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19. November 2012

Wenn die UBS gesundschrumpft

Ex-Präsident Peter Kurer zeigt sich verhalten optimistisch zur Zukunft der UBS und des Schweizer Finanzplatzes. Oft bezahlen Angestellte die Zeche: Von 2008 bis zum Ende des angekündigten Sparprogramms baut die UBS mit neuer Ausrichtung gleich über 35% der Stellen ab. Ein Rekord, doch auch andere Grossbanken greifen zum selben Mittel.

Für die noch immer stolze Grossbank UBS ist der Abbau bedeutend: Bereits seit Beginn der Finanzkrise, 2007 in den USA primär aufgrund des Wertzerfalls von Hypotheken-Absicherungs-Anlagen ausgebrochen, strich die Bank einiges an Präsenz und auch ein paar Geschäftsfelder zusammen. In den letzten knapp fünf Jahren verschwanden von zuvor rund 84'000 Stellen weltweit fast genau 20'000. Immerhin war der Refinanzierungsdruck enorm, retteten doch die zur Not (mit Absicherungen und der Herauslösung der wertlosesten Immobilienpapiere) einspringende Eidgenossenschaft mit der Nationalbank das einst als unsinkbar betrachtete Flaggschiff des Schweizer Bankenplatzes. Trotz dem Risiko für Öffentlichkeit und Steuerzahler und den jahrelang ausbleibenden Gewinnen (und damit Verlusten der Investoren): Die Hauptlast bei der Verkleinerung der Risiken und beim riesigen Sparprogramm trugen die Angestellten. Den Beginn dieses Abbaus erlebte die UBS übrigens noch unter der Präsidentschaft von Interview-Partner Peter Kurer (siehe Migros-Magazin Nr. 47, 2012).

Kaum anders sieht es bei der von der UBS an den letzten Oktobertagen kommunizierten Restrukturierungen aus. Das kaum mehr profitable Investment Banking, noch vor einem Jahrzehnt die 'Cash Cow' ähnlich grosser Bankengebilde, wird auf nur noch einige Einheiten zurückgebaut, die für eine Grossbank mit dem Vollsortiment an Leistungen unverzichtbar sind. Allerdings werden diese eher zu Dienstleistern für das recht gut laufende Privatkundengeschäft (Private Banking). Der früher allein operierende Investment-Bank-Chef Carsten Kengeter darf ansonsten aber hauptsächlich Aktivitäten zurückbauen.

Die Konsequenzen für die Angestellten der UBS sind auch diesmal happig. Nochmals 10'000 Stellen sollen in gut zwei Jahren verloren gehen und für einen Spareffekt von jährlich 3,4 Milliarden Franken sorgen. Mit noch 53'500 oder 54'000 Mitarbeitern dürfte das Institut schliesslich innert knapp sieben Jahren etwas über 35% seiner Belegschaft verloren haben. Neben etlichen Stellen im Investment Banking (geschätzt ca. 2000) bluten in erster Linie damit verbundene Abteilungen im Support.

Die CS mit der Politik der kleinen Schnitte
Der grosse Konkurrent Credit Suisse verfügte Ende Herbst 2012 insgesamt noch über knapp 48'000 Mitarbeiter, nachdem er in den letzten Jahren kontinuierlich und oft ohne Aufsehen erregende Informationen Personal abgebaut hat. Davon sollen noch rund 9500 in der Schweiz tätig sein. Gemäss einem Communiqué vom 9. November 2012 plant der Konzern im Zuge von Zusammenlegungen von Einheiten im Kleinkundengeschäft und in der (inländischen) Vermögensverwaltung den Abbau von weiteren 300 Stellen, also ca. 3% der Schweizer Belegschaft. Der letzte Sparschritt wurde im Sommer 2011 bekannt gegeben und kostete weltweit 2500 Stellen. Mit der am 20. November veröffentlichten Neustrukturierung von Private Banking (neu mit Asset Management) einer- und Investement Banking andererseits sollen vorerst keine grösseren Personalschnitte verbunden sein.

