag, Kümmerly + Frey. Dort kümmert er sich um die Mittelbeschaffung für gemeinnützige Organisationen. Der studierte Betriebsökonom sieht in dieser Doppelbelastung nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile. «Mir tut Abwechslung gut. Fahre ich nur Kanu, drehe ich durch.» Immerhin konnte der Sportler es sich so einrichten, dass er dank des Militärs jährlich zehn Wochen Zeit zum Trainieren hat — als WK verbucht. Das nutzte er Ende Oktober 2011, um die olympische Wildwasserstrecke im britischen Broxbourne kennenzulernen. Dort, 30 Kilometer nördlich von London, befindet sich der modernste künstliche Wildwasserkanal der Welt.

Eine Olympiamedaille liegt drin

In Broxbourne trainierte der Kanute zweimal täglich. Sein Ziel: die Olympischen Sommerspiele Ende Juli. «London 2012 hat schon längst begonnen», sagt Michael Kurt. Auf sein Olympiaziel angesprochen, meint er: «Ich möchte in den Läufen mein Optimum abrufen. Gelingt mir das, liegt eine Medaille drin.» Zuerst muss er sich allerdings bei einem Weltcuprennen oder der Europameisterschaft, die im Mai in Augsburg stattfindet, für die Olympischen Spiele qualifizieren. Dafür ist ein Rang unter den ersten 15 nötig. Für Mike Kurt dürfte das reine Formsache sein.

Ich habe meinen Leistungszenit noch nicht erreicht.

Der gebürtige Berner ist vor allem wegen seines Auftritts an den Olympischen Spielen 2004 in Athen bekannt: Nach einem überlegenen Sieg in den Qualifikationsläufen patzte er im Halbfinal des Kanuslaloms und verpasste eine Medaille deutlich. Vier Jahre später in Peking blieb der Erfolg erneut aus, obwohl er 2007 beim Gesamtweltcup Zweiter geworden war. Der neunfache Schweizer Meister hat für seine geplante dritte Teilnahme an Olympischen Spielen die Lehren gezogen: «In der Schweiz erfordern Randsportarten Eigeninitiative. Ich suchte Geldgeber und einen eigenen Coach, um mit der ausländischen Konkurrenz mitzuhalten.» Mit Erfolg: Seit gut zwei Jahren wird Mike Kurt vom Franzosen Ludovic Boulesteix trainiert.

Mit 31 Jahren gehört Kurt zum «alten Eisen»

Für die neue Saison hat sich der Kanute vorgenommen, weniger verbissen ans Werk zu gehen. Diese neue spielerische Leichtigkeit soll ihn weiterbringen. «Beim Kanuslalom braucht es die richtige Balance zwischen Aggressivität und Lockerheit», sagt Kurt. «Ich habe meinen Leistungszenit noch nicht erreicht und weiss, dass die Erfahrung, zwei Mal an Olympischen Spielen teilgenommen zu haben, ein grosser Vorteil ist.» Der Schweizer gehört mit seinen 31 Jahren zum «alten Eisen» im Feld der Kanuten.

Ob jung oder alt, die Anforderungen im Wasser sind sehr hoch. Berühren die Kanuten mit ihrem neun Kilogramm leichten und 3,5 Meter langen Arbeitsgerät aus Karbon ein einziges Törchen, werden sie mit zwei zusätzlichen Sekunden bestraft und fallen damit aus der Entscheidung. Die Herausforderung zwischen Physis, Technik und mentaler Stärke fasziniert den besten Schweizer Kanufahrer und treibt ihn an.

In der Schweiz erfordern Randsportarten Eigeninitiative.

Im Januar 2012 reiste er in seine Lieblingsregion, nach Rotorua in Neuseeland, im Februar zur Olympiastrecke von Sydney 2000. Trainiert er nur in ruhigen Wassern in der Schweiz, hat er in London keine Chance. Und für die wenigen Schweizer Wildwasserstrecken in den Bergen ist es im Winter zu kalt.

Mike Kurt ist seit 20 Jahren mit dem Kanusport verbunden und konnte schon als 13-Jähriger mit der Junioren-Nati nach Prag fahren. Inzwischen verdrängen aber international immer mehr Junge die arrivierten Athleten. Irgendwann wird deshalb für Mike Kurt ein Lebensabschnitt ohne Spitzensport beginnen. Er hat vorgesorgt, dass diese Phase nicht zum Sprung ins kalte Wasser wird.

Für den Förderclub Sport Heart, der Athleten aus finanziell schwachen Randsportarten unterstützt, sucht er als Talentspäher schon jetzt aussichtsreiche Athleten für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Kurt gilt als einer der Entdecker von Skicross-Olympiasieger Mike Schmid. Und diese Tätigkeit wird er später noch intensivieren. «Wenn wir in der Schweiz die Randsportarten nicht fördern, vergeben wir eine riesige Chance», sagt der Kanute nicht ganz uneigennützig.

Autor: Reto Wild