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19. Oktober 2015

Wenn die Sucht nach Muskeln krank macht

Längst haben nicht mehr nur Frauen ein ungesundes Körperbild. Bigorexie oder Muskeldismorphie, das krankhafte Streben nach Muskeln, ist vor allem unter jungen Männern weit verbreitet. Die Folgen können gravierend sein. Das Interview zu den Gefahren mit einem Psychotherapeuten.

Besuch des Fitnesscenters
Mehr Selbstwertgefühl durch mehr Muskeln: Der Besuch des Fitnesscenters kann für Männer zur Sucht werden. (Bild: AFP Photo)

Sie trainieren stundenlang im Fitnesscenter, ernähren sich von Proteinshakes und stellen Bilder ihrer muskelbepackten Körper online: Das Streben nach dem perfekten Körper ist für viele Männer zur Sucht geworden. Muskeldismorphie, Bigorexie oder auch Adonis-Komplex nennt sich die Wahrnehmungsstörung. Bereits sechsjährige Buben leiden an Bigorexie.

Der Körperkult ist allgegenwärtig: Im Film retten Helden mit gestählten Oberkörpern die Welt, auf Werbeplakaten posieren Männer mit nackten Oberkörpern, deren körperliche Perfektion für die meisten unerreichbar ist. Die Actionmänner aus Plastik, mit denen fast jeder kleine Junge spielt, haben ihre Bizepsgrösse binnen 20 Jahren verdoppelt. Das hat Folgen: Nach einer im «British Medical Journal» veröffentlichten Studie hat sich die Zahl der Frustrierten in 25 Jahren verdreifacht.

Wenn der Körperkult zur Krankheit wird, greifen viele zu gefährlichen Mitteln: Anabolika, das Muskelaufbaupräparat, ist illegal; die Nebenwirkungen reichen von Leberschäden und einem erhöhten Herzinfarktrisiko bis hin zum Unterbruch des Wachstums bei Jugendlichen.
Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz untersuchte zusammen mit Psychologen der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, wie 13- bis 15-Jährige ihren Körper wahrnehmen. Die Studie kommt zum Schluss, dass 48 Prozent der befragten Buben in der Schweiz gerne mehr Muskeln hätten – 30 Prozent sogar deutlich mehr.

EXPERTENINTERVIEW

«Man sollte den Alltag nicht dem Training unterordnen»

Roland Müller (35) ist Psychotherapeut am Berner Inselspital und im Adipositaszentrum Lindberg in Winterthur ZH
Roland Müller

Roland Müller (35) ist Psychotherapeut am Berner Inselspital und im Adipositaszentrum Lindberg in Winterthur ZH.

Roland Müller, seit wann haben Männer ein verzerrtes Selbstbild?

Die 80er-Jahre gelten als Geburtsstunde der heutigen Fitnessbranche. Die Männer auf den Titelbildern der Printmedien werden seit dieser Zeit zunehmend muskulöser. Heute begegnen wir dem Bild des perfekten Mannes in der Werbung auf Schritt und Tritt. Wenn jemand bereits unsicher ist oder ein geringes Selbstwertgefühl hat, ist das verheerend.

Was ist falsch am Bild des «perfekten» Mannes?

Diese Geschlechterbilder sind stark durch die Werbung geprägt. Sie muss Produkte an den Mann bringen. Das funktioniert nur, wenn ein Bedürfnis besteht. Dieses wird mit Verunsicherung geweckt. Das ist einfach, denn dem vermeintlich perfekten Bild entspricht fast niemand.

Welche Vorbilder haben junge Männer heute?

Oft sind dies Comicfiguren. So kann die Figur «He-Man» aus der Serie «Masters of the Universe» durchaus Vorbildfunktion haben, wie Interviews mit Betroffenen dokumentieren. Hollywood-Stars gehen vor den Filmdrehs monatelang ins Extremtraining. Aber auch Fussballer oder andere Sportler werden immer mehr körperlich in Szene gesetzt. Und im Internet finden sich zahlreiche Fitness-Motivationsvideos.

Wie viele Betroffene gibt es?

Für die Schweiz haben wir bis jetzt noch keine Zahlen. In Amerika kann man davon ausgehen, dass 20 bis 30 Prozent der jungen männlichen Trainierenden in den Fitnessstudios Bigorexie-Symptome aufweisen oder bereits eine ausgebildete Körperbildstörung haben.

Wünschen sich auch Frauen mehr Muskeln?

Frauen wollen grundsätzlich dünner sein. Bei ihnen gehen Körperwahrnehmungsstörungen meistens in Richtung Anorexie.

Ab wann sind die Gym-Besuche ungesund?

Nicht jeder, der intensiv trainiert, hat ein psychisches Problem. Sich auspowern ist okay. Aber es wird dann krankhaft, wenn man ständig das Gefühl hat, nicht zu genügen.

Wo finden Betroffene Hilfe?

In der Schweiz gibt es bis jetzt wenige Anlaufstellen. Ein erster Schritt ist das Gespräch mit einer Vertrauensperson. Danach empfiehlt sich der Gang zu einem Therapeuten. Leider ist das Thema sehr schambehaftet.

Wie legt man auf eine gesunde Art Muskeln zu?

Zuerst sollte man sich fragen, warum man überhaupt mehr Muskeln möchte. Dann sollte man langsam anfangen. Nahrungsergänzungsmittel braucht es meiner Meinung nach nicht. Wichtig ist, dass man regelmässig isst und daneben auch noch Spass am Leben sowie ein Sozialleben hat. Man sollte den Alltag nicht dem Training unterordnen.

Autor: Anne-Sophie Keller