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03. Februar 2014

Wenn die Eltern alt werden

Es ist eigentlich vorhersehbar und doch für die meisten Kinder ein Schock: Vater oder Mutter werden alt und brauchen Pflege. Eva Geiser kümmert sich seit sechs Jahren um ihre Mutter, und Gottlieb Diggelmann ist froh, seine Mutter im Altersheim in guten Händen zu wissen.

Eva Geiser neben ihrer Mutter, die sie anlacht.
Eva Geiser unterstützt ihre Mutter im Alltag. «Ich lebe zwei Leben», sagt die pensionierte Apothekerin.

Eva Geisers Wohnzimmer gibt den Blick frei auf die Dächer von Winterthur ZH. Vor der Balkontür wartet ein Tigerli auf Einlass. Ein idealer Ort, um den Ruhestand zu geniessen, denkt man. Aber ruhig ist Eva Geiser (70) selten: «Ich lebe zwei Leben», sagt sie, «mein eigenes und das meiner Mutter.»

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Eigentlich hatte sich die Apothekerin die Zeit nach der Pensionierung so vorgestellt: Mehr Musse für die Malerei, die eine oder andere Reise unternehmen, Freundinnen treffen. An Betreuungspflichten dachte die kinderlose Frau nicht. Wenn ihre Mutter einmal Hilfe brauchte, sprang meist Eva Geisers Bruder ein, der sein Künstleratelier im Haus der Mutter hatte. Sein Tod vor sieben Jahren und ein Spitalaufenthalt der Mutter veränderten alles. Plötzlich sollte die heute 95-Jährige täglich Medikamente einnehmen und nicht mehr Auto fahren. Beides fiel ihr schwer.

Eva Geiser sortiert zusammen mit ihrer Mutter Papiere.
Der Papierkram will erledigt sein: Eva Geiser mit ihrer Mutter.

Eva Geiser übernahm immer mehr: erst den Einkauf, dann die Administration. Später begann sie, ihre Mutter jeden Morgen anzurufen, um sie daran zu erinnern, dass sie ihre Tabletten schlucken muss. Im Handy gespeicherte Reminder mahnen Geiser an ihre Verpflichtungen. «Geht es meiner Mutter gut?», fragte sich Geiser plötzlich rund um die Uhr.

250'000 Frauen und Männer kümmern sich in der Schweiz um ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Zwei Drittel der Pflegenden sind Frauen. Zur Hälfte pflegen sie ihren Partner, zu einem weiteren Drittel einen Elternteil. Laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium gibt es in der Schweiz rund 125'000 pflegebedürftige über 65-Jährige. Nur die Hälfte davon lebt in einem Heim. Die andere wird von Angehörigen wie Eva Geiser versorgt. Rund 25 Stunden pro Woche wenden Töchter und Söhne für die Pflege ihrer betagten Eltern auf. Das ist viel, erst recht, wenn man daneben erwerbstätig ist.

Eva Geiser hatte Glück im Unglück. Der Zustand ihrer Mutter verschlechterte sich erst, als Geiser nicht mehr täglich zur Arbeit musste. Trotzdem belastet sie die Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mutter sehr. «Ich sitze wie auf rohen Eiern», sagt Eva Geiser, «ständig fürchte ich, etwas vergessen zu haben. Und», fügt Geiser an, «das schlechte Gewissen, zu wenig für meine Mutter zu tun, wurde zu meinem ständigen Begleiter.» Den Namen ihrer Mutter möchte Eva Geiser zu deren Schutz nicht nennen.

Füreinander da zu sein,ist selbstverständlich

Gottlieb Diggelmann (71) kennt Eva Geiser nicht, aber er weiss, wie es sich anfühlt, wenn man sich um die eigene Mutter sorgt. Jahrelang lebte Lydia Diggelmann (99) bei Gottliebs jüngerem Bruder. Da dieser zur Arbeit musste, war sie tagsüber oft allein. Kein Problem, bis Lydia Diggelmann eines Tages ohne Vorwarnung hinfiel und erst ein paar Minuten später wieder erwachte. Leider blieb es nicht bei diesem einen Sturz. Gottlieb Diggelmann und seine Geschwister hatten keine ruhige Minute mehr. «Wir lebten in ständiger Angst, unsere Mutter falle irgendwo hin und niemand sei bei ihr», sagt der Landwirt.

