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02. November 2015

Wenn es nach früher riecht

das alte Sackmesser
Kommt nur zum Wandern mit: das alte Sackmesser.

Wandern? Da gehören einige Dinge mit in den Rucksack, die man sonst nie, nie mit sich führt: ein Sackmesser, möglichst mit Schweizerkreuz, dann diese altmodische Art von blecherner Getränkeflasche, die den Tee – was gerade in dieser Jahreszeit vonnöten wäre – in keiner Weise warmhält, nein, sie ist einfach nur altmodisch und erinnert einen vage an die Schulreise auf die Kleine Scheidegg anno 1974, dazu eine Tüte Tuttifrutti und … ein Landjäger. Besser gesagt: zwei. Weil es die ja nur im Pärchen gibt. Nicht, dass es einen gelüsten würde. Ich mag Landjäger eigentlich nicht und esse sie sonst nie. Die Gewohnheit ist es, die über den kulinarischen Geschmack triumphiert. Seit ich auf besagter Schulreise zum ersten Mal mit meinem Sackmesser – Victorinox! Samt Gravur: Bänzli Friedli – einen Landjäger auf der Kniepartie meiner Jeans tranchierte (und die entsprechenden Einschnitte des Messers waren auf der Hose fortan deutlich zu erkennen), verbinde ich mit der Tätigkeit Wandern einen Landjäger. Genauer: zwei.

Bänz Friedli kann nicht widerstehen.
Bänz Friedli (50) kann nicht widerstehen.

Manche Rituale haben sich einem so eingeprägt, dass man ihnen immer wieder erliegt. Und kommt dann noch der Geruch hinzu, bin ich vollends wehrlos. Verströmt irgendwo ein Grill den Duft gebratener Würste – am Match, an der Chilbi oder schon bald wieder am Adventsmärt –, kann ich selbst dann nicht widerstehen, wenn der Tag noch jung ist. Wo ich doch sonst vor elf Uhr kaum einen Bissen herunterbekomme!

Der Kopf wüsste es besser, doch vom Geruch einer grillierten Kalbsbratwurst lasse ich mich verführen. Immer. Scheint ganz, als sei die nostalgische Erinnerung mit nichts so verknüpft wie mit dem Riechen.

Fragt sich nur: die Erinnerung woran? Ich mochte Kalbsbratwürste nämlich nie. Nach ein, zwei Bissen wird es mir jeweils wieder bewusst. Aber dann ist es zu spät, und es hilft nur noch reichlich Senf.

Manchmal reicht freilich schon die falsche Bezeichnung, um einem den Appetit zu verderben. Wenn wir mit unseren Young Boys wieder mal in Basel verloren haben, was eher die Regel ist, und man sich hernach am Verpflegungsstand in der bitteren Niederlage wenigstens noch einen Cervelat gönnen möchte, dann …

Dann lasse ich es bleiben. Weil ich nie vergesse, wie ich nach der bittersten aller Niederlagen «meines» Teams – YB hatte während fünfunddreissig Runden die Tabelle angeführt, tat dies nach der sechsunddreissigsten und allerletzten aber nicht mehr – am Grillstand noch eins auf den Deckel kriegte: Ich bat freundlich um einen Cervelat, «we dir weit so guet sy …». Und erhielt schnippisch zur Antwort: «Joo, maine Sii, e Klöpfer?»

Bänz Friedli live: 3. 11. Eschlikon TG, 6. 11. Bolligen BE (ausverkauft).

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli