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04. April 2016

Wenns einer vormacht ...

Für das jüngere ist das ältere Geschwister Vorbild – auch im Schlechten. Erziehungsexpertin Marlies Bieri erklärt, weshalb Ausschimpfen dann falsch ist.

Kind rutscht im Wäschekorb die Treppe runter.
Schrei nach Aufmerksamkeit? Dreht das ältere Geschwister ein Ding, ist das jüngere stets dabei (Bild: Getty Images).

Der fünfjährige Manuel ist manchmal unausstehlich, findet sein Mami. Er ist wild, hört nie zu und hat nur Blödsinn im Sinn. Dazu kommt, dass ihm der zwei Jahre jüngere Bruder Emil alles nachmacht. Schubst Manuel die Nachbarsmädchen, rennt auch Emil heran und hilft schubsen, setzt Manuel das Bad unter Wasser, ist Emil auch dabei.

«Das ältere Geschwister wird meist bewundert und übernimmt oft eine Pionierfunktion», erklärt Marlies Bieri (59), Erwachsenenbildnerin und Geschäftsleiterin der Erziehungsplattform Elternlehre.ch in Uettligen BE. Je näher sie vom Alter her beieinander sind, desto stärker schaut das Kleinere dem Älteren ab. Besonders intensiv ist dies bei Kindern von zwei und vier Jahren.

Dass Emil seinen Bruder in allem nachahmt, ist natürlich. Aber warum bloss zettelt er so oft Streit an und hält sich kaum an Regeln? «Ungehorsam beginnt dann, wenn das grössere Kind befürchtet, vom Kleineren entthront zu werden», erklärt Marlies Bieri. «Typischerweise, wenn das zweite Kind im Krabbelalter ist und mehr Territorium einnimmt.» Mit seinem Verhalten sucht das Ältere die Aufmerksamkeit der Eltern. «Dabei ist es dem Kind egal, ob diese negativ oder positiv ist.»

Ergreifen Eltern Partei, beginnt der Teufelskreis

Eltern sollten nicht Partei für eines der Kinder ergreifen, auch wenn sie wissen, dass der Grosse den Kleinen angestiftet hat. Denn sonst entsteht zu schnell ein Teufelskreis: «Der Ältere hat so die Bestätigung, dass die Eltern das kleine Geschwister lieber mögen.»

Haben Eltern den Eindruck, ihr Kind mache immer nur Blödsinn, rät Marlies Bieri, dessen Verhalten doch mal durch die rosarote Brille anzuschauen. «Ein Kind verhält sich nicht konstant negativ. Es ist wichtig, den Fokus auch auf die positiven Seiten des Kindes zu richten», sagt die Eltern- und Erwachsenenbildnerin. Denn wie man auf das Kind reagiert, sei von zentraler Bedeutung.

Auch wenn Manuel sein Mami derzeit so sehr nervt, versucht sie nun, ihm weniger gereizt zu begegnen und hat angefangen, ihn viel öfter zu loben. Zu häufig war ihr Schimpfen erfolglos gewesen.

Autor: Claudia Langenegger