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06. Juni 2017

Wenn Gefühle Essattacken auslösen

Es gibt viele Hürden auf dem Weg zu einer guten Figur. Essattacken zum Beispiel werfen Abnehmwillige immer wieder aus der Bahn. Gründe dafür sind oft unverarbeitete Emotionen, die sich aufs Verhalten auswirken.

Frau nascht Süsses
Test nicht bestanden – da muss jetzt einfach etwas Süsses her: Wer so handelt, ist in einem emotionalen Kreislauf gefangen. (Bild: Tara Moore/Getty Images)

Emotionen sichern unser Überleben. Doch sie sind ein komplexes Gebilde, das wir oftmals selbst nicht durchschauen, geschweige denn begreifen. Der Psychologe Michael Macht von der Universität Würzburg teilt diese Beobachtung auf wissenschaftlicher Seite und hat laut eigenen Angaben immer wieder den Eindruck, «... dass viele ihre Steuererklärung besser verstehen als ihre Emotionen».

Gefühle sind eng mit unserem Essverhalten verknüpft. «Emotionales Essen» findet zum Beispiel dann statt, wenn wir durch das Verspeisen von Nahrung vorwiegend emotionale Bedürfnisse befriedigen, anstatt nur den Magen zu füllen. Dieses Phänomen erklärt auch, warum das Durchhalten einer bestimmten Diät in der Praxis oftmals kläglich scheitert. Denn gefühlsgesteuerte Ess­attacken sind kein Zeichen von Hunger, sondern von einer Unterversorgung im ­seelischen Bereich. Dieser Mangel wird durch die Kalorienzufuhr (kurzfristig) kompensiert.

Es gibt typische Anzeichen von emotionalem Hunger: Es tritt plötzlich ein Verlangen nach besonderem Wohlfühlessen auf, man stopft kopflos, unaufmerksam und übermässig Essen in sich hinein, trotz ­Völlegefühl will man mehr essen, man isst, ohne Hunger zu haben, oder hat Schuldgefühle «nach der Tat». Wenn Essen die vorherrschende Art ist, mit den eigenen Emotionen umzugehen, wenn bei Traurigkeit, Einsamkeit, Erschöpfung, Wut, Stress oder Langeweile der erste Impuls in Richtung Küche bzw. etwas Essbarem geht, dann hat uns dieser ungesunde Kreislauf bereits fest im Griff.

Negative Stimmung mit Essen betäuben

Langzeitstudien zeigen, dass der Grossteil der Menschen beim Versuch der Ernährungsumstellung kurz- oder langfristig ­wieder zu den alten Enährungsgewohnheiten zurückkehrt. Ein Grund dafür: Hinter dem vermeintlichen «Hungergefühl» liegen tatsächlich andere Ursachen verborgen. Der emotionale Hunger versteckt sich in der eigenen Seele. Negative Stimmungen mit Essen zu betäuben, ist also nicht die Lösung, da die wahren Gründe für den Hunger verdeckt bleiben.

Dabei hat emotionales Essen viele Gesichter – zum Beispiel tendieren Betroffene dazu sich trotz vollem Bauch Nahrung einzuverleiben, sich durch Essen zu beruhigen, zu belohnen oder ein Sicherheitsgefühl zu bekommen. Der entscheidende Aha-Effekt tritt dann auf, wenn der «Emotional Eater» begreift, in welchen Situationen er zu Süssigkeiten, Fastfood und Co. greift.

Hier herrscht kein Manko punkto Selbstdisziplin – das ungesunde Essverhalten ­entspringt anderen Quellen. Diese können Menschen im näheren Umfeld sein, Liebeskummer, berufliche Sorgen, Verlust- und Versagensängste, unverarbeitete Gefühle aus der Kindheit, zu wenig Selbstliebe, ­Minderwertigkeitsgefühle etc. – die Liste der möglichen Auslöser, der sogenannten Trigger, ist lang und individuell verschieden. Ebenso wie die Kleidergrössen der ­Betroffenen – denn auch dünne Menschen mit Modelmassen können an den emotionalen Essattacken leiden – als radikale Gegenmassnahme wird dann unter anderem zur Nulldiät gegriffen oder das Einverleibte ­wieder erbrochen.

Achtsamkeit lernen

«Emotionalen Essern» fällte es meist schwer ihren Gefühlen gegenüber aufmerksam zu sein bzw. diese zu erkennen – auch was Hunger und Sättigung anbelangt. Die langfris­tigen Folgen können ernährungsbedingte Erkrankungen oder gar Essstörungen sein. Das Tückische dabei ist, dass ungesundes Essen eine beruhigende Wirkung hat. Dies untermauern die Studien des Psychologen Michael Macht: «Vor allem Speisen mit hohem Fett- und Zuckergehalt weisen einen trostspendenden Effekt auf.»

Innerhalb der Studie wurde bei den Versuchspersonen zudem beobachtet, dass alle negativen Gefühle nahezu gleichermassen das Potenzial bergen, emotionales Essverhalten hervorzurufen. Auf dieser Erkenntnis basiert ein von dem Wissenschaftlerteam entworfenes Trainingsprogramm zur Veränderung des emotionalen Essverhaltens. «In dem Studienprojekt zum Thema Emotional Eating lernen die Teilnehmer vor allem Achtsamkeit – dazu zählen Selbstbeobachtung, die bewusste Verarbeitung von Sinneseindrücken und das Entdecken der auslösenden Faktoren wie Ärger», erklärt Michael Macht. Mit Erfolg: Das Essverhalten der Teilnehmer hat sich in der Testphase durchwegs verbessert.

Fakt ist: Äussere Stressfaktoren, die zu Heisshungerattacken führen können, lassen sich nicht einfach ausschalten, und eine ausgeglichene Stimmung in jeder Lebenslage ist nicht immer möglich. Im Alltag empfiehlt es sich daher, das sogenannte Mindful Eating zu praktizieren, um die Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Essgewohnheiten zu schärfen und Triggerpunkte ausfindig zu machen.

Der emotionale Essdruck verschwindet langfristig, wenn die dahinterliegenden Probleme aufgearbeitet werden – denn dann eröffnen sich andere Wege zur Stressbewäl­tigung. Altbewährter Tipp: Ein Tagebuch kann zur Vorbeugung und Bewältigung psychischer Belastungen hilfreich sein. 

Erste Schritte zu bewusstem Essen

Einkaufsliste überdenken und jedem Produkt einen gesundheitlichen Wert zuordnen – strikt an die Liste halten und keine Impulskäufe ­tätigen.

Essen, wenn Appetit vorhanden ist

Mit kleinen Portionen beginnen, Grösse der Portionen limitieren, kleine Bissen nehmen und langsam kauen

Das Essen wertschätzen, Dankbarkeit für die Speisen zeigen

Mit allen Sinnen geniessen – auch schon während der Vorbereitungen: beim Kochen, Auftischen etc.

Versuchen, alle Aromen herauszuschmecken – zum Beispiel durch lang­sames Kauen

Autor: Johanna Zielinski