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15. Februar 2016

Wenn Grossmütter rocken

Esther Rothen ist 71, hat sechs Enkel und ist Sängerin der Frauenband crème brûlée. Die Grossmütter der neuen Generation stricken keine Socken – sie rocken. Denn «als Rockerin bleibt man länger jung». Das Video mit der Hörprobe zum Porträt finden Sie unten.

Ruth El Maghrabi, Ilse Schmid, Esther Rothen, Sylvia Voegeli und Beatrice Haller.
Die Band in Aktion (v. l. n. r.): Ruth El Maghrabi, Ilse Schmid, Esther Rothen, Sylvia Voegeli und Beatrice Haller.

Auf ihrem Flyer posieren sie im klassischen Rockbandstil: in Lederkluft und mit leicht unterkühltem Blick. Eine gewöhnliche Rockband also? Nicht ganz. Denn die fünf Mitglieder von «crème brûlée» sind alle schon etwas in die Jahre gekommen, ­«angebrannt», wie sie selber in Anlehnung an den Bandnamen sagen – und sie sind alle weiblich.
«Die Rolling Stones stehen schliesslich auch noch auf der Bühne. Und Mike Jagger ist sogar noch ein Jahr älter als ich», sagt Frontfrau Esther Rothen (71) mit Schalk in den Augen. Während die Urgesteine des Rock ’n’ Rolls bereits vor rund 50 Jahren ­zusammenfanden, gibt es die Grosiband «crème brûlée» erst seit 5 Jahren. Sie ist aus der «Grossmütter-Revolution», einem Thinktank des Migros-Kulturprozents, heraus entstanden, der sich an Frauen der heutigen Grossmuttergeneration richtet.

Youtube-Video mit dem Stück «Rock Around the Clock» (zVg)

«Mir sind kei alti Dame»: Die Grossmütter-Revolution-Hörprobe

«Wir altern anders als unsere eigenen Mütter. Wir sind länger fit und können nach der Pensionierung nochmals richtig Gas geben», sagt Esther Rothen, die sechs Enkel hat und diese auch gern hin und wieder hütet. Aber eben nicht nur. Sie geniesst die Freiheit, das zu tun, was ihr Spass macht, und das ist unter anderem Rock ’n’ Roll.
Musiziert hat Esther Rothen schon vor der Pensionierung, aber eher im klassischen Bereich: Sie spielte Klavier und trat mit Chören auf. «Klassische Musik mag ich noch heute, aber als Rockerin bleibt man länger jung und hat mehr Spass», erklärt Rothen den Genrewechsel.

Zudem habe sie Freude daran, Neues zu lernen. Sie feilte in den vergangenen Jahren intensiv an ihrer Gesangstechnik und hat ­inzwischen nicht nur liebliche Balladen, sondern auch laute Protestsongs in ihrem Repertoire – wie etwa den «Jailhouse Rock» von Elvis Presley. Wenn die ehemalige Sozialarbeiterin Texte lernen muss, so tut sie das auf dem Stepper im Fitnesszentrum. Andere Songs covert sie mit Mundartversionen. Zur Melodie von «Dream a little dream of me», die einst von Doris Day und Louis Armstrong interpretiert wurde, singt sie zum Beispiel: «Mir lismed keini Socke. Nei, mir tüend einfach vill lieber rocke.»

Von der Kirchenorgel ans Piano

Wie Sängerin Rothen kommt auch Pianistin Sylvia Voegeli (68) ursprünglich aus einer anderen musikalischen Ecke: Die ehemalige Lehrerin begleitete während vieler Jahre Gottesdienste mit der Kirchenorgel. Obwohl sie seit ihrem achten Lebensjahr Klavier spielt, geht die vierfache Grossmutter nun nochmals in den Unterricht, damit ihr Anschlag auch garantiert den nötigen Drive hat.

Langjährige Erfahrung mit Pop und Rock bringt eigentlich nur Drummerin Ilse Schmid (68) mit; sie war eine der ersten Schlagzeugerinnen der Schweiz und gründete vor rund 30 Jahren die Frauenband Toxic Shock: «Ich bin mit vielen Zwängen aufgewachsen und habe mich durch die Frauenbewegung der 80er-Jahre davon befreit. Darum lasse ich mich auch im Alter nicht in ein Korsett stecken», sagt die ehemalige Köchin, die ein Flair für extravagante Sonnenbrillen hat. Solange sie noch sitzen könne, sei sie vom Schlagzeug nicht wegzubringen.
Allerdings besteht so ein Auftritt selbst für die Drummerin nicht nur aus Sitzen: Die Rockerinnen reisen teilweise mit den öffentlichen Verkehrsmittel an ihre Auftritte und schleppen ihre Instrumente selber. «Da spürt man die Knochen schon», sagt Ilse Schmid. Im Vergleich dazu sind die Rolling Stones Weicheier; die haben bekanntlich einen Tourbus und zahlreiche Rowdies.

Neues anpacken und Spass haben

Egal. «crème brûlée» lassen sich von den etwas weniger komfortablen Arbeitsbedingungen nicht abhalten. Sie brauchen keine Megaevents in Hallenstadien, sondern freuen sich auch über Einladungen zu Seniorennachmittagen oder Geburtstagsfeiern. Wobei sie auch schon im Kultur- und Kongresszentrum Luzern auftraten. «Dort sind die Leute vor Begeisterung sogar aufgestanden», erinnert sich Akkordeonistin Beatrice Haller (56).

Die heilpädagogische Therapeutin und Gitarristin Ruth El Maghrabi (56) sind die Nesthäckchen der Grossmütter-Rockband. Drummerin Schmid, Pianistin Voegeli und Gitarristin El Maghrabi stiessen erst nach der Gründung zur Gruppe und ersetzen ehemalige Musikerinnen, denen es doch zu viel geworden war. «Vor den Auftritten frage ich mich manchmal schon: Warum tue ich mir das immer noch an!», sagt Gründungsmitglied Rothen. Sei sie mal auf der Bühne und spüre die Stimmung im Publikum, dann seien die Zweifel schnell vergessen. Motivation zum Weitermachen ist für die Band die Freude an der Musik und dem Leben. «An unserem Beispiel zeigt sich, dass es möglich ist, im Alter nochmals etwas ganz Neues anzupacken», sagt Pianistin ­Voegeli. Egal, was, Hauptsache, es macht Spass.


«Grossmütter-Revolution» ist ein Thinktank des Migros-Kulturprozents, der die Generation der Grossmütter und ihre sozialen und politischen Projekte fördert.
«Crème brûlée» und weitere Projekte auf Grossmuetterrevolution.ch

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Dan Cermak