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31. August 2015

Wenn die Worte steckenbleiben

Wer das Stottern und Sprechhemmungen als Kind nicht wegbringt, hat es schwer. Über die Gründe dieses Phänomens ist man sich bis heute nicht einig. Immerhin: Mit einigen Therapieformen lassen sich gute Erfolge erzielen.

Kay (19)
Kay (19) stottert, wenn er unter Druck steht, flüssig spricht er mit Freunden, oder wenn er telefoniert.

«Von klein auf habe ich gestottert», erzählt Kay (19). Er stottert, wenn er sich unter Druck fühlt, aufgeregt oder nervös ist. Das passiert relativ schnell. Zum Beispiel, wenn er seinen eigenen Namen nennen muss. Oder bei Präsentationen in der Schule. Oder wenn man in einer Gruppe reihum etwas sagen oder vorlesen muss: Dann läuft in Kay ein Countdown, die Anspannung steigt von Sekunde zu Sekunde. «Und dann stottere ich ganz bestimmt, wenn ich an der Reihe bin», sagt der junge Amriswiler.

Kay hatte Glück, er wurde als Bub nicht gehänselt
Wenigstens läuft die Sprache flüssig, wenn er mit Freunden und Kollegen redet und telefoniert. Kay hatte auch von klein auf Glück mit seinem Umfeld. Er wurde als Bub weder ausgegrenzt noch von Mitschülern gehänselt. Und seine um ein Jahr ältere Schwester war ein guter Schutzschild. «Sie redete immer so viel, dass es nicht auffiel, wenn ich nicht so oft sprach», sagt Kay mit einem Lachen im Gesicht. Natürlich hat er sich aber immer gewünscht, dass das mit dem Stottern aufhört. In der Schule streckte er oft die Hand nicht auf, obwohl er die richtige Antwort wusste. Vorlesen war ein Gräuel. Nur Vorträge brachte er gut hinter sich: «Da konnte ich zu Hause üben.»

Warum Kinder stottern, weiss man nicht. «Es sind meist die Eltern, die nach einem Grund suchen. Sie leiden oft stark, sogar noch mehr als die Kinder», weiss Beat Meichtry (61), Geschäftsführer der Vereinigung für Stotternde und ihre Angehörigen (Versta). «Ohne dass sie wollen, projizieren Eltern oft ihren Druck auf das Kind.» Und dieses stottert umso mehr, wenn es die Anspannung der Eltern spürt.

Die Wissenschaft kennt verschiedene Theorien zu den Ursachen der sogenannten Sprechunflüssigkeit. Keine erklärt jedoch das Phänomen ausreichend: Beim psychodynamischen Ansatz etwa geht man davon aus, dass unbewusste Konflikte zum Stottern führen; die genetische Theorie besagt, dass Stottern vererbbar ist; der neuropsychologische Ansatz besagt, dass bestimmte Gehirnregionen anders reagieren. Meist wird das Stottern – vereinfachend gesagt – als Durcheinander des Sprachflusses gedeutet, wenn die Wörter zu schnell und durcheinander aus dem Mund herauspurzeln wollen.

Sich ausdrücken und sich zurückhalten
Stottern beginnt oft im Alter von zweieinhalb bis fünf Jahren, wenn der Wortschatz wächst und die Sätze komplexer werden. Dies ist aber ebenfalls die Phase wichtiger emotionaler Entwicklungsschritte bei jungen Kindern: Es ist die Zeit von Autonomie und des Ich-Sagens sowie von Trotz und des Nein-Sagens.
Beim Stottern kommen zwei widersprüchliche Dinge zusammen: sich ausdrücken wollen und sich zurückhalten müssen. Dieses Aufbegehren und die Reaktionen der Eltern können sich auf den Sprechfluss der Kinder auswirken.
«Je früher man ein Kind therapeutisch begleiten kann, umso besser», sagt Alexander Zimmermann (60), leitender Logopäde an der Stimm- und Sprachabteilung des Berner Inselspitals ( im Interview ). Seit über 20 Jahren arbeitet er mit stotternden Kindern und Erwachsenen.

Auch wenn die Meinung verbreitet ist: Stottern verwächst sich in der Regel nicht. Es ist auch keine normale Phase der Sprachentwicklung, wie man dies immer wieder liest. Bei jungen Kindern hilft oft eine Therapiephase von drei bis sechs Monaten. Manchmal auch nur eine einzige Sitzung. Das Wichtige dabei: «Ich beziehe die Eltern in die Therapie mit ein. Klärt man die Beziehung zwischen Eltern und Kind, verflüssigt sich auch die Sprache.»
Mit ihrem psychosomatischen Ansatz, der Stottern als Symptom einer Störung sieht, stellen sich die Fachleute des Berner Inselspitals gegen den gängigen Trend. «Es ist nie einfach, wenn man die Beziehung zwischen Eltern und Kindern hinterfragt, nach Ungeklärtheiten und Schwierigkeiten fragt», erklärt Alexander Zimmermann. «Bei den Eltern kommen Schuldgefühle auf.»

Kay bestellt immer Fanta statt Coca-Cola – da er bei Fanta nicht stottert
Doch der Berner Logopäde reitet nicht auf Problemen herum. Er therapiert die Kinder auf spielerische Weise und weiss, dass für Eltern oft einfach das Gespräch mit einer Fachperson wichtig ist, um unbewusste Blockaden zu lösen. «Für Eltern ist es eine enorme Erleichterung, wenn sie ihre Schuldgefühle äussern und endlich auch abladen können», weiss er.
Prinzipiell anders ist der Umgang mit stotternden Erwachsenen. «Da geht es hauptsächlich darum, das Sprechen zu verflüssigen.» Kay stottert bei harten Konsonanten wie etwa Pa, Ka, Te, Ti, Go. Unzählige Silben erweisen sich als Stolpersteine.
Er greift zur Vermeidungstaktik : «Ich stelle die Sätze um, brauche Synonyme oder lasse Wörter weg.» So sagt er immer «laufen» statt gehen und bestellt immer Fanta, obwohl er lieber Coca-Cola hat. «Bei Fanta stottere ich nicht, bei Coca-Cola ist die Gefahr zu gross, dass ich es nicht flüssig sagen kann.»

Kay hat mittlerweile zwei Intensivseminare von Versta besucht und weiss nun, wie er seinen Vornamen auch in Aufregung problemlos sagen kann: «Wenn ich mit der Hand dazu eine Acht forme.» Während seine Hand wellenförmig durch die Luft gleitet, kommt das Wort «Kay» fliessend aus seinem Mund.
Beat Meichtry, der diese Kurse leitet, hat selbst sein halbes Leben lang gestottert. Auch er stolperte früher über seinen Vornamen. Das ist typisch: «Dem eigenen Namen kann man nicht ausweichen. Da ist der Druck besonders gross, nicht zu stottern.»

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Vera Hartmann