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15. April 2013

Wenn Geldfragen zur Belastung werden

Rechnungen bezahlen, Steuererklärung und Formulare ausfüllen: Die Verwaltung der eigenen Finanzen kann im Alter zur Last werden. Pro Senectute bietet mit ihrem Treuhanddienst Hilfe.

Treuhandhilfe im Alter
Einmal im Monat besucht Helen Koller (rechts) Annemarie Stalder im Altersheim: Dann werden die eingegangene Post und die Rechnungen erledigt.
Der Enkeltrick ist eine beliebte Masche, um Senioren zu betrügen
Der Enkeltrick ist eine beliebte Masche, um Senioren zu betrügen (Bild: iStock Photo).

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DIE REPORTAGE
Alters- und Pflegeheim Herrenbergli in Zürich. Das Zuhause von Annemarie Stalder. Die zierliche 89-Jährige sitzt in ihrem Stuhl am Fenster und schaut hinaus auf die Baustelle. Es ist 14.30 Uhr, und Annemarie Stalder wartet auf den Besuch ihrer Treuhandkraft. Sie nutzt das Angebot der Pro Senectute Kanton Zürich seit rund neun Jahren.

Annemarie Stalder geht es gesundheitlich gut, nur die Augen machen nicht mehr so richtig mit. Lesen und Schreiben, selbst das Unterschreiben von Dokumenten, wollen nicht mehr problemlos klappen. «Früher hat mein Mann die Geldangelegenheiten geregelt», erzählt sie. Sie selbst könne sich nicht mehr um diese Dinge kümmern. Umso glücklicher ist sie, dass sie Helen Koller (75) hat. Seit viereinhalb Jahren kennen sich die beiden nun schon.

Es klopft an der Tür Helen Koller betritt das Zimmer, begrüsst Annemarie Stalder und setzt sich an den kleinen Tisch. «So, wie geht es Ihnen?» Nach einem kurzen Schwatz machen sie sich an die Arbeit. Helen Koller liest ihrer Kundin einen Brief der Krankenkasse vor, erklärt ihr, was sich verändert hat und informiert sie über offene Rechnungen, die zu begleichen sind. «Wir machen das immer so: Ich informiere Annemarie Stalder und nehme anschliessend die Rechnungen mit nach Hause.» Die Zahlungen erledigt Helen Koller mit dem Computer. «Das ist ja so einfach, auch die Steuererklärung ist im Handumdrehen ausgefüllt.»

Früher sammelte Annemarie Stalder ihre Post selber, aber heute übernimmt diese Aufgabe das Altersheim. Helen Koller holt dann die Post bei ihren Besuchen ab. «Das ist für alle Beteiligten die beste und einfachste Lösung», sagt sie.

Helen Koller hat sichtlich Spass an der Tätigkeit. «Ich arbeite gerne mit Zahlen und kann dabei anderen Menschen helfen.» Früher kümmerte sie sich um die Buchhaltung einer Kinderkrippe und um jene ihres Mannes, der ein Geschäft betrieb.

Geld ist Vertrauenssache – vor allem bei Älteren

Pro Senectute sucht laufend Freiwillige, die ältere Menschen beim Ausfüllen von Formularen, Aufsetzen von Briefen, bei der Erledigung der monatlichen Zahlungen und beim Ausfüllen der Steuererklärung unterstützen. Die Freiwilligen besuchen ihre Kunden circa ein bis zwei Mal pro Monat. «Spezialkenntnisse sind nicht unbedingt notwendig, aber Vertrautheit mit Administration», sagt Ursina Iselin, Teamleiterin Treuhanddienst von Pro Senectute ­Kanton Zürich und fügt hinzu: «Eine gewisse Affinität zu Zahlen ist Voraussetzung.» Wichtig sind auch Geduld und Kontaktfreudigkeit sowie Organisationstalent.

Vor sechs Jahren hatte Helen Koller ein Inserat gesehen, mit dem Pro Senectute Kanton Zürich nach Freiwilligen suchte. «Ich finde die Arbeit wunderbar und Annemarie Stalder bedankt sich jedes Mal ganz herzlich für meine Hilfe», erzählt die Freiwillige. Sie spüre, dass sie geschätzt werde. «Die Tätigkeit gibt mir Befriedigung.»

Die pensionierten Freiwilligen werden sorgfältig auf ihre Auf­gaben vorbereitet und laufend begleitet. Zudem finden regelmässige Treffen statt, bei denen sie sich mit anderen Freiwilligen austauschen können. Auch das Thema Tod wird bei diesen Treffen besprochen.

Helen Koller ist sich bewusst, dass Fingerspitzengefühl gefragt ist. «Darf ich in der Schublade nachschauen, ob noch weitere Rechnungen darin sind?», vergewissert sie sich. Annemarie Stalder nickt. Geldangelegenheiten, vor allem mit älteren Menschen, sind Vertrauenssache. Ältere Menschen, sagt Helen Koller, können leicht betrogen und ihre hilfsbedürftige Lage schamlos ausgenützt werden. «Ich vertraue Frau Koller zu 100 Prozent», sagt Annemarie Stalder und lächelt ihre Unterstützerin an. «Sie macht das sehr gut, da stimmt immer alles bis auf den letzten Rappen genau», sagt sie weiter und lächelt wieder. «Ich finde es wunderbar, dass sich eine neutrale Person um meine Finanzen kümmert.»

Ein professionelles Treuhandbüro kontrolliert

«Ich arbeite sehr gewissenhaft, würde mir ein Fehler unterlaufen, könnte ich nicht mehr schlafen», ergänzt Helen Koller. Die Freiwilligen müssen jedes Jahr ein Budget und einen Jahresabschluss erstellen. Beides wird durch eine professionelle Treuhandfirma überprüft. «Sollte einmal etwas nicht ­stimmen, muss ich Rechenschaft ablegen», so Helen Koller. Damit ist gewährleistet, dass die Hilfe in diesem äusserst sensiblen Gebiet der persönlichen Finanzen professionell erledigt wird.

Kosten je nach finanziellen Möglichkeiten: Die Tarife für die Treuhanddienste der Pro Senectute sind kantonal unterschiedlich, in jedem Fall aber günstiger als private Treuhandbüros. So ist jährlich mit Kosten in einer Bandbreite zwischen 1000 und 3000 Franken zu rechnen. Die Pauschale ist auch abhängig von der Höhe des Vermögens. Pro Monat fallen zudem Spesenvergütungen an, beispielsweise für das Erstellen von Fotokopien, Porti oder Fahrspesen der Freiwilligen. Für Personen, welche die Kosten für den Treuhanddienst nicht selber übernehmen können, ist Pro Senectute für die Finanzierung besorgt.

Den Treuhanddienst gibt es in vielen Kantonen: Pro Senectute ist die grösste Fach- und Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen. Sie ist in jedem Kanton mit einer Geschäftsstelle und einer oder mehreren Beratungsstellen präsent. Alle kantonalen Sektionen finden Sie auf der rechten Seite dieses Artikels zum Anklicken. Kontaktaufnahme: Ein Adressverzeichnis mit sämtlichen Beratungsstellen der Pro Senectute findet man unter www.pro-senectute.ch. Telefonische Auskunft gibt Pro Senectute Schweiz, Telefon: 044 283 89 89.

Autor: Sandra Kohler

Fotograf: Christine Bärlocher