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15. Dezember 2014

Wenn Grosseltern nerven

Die Geburt eines Enkels ist für Grosseltern ein wunderbares Ereignis. Doch gerade jetzt ist es wichtig, Privatsphäre und Erziehungsregeln der eigenen Kinder zu respektieren.

Grosseltern nerven oft mti ihrem übermütigen Einsatz
Grosseltern verwöhnen gern: Das passt aber nicht immer ins Konzept der Eltern (Bild: Getty Images).

Schon wieder ist das Grosi unangemeldet aufgetaucht, ärgert sich Tina. Ausgerechnet am Mittwoch, wenn rund um den Feierabend immer Stress ist. Doch vor allem hat sie die geltende Regel ignoriert: Schon wieder hat sie den Kleinen heimlich mit Süssigkeiten eingedeckt, obwohl ich es ihr ausdrücklich untersagt habe, denkt Tina und schmettert die Dreckwäsche in den Korb. Ihre Mutter scheint ihren ganzen gesunden Menschenverstand irgendwo liegen gelassen zu haben, seit die Enkel auf der Welt sind. Das nächste Mal muss ich wohl laut werden, sagt sich Tina. Ob das wohl etwas nützt?

«Wenn Grosseltern geltende Regeln missachten, sollte man am besten sofort darauf reagieren», sagt Dominik Schöbi (42), Direktor des Instituts für Familienforschung an der Universität Freiburg. «Schliesslich will man ja, dass diese es verstehen und ihr Verhalten ändern.» In diesen kritischen Situationen gilt aber auch vor allem eine goldene Regel: Ruhig Blut bewahren, auch wenn einem die Grosseltern innerlich noch so schnell an die Decke gehen lassen. «Reagiert man hässig, ist dies meist kontraproduktiv, weil man Unverständnis bei der älteren Generation weckt», weiss Dominik Schöbi.

Ratschläge in der Erziehung kommen schlecht an

Meist ist es kein böser Wille, wenn sich Grosseltern über die Erziehungskompetenzen hinwegsetzen. «Grosseltern haben es vielfach gar nicht auf ihrem Radar, dass andere Regeln herrschen», erklärt der Psychologieprofessor. «Und es ist eher ein Automatismus als ein Fehlen von Respekt.»

Natürlich müssen Grosseltern die Vorgaben ihrer eigenen Kinder respektieren, was die Erziehung der Enkel betrifft. Es gehört aber auch dazu, dass sie den Enkeln mehr erlauben, als diese zu Hause dürfen – bei den Grosseltern gibts einen Zuckerrutsch zum Zvieri statt eines Apfels.

Unterschiedliche Perspektiven sind oft das Problem

«Die ältere Generation ist in einer komfortablen Rolle, sie haben keine oder zumindest weniger Verantwortung für die Erziehung und können die Kleinen verwöhnen.» Wie sehr, ist eine Frage des Masses. «Wenn sie einem Kind mit Diabetes zum Dessert zwei Glacen erlauben, geht das natürlich nicht.»

Am weitaus häufigsten kommt es zu Konflikten, wenn die ältere Generation der jüngeren vermeintlich gute Ratschläge in Sachen Erziehung erteilen will. Diese kommen fast durchwegs schlecht an: Sie werden als Vorwurf verstanden. «Erziehungstipps zu geben ist sehr heikel. Dies wird meist als Einmischung empfunden, während die ältere Generation findet, sie habe es doch nur gut gemeint.» Und am Ende hat keiner etwas davon: Die Eltern sind betupft, die Grosseltern fühlen sich zurückgewiesen.

Dass diese Situation ausweglos ist, hat auch damit zu tun, dass Eltern und Grosseltern eine völlig unterschiedliche Perspektive auf das Familiengefüge haben.

Für Grosseltern gehören Enkel zur eigenen Familie

Während für die jüngere Generation die Geburt des Kindes die Gründung einer neuen Familie bedeutet, ist dies für die Grossmutter und den Grossvater bloss die Erweiterung der schon bestehenden Familie.

«Sie betrachten den Enkel als Nachwuchs in ihrer Familie und haben es teilweise schwer, die Grenzen zu sehen und zu berücksichtigen.»

Autor: Claudia Langenegger