Tausende in der Schweiz betroffen

Bei der UBS dürfte jeder vierte der wegrationierten Arbeitsplätze in der Schweiz gestrichen werden, also rund 2500 (für New York rechnet man mit vergleichbaren, für Londons Investment Banking-Zentrale mit noch höheren Zahlen). Weitaus am stärksten betroffen dürften in Zürich die IT-Bereiche sein. Die UBS streicht damit praktisch jeden neunten Arbeitsplatz im Inland.
Damit ist aber noch nicht Schluss: Etliche Firmen arbeiten für die UBS und teilweise auch für Abteilungen, die nun zurückgefahren werden. Zum Beispiel in der Programmierung von Sofwarelösungen, aber auch bis hin zum Putzpersonal. Unübersichtlich macht die Analyse ihrer Situation, dass neben etlichen gekündeten Auftragsverhältnissen ab und zu vielleicht auch Aufgaben ausgelagert werden könnten, was vereinzelt neue Stellen bei Geschäftspartnern bedeutet.

Betrachtet man die ganze Bankenszene der Schweiz, so bauen natürlich noch weitere Institute Arbeitsplätze ab, wenn auch aktuell keines im Ausmass der UBS. Die Wirtschaftsforschungsstelle BAK geht davon aus, dass allein im Raum Zürich bis 2015 3500 Arbeitsplätze abgebaut werden dürften, dies entspräche 6% der rund 58'000 Stellen. Schätzungen für die ganze Schweiz gehen im selben Zeitraum von mindestens 5000 aus.
Neben der Erosion des Investment Bankings und anderen Folgen der Finanzkrise kommt in der Schweiz ein weiterer Grund hinzu: Die amerikanischen oder deutschen Versuche, ein langjähriges Steuerschlupfloch zu schliessen und den automatischen Informationsaustausch oder hohe Strafsteuern durchzusetzen. Skeptische Stimmen wie der UBS-CEO Sergio Ermotti gehen davon aus, dass auf dem ganzen Schweizer Bankenplatz in den nächsten Jahren 10% bis 20% der Stellen verloren gehen könnten. Der Credit Suisse-Präsident Urs Rohner zieht zumindest für sein Institut nicht annähernd so schwarz.
Doch nicht allen geht es schlecht: Gerade weite Teile der Raiffeisen-Gruppe, die Postfinance und bestimmte Regionalbanken sind aufgrund der konsequenten Ausrichtung auf das Privat- und Kleinkundengeschäft und dortigen Kundenzulauf gar eher am Wachsen oder halten zumindest den aktuellen Stamm an Mitarbeitern.

Jobabbau auch bei Gewinn

Mit dem Personalschnitt zwischen 2008 und 2015 steht die UBS unter den Grossbanken prozentual an der Spitze. Dennoch belegt eine Studie der UNI Finanz Global Union von Sommer 2012 mit dem Titel Erhebung über Arbeitsplatzverluste in Banken mit den Arbeitsmarktdaten der Banken in 21 Ländern (v.a. Europa, USA, Australien, Indien) und den Details von 16 Grossbanken (darunter die grössten fünf, ohne UBS und CS), dass fast überall Arbeitsplätze eingespart werden.
Dabei ergaben sich ein paar überraschende Fakten:

Der Stellenabbau von Grossbanken im Vergleich
Der Stellenabbau von Grossbanken im Vergleich

1. Insgesamt wurden in 18 von den untersuchten 21 Ländern seit Anfang 2008 mehr als 300'000 Stellen gestrichen.
2. 14 der 16 grossen Institute bauen zwischen 2008 und 2015 Stellen ab, zwischen nicht einmal 1% und der Nummer 1 im Vergleich, der Deutschen Bank, mit gleich 22% (Prozess vor zwei Jahren unter dem Schweizer CEO Josef Ackermann bereits abgeschlossen). Die Übersicht finden Sie rechts.
3. Bis auf zwei schrieben zumindest in der Jahresbilanz 2011 alle deutliche Gewinne. Eine davon landete annhähernd bei Null (Bank of America), nur die italienische Uni Credit schrieb klar rote Zahlen.
4. Die 14 Job-rationierenden Unternehmen bauten von rund 3 Millionen Arbeitsplätzen etwas mehr als121'000 ab, also beinahe 4%.
5. Betrachtet man die grössten Bankenplätze, so fällt auf, dass mit 126'000 gestrichenen Jobs Indien noch viel mehr unter der Finanzkrise litt als Grossbritannien (65'000, fast die Hälfte bei der HBSC), den USA (30'000 registriert, praktisch alle bei der Bank of America), der Schweiz und Deutschland (über 20'000), Spanien (15'000), Italien und Ausstralien (10'000).

Autor: Reto Meisser