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04. Juni 2012

Wenn die Glückshormone tanzen

Claudia Carlucci liebt es zu tanzen. Jetzt hat sie die erste Latin-Tanzschule für Downsyndrom-Kinder in der Schweiz gegründet.

Anina Ingold tanzt begeistert
Anina Ingold tanzt begeistert.

Sie sind anders, sie fallen auf. Doch beim Tanzen spielt ihre Behinderung keine Rolle. «Dann zählt nur noch die Freude», sagt Claudia Carlucci (41). Die Luzernerin hat soeben die erste Latin-Tanzschule für Kinder und Jugendliche mit Downsyndrom ins Leben gerufen und damit den Nerv vieler Eltern und Kinder getroffen.

Lili und Armando scheinen den Saal nicht mehr zu bemerken, nicht die aufmunternden Blicke der Tanzlehrerin, nicht das etwas unbeholfene Stampfen des Paars neben ihnen. Lili ist hochkonzentriert, lässt ihren blonden Pferdeschwanz hüpfen und ihre Absätze in einem rhythmischen Stakkato auf den Boden knallen. Armando hält sie fest im Arm, den Blick nach innen gekehrt, mit einem stillen Lächeln auf dem Gesicht. Lili Stanger (14) und Armando Bay (20) tanzen zusammen Merengue, selbstvergessen, ernsthaft, ausdauernd.

Lili und Armando haben das Downsyndrom — auch Trisomie 21 genannt —, eine Form der geistigen Behinderung. Bei ihnen ist das Chromosom 21 nicht wie üblich zweifach, sondern dreifach in jeder Zelle vorhanden. Sie sehen anders aus als gleichaltrige Jugendliche. Sie haben Mühe beim Lernen, Denken, Verstehen, und das artikulierte Sprechen fällt ihnen schwer.

Ein Teilnehmer mit Downsyndrom? Nein, danke.

Enea21-Organisatorin Claudia Carlucci mit ihrem Sohn Alessandro Enea.
Enea21-Organisatorin Claudia Carlucci mit ihrem Sohn Alessandro Enea.

«Solche Kinder und Jugendliche verunsichern viele Menschen; sie wissen oft nicht, wie mit ihnen umgehen», sagt Claudia Carlucci, selber Mutter eines sechsjährigen Sohns mit Downsyndrom. Kürzlich wollte sie ihren Sohn, Alessandro Enea, für einen Tanzkurs anmelden und erhielt prompt eine Absage. Wie Alessandro ergeht es vielen behinderten Kindern. Ihr Anderssein überfordert Kursleitende nicht selten, es macht Angst, schüchtert ein. Die Absage liess die lebhafte Luzernerin jedoch nicht resignieren, sondern brachte sie auf eine aussergewöhnliche Idee: Die Hobbytänzerin rief im Dula-Schulhaus in Luzern kurzerhand das Projekt «Enea21» ins Leben, die erste Latin-Tanzschule der Schweiz für Kinder und Jugendliche mit Downsyndrom. Einmal im Monat finden nun zwei Kurse statt, einer für Kinder zwischen sieben und 13 Jahren, ein zweiter für Jugendliche ab 14 Jahren.

Das Interesse am Kurs ist gross – die Begeisterung auch

An diesem Sonntag ist der Saal im Dula-Schulhaus voll. Zwölf Kinder und 14 Jugendliche sind zu zwei Schnupperkursen erschienen. «Das ist fantastisch», freut sich Claudia Carlucci. Nie hätte sie mit so vielen Anmeldungen gerechnet. Und schon gar nicht damit, dass Familien sogar aus anderen Kantonen anreisen würden. «Unsere Tochter ist schüchtern, doch hier lebt sie richtig auf», sagt etwa Katja Glanzmann aus Murten BE. «Dafür nehmen wir gerne einmal pro Monat zweimal eine eineinhalbstündige Autofahrt in Kauf.»

Stellen Sie sich vor, Alessandro würde hier eine Freundin finden. Was für ein Glück wäre das!

Die Initiantin Claudia Carlucci hat sich mit «Enea21» «einen Lebenstraum» erfüllt. Von den Tanzkursen verspricht sie sich nicht nur Freude und Fitness für die Kinder, sondern auch die Möglichkeit, Freundschaften zu schliessen. «Stellen Sie sich vor, Alessandro fände hier einmal eine Freundin», sagt sie. «Was für ein Glück wäre das!»

«Ich wusste sofort: Tamara ist die Richtige für das Porjekt»

Ihr Traum wäre ohne zwei glückliche Zufälle nicht wahr geworden, betont Claudia Carlucci. Und erzählt, wie sie vor zwei Jahren in Italien zufällig eine Tanzshow mit Kindern mit Downsyndrom gesehen hat. «Die Intensität, mit der diese getanzt haben, traf mich mitten ins Herz.» Über eine Freundin lernte sie schliesslich die italienische Tanzlehrerin und Choreografin Tamara Lorandi kennen, die mit behinderten Jugendlichen arbeitet. «Ich wusste sofort: Tamara ist die Richtige für das Projekt.» Weil die Tanzlehrerin jeweils aus Italien anreist, muss Claudia Kursgebühren verlangen. Sie selbst arbeitet ehrenamtlich.

Die Tanzstunde nähert sich dem Ende. Ein letztes Mal drehen die Paare ihre Runden. Lili und Armando schauen sich an, strahlen. Später betont Armando, er wolle mit dem Kurs unbedingt weitermachen. «Das war super!» Und Lili? Auf die Frage, ob es ihr gefallen habe, nickt sie verlegen. Und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

www.enea21.com

Im Schnupperkurs beobachten die Eltern ihre Tänzerinnen und Tänzer.
Im Schnupperkurs beobachten die Eltern ihre Tänzerinnen und Tänzer.
Wer Sport treibt, kriegt Hunger und darf sich auch ein Stück Kuchen gönnen.
Wer Sport treibt, kriegt Hunger und darf sich auch ein Stück Kuchen gönnen.

Autor: Barbara Lauber

Fotograf: Tina Steinauer