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19. Januar 2015

Wenn Eltern streiten

Konflikte zwischen Mami und Papi können Kinder erschüttern. Eltern sollten sie daher einbeziehen und ihnen zeigen, wie ein Streit positiv gelöst wird. Plus: Nützliche Tipps, wie sich Meinungsverschiedenheiten am besten beilegen lassen.

streitende eltern müssen ihre kinder schützen
Bekommt das Kind einen Streit mit, ist es wichtig, mit ihm über die Situation zu sprechen.

Es ist schnell passiert: Reto sagt seiner Frau, sie solle die sechsjährige Tochter nicht immer so bemuttern. Melanie wirft ihrem Mann daraufhin vor, dass er keine Ahnung habe, wie gefährlich der Schulweg für die Kleine sei. Die Stimmung ist gehässig, bald schon arten die Vorwürfe in ein genervtes Hickhack aus. Beide sind gestresst, sie muss Überstunden machen, er hat einen neuen Chef, mit dem er nicht zugange kommt. Als Selina plötzlich vor ihnen steht, sagt Mutter Melanie: «Wir sollten das ein andermal besprechen.»

«Meinungsverschiedenheiten gehören zu Beziehungen», sagt Britta Behrends (41), Psychotherapeutin mit Praxis in Luzern. «Die Frage ist aber: Wie streitet man, und wie löst man einen Streit, wenn Kinder diesen mitbekommen?» In einer positiven Streitkultur anerkennt man die unterschiedliche Meinung des anderen, und beide Seiten versuchen, einen Konsens zu finden. Von solchen Situationen können Kinder durchaus etwas lernen.

Kinder haben besonders feine Antennen für Aggressionen

Destruktive Konflikte, die mit verbalen Aggressionen oder sogar körperlicher Gewalt einhergehen, beeinträchtigen hingegen die emotionale Sicherheit von Kindern. «Das kann sie richtiggehend verunsichern und erschüttern.» Denn Kinder haben feine Antennen: Sie nehmen auch passive Aggressionen wahr, die mit ablehnender Körperhaltung oder mit schweigendem Rückzug ausgedrückt werden. Besonders ungünstig ist es, wenn sich die Eltern in Anwesenheit des Nachwuchses über das Kind selbst oder über Erziehungsfragen streiten. «Das ist eine Belastung für die Kleinen. Sie geraten so in einen Loyalitätskonflikt oder fühlen sich schuldig an der Auseinandersetzung», sagt Britta Behrends. «Und sie fragen sich dann schnell: Was habe ich falsch gemacht?»

Konflikte der Eltern können für das Kind sehr schwierig sein

Wenn sich Eltern in Erziehungsfragen grundsätzlich uneinig sind, ist es wichtig, dass sie sich in Abwesenheit der Kinder austauschen und versuchen, die unterschiedliche Meinung des andern zu akzeptieren. Oft hilft dabei, dass man sich über die Gemeinsamkeiten bewusst wird. «Auch wenn der Erziehungsstil anders ist, steckt meist die gleiche Absicht dahinter: Beide wollen die bestmögliche Entwicklung für das Kind.»

Bekommt es einen heftigen Streit mit, ist es wichtig, im Nachhinein auf das Kind einzugehen und mit ihm über die Situation und Auflösung zu sprechen, um ihm Zuversicht und Sicherheit zu vermitteln. «Man muss das Kind ernst nehmen und anerkennen, dass Konflikte der Eltern für den Nachwuchs schwierig sein können.»

So alltäglich Streitereien sind, noch alltäglicher sollte das Positive hervorgehoben werden. «Es hilft sehr, wenn man Rituale pflegt, wie beispielsweise die regelmässige Gutenachtgeschichte, den gemeinsamen Tagesrückblick oder auch Spielabende.» Sie vermitteln Zuverlässigkeit und emotionale Nähe. Besonders wichtig ist, sich nach einem Streit zu versöhnen. Kinder lernen so, dass sich angespannte Situationen wieder lösen lassen. Am besten wirkt aber Prävention – wenn Eltern ihre Partnerschaft gut pflegen und zu ihrem Wohlbefinden schauen.

Autor: Claudia Langenegger