Lydia Diggelmann fröhlich mit ihrem Sohn Gottlieb.
Lydia Diggelmann (99) ist glücklich, wenn sie mit Sohn Gottlieb Diggelmann (71) zusammensein kann.

Tatsächlich kann die quirlige Bäuerin bis heute kaum still sitzen. Ein Leben lang hat sie für andere gesorgt. Zuerst für ihre jüngeren Geschwister, später für die eigenen Kinder, die Schwiegereltern, die Eltern, und bis vor ein paar Jahren pflegte sie ihren Mann, der sich von einem Hirnschlag nicht mehr erholte. Füreinander da zu sein, sei in der Familie Diggelmann eine Selbstverständlichkeit, sagt Gottlieb Diggelmann.

Ein «grosses Geschenk» seien die Kinder

Seit Generationen lebt die Familie auf einem Bauernhof an einem der steilen Hänge des Tösstals. Eine Stunde Fussmarsch zum nächsten Dorf. Lydia Diggelmanns Aussteuer brachte der Knecht mit dem Schlitten und den Ochsen auf den Hof, die Strasse kam erst Jahre später. «Wenn man so lebt, ist man aufeinander angewiesen», sagt Gottlieb Diggelmann, «das prägt.»

Als seine Mutter vor vielen Jahren wegen der Beschwerden ihres Mannes ins Tal ziehen musste, kochte sie jeden Mittag für ihre Enkelkinder. Sie hätten es trotz der Ponys, mit denen sie ihren langen Schulweg bewältigten, zum Essen nicht nach Hause geschafft. Ein «grosses Geschenk» seien die Kinder, die Enkel, sagt Lydia Diggelmann, der grundsätzlich nie etwas zu viel gewesen zu sein scheint. «Der liebe Gott hat mir immer genügend Kraft gegeben, meine Aufgaben zu erledigen», sagt die 99-Jährige, und ihre Augen leuchten.

Lydia Diggelmann spaziert mit ihrer Enkelin durch den Flur des Altersheims.
Lydia Diggelmann lebt im Altersheim, wo ihre Enkelin Ruth Wüst-Diggelmann (45) als Pflegefachfrau arbeitet.

Die Enkelin Ruth Wüst-Diggelmann (45) war es denn auch, die Lydia Diggelmann den Einzug ins Altersheim in der Gemeinde leicht machte. Sie arbeitet dort als Pflegefachfrau. «Endlich kann ich dir etwas zurückgeben», sagte sie, als Lydia Diggelmann nach einer Herzoperation im August 2007 ins Altersheim Blumenau einzog. Ihrem Sohn Gottlieb fiel ein Stein vom Herzen. Heute schaut er regelmässig auf einen Schwatz in der Cafeteria vorbei oder nimmt seine Mutter auf eine Ausfahrt mit. «Dann bin ich glücklich!», sagt Lydia Diggelmann. Ihre zahlreichen Lachfältchen werden sichtbar. Für ihn, sagt Gottlieb Diggelmann, sei einfach wichtig, dass seine Mutter gut aufgehoben sei. «Solange sie daheim war, schlief niemand mehr ruhig.»

Bei Eva Geiser brauchte es eine schwere Grippe, bis sie sich eingestand, dass es so nicht weitergehen konnte. «Ich wachte eines Nachts auf und hatte das Gefühl, alles breche über mir zusammen.» Das Kräftezehrende, sagt Eva Geiser, sei nicht das Einkaufen oder die Mithilfe im Haushalt. «Was einen aushöhlt, ist das Gefühl, für jemanden verantwortlich zu sein, 24 Stunden am Tag.»

In der Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige, die Eva Geiser schliesslich besucht, erfährt sie, dass alle früher oder später an ihre Grenzen kommen. «Das Zermürbende ist, dass man weiss, dass es nur noch schlechter wird.»

