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23. Mai 2016

Wenn Eselinnen torkeln

Kolumnist Bänz Friedli
Bänz Friedli ist keine Spassbremse, aber ...

Mich fröstelt, ich bin müde, und eigentlich will ich nur noch nach Hause, nachts um ein Uhr halte ich mich ungern am Hauptbahnhof auf. Doch dann umringen mich – als wärs ein Film, kein besonders guter – ­unversehens mehrere Gestalten in Hasenkostümen. Eine Art Tanz führen sie auf, torkelnd und taumelnd. Die Kostümierten, werde ich gewahr, sind allesamt Frauen. «Wir sind Esel!», lallt eine von ihnen rotwangig aus der ovalen Öffnung hervor, die ihr Fellkostüm fürs Gesicht freihält. Ach so, Eselinnen – keine Häschen, ich muss die ­Ohren falsch gedeutet haben. Als ich der Aufforderung, mit ihnen zu trinken, nicht nachkomme, gehen sie lärmend ihres Wegs, hinter sich einen Leiterwagen mit einem Fass Wodka herziehend, hinaus in die Nacht …

Was den Kolumnisten in die Flucht schlägt
Was den Kolumnisten in die Flucht schlägt ...

Darf ich, bitte, Polterabende doof finden? Offensichtlich handelte es sich hier um einen. Der Brauch wird ja nun öfter auch von Bräuten und ihren besten Freundinnen gepflegt, und ich weiss nicht recht, ob ich dies als Akt der Emanzipation werten muss. Denn da wird doch ein altbackenes Männerding nachgeahmt: noch mal so richtig die Sau rauslassen! Ein Freund von mir war letzthin an einen Polterabend geladen, und der ging so: «Wir flogen am Freitag nach Mallorca und kehrten am Sonntag heim. ­Hotel hatten wir keines …» Sprich: Sie soffen die Nächte am Ballermann durch.

Wenige Tage nach den Eselinnen kreuzt in der Altstadt eine Horde Kerle meinen Weg, einer davon, bestimmt der Bräutigam, steckt in einem rosafarbenen Tütü, und seine Aufgabe ist es offenbar, junge Frauen anzuquatschen – sehr junge –, ob er sie auf den Bauch küssen dürfe. Zu meinem Misslieben lupfen mehrere der Angequatschten ihr Shirt und lassen ihn gewähren, unter dem Gejohle ­seiner Kumpanen, und man mag sich nicht ausmalen, wie die Nacht noch enden wird.

Welches Verständnis der Ehe steckt hinter der Idee, man müsse es noch mal, und zwar ein letztes Mal, so richtig krachen lassen? Die Vorstellung, dass verheiratete Männer, wie unlängst in einer tumben Plakatkampagne des Bauernverbands kolportiert, «keinen Auslauf» hätten? Der Vorwurf, jede Ehefrau sei ein lustfeindliches Biest, die Ehe gleichsam ein Käfig? Der Polterabend als Abschluss der Jugend, als Ende jeden Spasses?

Echt jetzt, ich hab nichts gegen Lustigkeit. Und zu behaupten, meine FC-Kameraden und ich hätten uns während des Trainingslagers neulich in Frankfurt nur im Fussballspiel geübt, wäre gelogen.
Aber wenn ich wieder mal Lust habe, so richtig über den Durst zu trinken und dummes Zeugs zu schwatzen, dann tue ich das, ehrlich gesagt, am liebsten zusammen mit meiner Frau.


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Autor: Bänz Friedli