Es fehlen viele pflegende Hände

Eva Geiser beginnt sich damit auseinanderzusetzen, dass es schlimmer werden wird. Sie organisiert eine Putzfrau, den Gärtner und die Spitex, die nun fünfmal pro Woche kommt und ihrer Mutter bei der Körperpflege behilflich ist. «Ich bin Apothekerin und keine Pflegefachfrau», sagt Geiser. «Ich bin froh, dass sich jetzt Profis um meine Mutter kümmern.»

Spitex-Frau, die
Jeden Tag kümmert sich eine Spitex-Frau um Eva Geisers 95-jährige Mutter, die immer noch daheim lebt.

Die Profis wollen bezahlt sein, der Gärtner und die Putzfrau auch. Die Pflege daheim geht ans Portemonnaie. Oft an jenes der Angehörigen. Zwar gibt es innovative Modelle, zum Beispiel, dass einzelne Spitexorganisationen pflegende Angehörige anstellen und entlöhnen. Häufig aber bleibt die private Pflege Gratisarbeit, wertvolle Gratisarbeit. Laut der «Swiss Age Care»-Studie 2010 erbringen Töchter, Söhne und Ehepartner bereits heute Pflegeleistungen in der Höhe von 34 Millionen Franken pro Jahr. Sie entlasten damit die öffentliche Hand um rund 1,2 Milliarden Franken. Bis ins Jahr 2030 dürfte diese Zahl noch einmal deutlich steigen. Bis dahin soll die Anzahl Pflegebedürftiger auf über 180'000 wachsen. Laut Gesundheitsobservatorium müssten bis ins Jahr 2020 in Pflegeinstitutionen 25'000 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden, um alle Seniorinnen und Senioren zu versorgen. Ein ehrgeiziges Ziel.

Wie viele Frauen und Männer bereits heute ihr Arbeitspensum reduzieren oder ganz aus dem Erwerbsleben aussteigen, um sich um ihre Liebsten zu kümmern, weiss man nicht genau. Aktuelle Erhebungen des Forschungs- und Praxisprogramms «Work & Care» zeigen aber, dass mindestens zwölf Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in die Pflege von Angehörigen eingebunden sind. Immerhin ist das Problem erkannt: «Wir haben für ein Umfeld zu sorgen, das es möglich macht, beide Aufgaben nebeneinander zu erfüllen», sagte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (57) am Tag der Kranken.

Nach einer Geburt gibts Mutterschaftsurlaub

Dass Veränderungen dringend nötig sind, zeigt auch eine neue Studie der Schweizer Altersforscher Pasqualina Perrig-Chiello (59) und François Höpflinger (65). Das Forscherduo befragte pflegende Angehörige nach ihrem psychischen Befinden: 60 Prozent der Befragten gaben an, in der letzten Woche niedergeschlagen gewesen zu sein, und fast 80 Prozent waren nach eigenen Angaben in dieser Zeit angespannt und nervös. «Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist ein schwieriger Schritt», sagt Christine Egerszegi (65). Die Aargauer FDP-Ständerätin hat jahrelang zuerst ihre Mutter, später ihren Mann gepflegt. Seither setzt sie sich in Bundesbern für die Anliegen Pflegender ein, unter anderem dafür, dass es niederschwellige Beratungsstellen gibt. «Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist es selbstverständlich, dass man von der Mütter- und Väterberatung unterstützt wird und Anrecht auf einen Mutterschaftsurlaub hat. Genauso gut sollte man am Ende des Lebens aufgehoben sein.» Es sei ganz wichtig, dass Politik und Gesellschaft dafür sorgten, dass die Angehörigen nicht überfordert würden und gesund blieben.

Eva Geiser möchte nicht warten, bis sie selber krank wird. Sie hat ihre Mutter im Alterszentrum im Quartier angemeldet und zusammen mit ihr einen Vorsorgeauftrag ausgefüllt. Aber so lange sie sich noch durch ihre kleine Wohnung bewegen kann, möchte Eva Geisers Mutter nicht über einen Umzug sprechen. Noch tragen die Beine.

Autor: Tanja Polli

Fotograf: Tina Steinauer