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21. September 2015

Wenn der Gang ins Büro zur Belastung wird

Schweizer Arbeitnehmer machen sich Sorgen um Job und Gesundheit. Gemäss einer neuen Studie von Travailsuisse nimmt jeder Dritte die Arbeit als psychische Belastung wahr. Unzufrieden machen auch fehlende Weiterbildungsangebote.

Arbeitnehmer vor Computer
Mit der Aufwertung des Frankens hat der Druck noch zugenommen: Ein gestresster Arbeitnehmer vor dem Computer. (Bild: Getty Images)

Die Schweiz hat ein Problem mit älteren Arbeitnehmenden. Den Schluss legt eine neue Studie von Travailsuisse nahe. Darin heisst es: Beinahe zwei Drittel der 46- bis 64-Jährigen glauben kaum daran, bei freiwilligem oder unfreiwilligem Arbeitsplatzverlust eine vergleichbare Stelle zu finden.

Der Verband der Schweizer Arbeitnehmer fordert deshalb eine Anpassung der Anstellungspolitik und bessere Laufbahnberatungen für ältere Semester. Auch sonst zeichnet das «Barometer Gute Arbeit» ein düsteres Bild. So fühlen sich 40 Prozent der Beschäftigten oft oder häufig durch ihre Arbeit gestresst. Einem Drittel schlägt die Arbeit gar auf die Psyche.

Mit der Aufwertung des Frankens hat der Druck noch zugenommen. Die Folgen wird die Allgemeinheit zu spüren bekommen: «Die Produktionspeitsche führt zu einer Überbelastung mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, aber auch mit hohen Kosten für die Volkswirtschaft», sagt Adrian Wüthrich (35), der designierte Präsident von Travailsuisse. Unzufrieden sind die Arbeitnehmer zudem mit der Gesundheitsförderung und den Weiterbildungsmöglichkeiten in ihren Betrieben. Fast die Hälfte wird kaum oder gar nicht unterstützt bei der Karriereplanung. Über 70 Prozent sehen keine oder nur geringe Aufstiegschancen in ihrem Unternehmen. Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel sei dies ein grosses Problem, heisst es bei Travail­suisse. Relativ positiv bewerteten die 1500 für die Studie befragten Personen einzig die Identifikation mit der eigenen Arbeit.

«Wer heute am Arbeitsplatz nicht gestresst wirkt, gilt fast schon als Faulenzer»

Das Experteninterview mit Theo Wehner (66), Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich.

ETH-Professor Theo Wehner
Theo Wehner (66), Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich.

Theo Wehner, 4 von 10 Schweizern fühlen sich im Job gestresst. Was machen diese Leute falsch?

Schuld sind primär die Arbeitsbedingungen. Zu einem Teil ist das Problem aber auch hausgemacht: Wir kommen mit dem Kaffeebecher ins Büro, die Mittagspause erledigen wir am PC. Und Mails werden am Sonntagabend während des «Tatorts» auf dem Smartphone beantwortet. Wer am Arbeitsplatz nicht gestresst wirkt, gilt ja fast schon als Faulenzer.

Woher kommt dieser Hang zur Selbstausbeutung?

Das Selbst war noch nie so wichtig wie heute. Früher war die Personalabteilung für die Mitarbeiter zuständig, heute sagt sie: «Du selbst bist für dich zuständig.» Das klingt vordergründig nach Freiheit und Autonomie. Tatsächlich ist das Selbstmanagement eine perfide Strategie, die zur Selbstausbeutung führt.

Viele Arbeitnehmer schleppen sich auch mit einer Grippe ins Büro. Ist das nicht krank?

Schlimmer sind psychische Erkrankungen. Die geben zu reden. Es gibt viele, die mit einer ausgewachsenen Depression ihrer Arbeit nachgehen. Immer noch besser, als zehn Stunden im Bett zu liegen. Dennoch braucht es eine Diagnose und eine Therapie.

Wer bis zum Umfallen arbeitet, wird von den Kollegen bewundert.

Absurderweise ist der Begriff «Burn-out» positiv besetzt. Dabei ist er für die Betroffenen eine Katastrophe. In den 70ern und 80ern galt jemand, der noch keinen Herzinfarkt hatte, als schlechter Manager. Schreiner mussten mindestens einen Finger verloren haben. Das Burn-out hat die körperlichen Blessuren von früher als Trophäe abgelöst. Jetzt heisst es: «Kein Wunder, dass der depressiv geworden ist, bei der Arbeit!»

Nehmen wir die Arbeit zu wichtig?

Ja, wir sind bereit, unser ganzes Leben mit dem Büro zu synchronisieren. Dabei herrscht bei der Arbeit ziemlich viel Sinnfinsternis.

Wie meinen Sie das?

Einer Tätigkeit nachzugehen und ­dafür Geld zu bekommen, nützt mir zwar – und meinem Arbeitgeber. Die Sinnfrage bleibt aber unbeantwortet. Nur wenn etwas mit meinen Werten übereinstimmt, macht es Sinn. Viele Leute erleben das zum Beispiel erst bei der Freiwilligenarbeit.

Schon ab 40 realisieren viele Arbeitnehmer: Ich bin ersetzbar. Wie geht man mit dieser permanenten Unsicherheit um?

Eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, Erfahrung zu würdigen, ist der Roboterisierung sehr nahe. Damit das Alter nicht zu einem biologischen Risiko wird, ist eine gute Personalentwicklung nötig. Viele HR-Abteilungen beschränken sich heute aufs Verwalten und Rekrutieren.

Moderne Firmen wie Google bieten ihren Mitarbeitern Weinbars, Chill-out-Lounges oder Spielzimmer mit Rutschbahnen. Wie sinnvoll ist das?

Mich erinnert das an Klöster oder ans Militär, wo alles unter einem Dach ist. Es gibt Leute bei Google, die wissen nicht, dass die Limmat durch Zürich fliesst. Da wird die Trennung von Öffentlichem und Privatem aufgehoben, die wichtig wäre für eine Gesellschaft. Der öffentliche Raum ist eine öffentliche Telefonzelle geworden. Uns wird vorgegaukelt, dass so Synergien entstehen, doch in Wahrheit ist es ein immenser Verlust von Kultur.

Wer auf Teambuilding-Events verzichtet, gilt bald als asozial.

Dabei sind auch sie ein Auslöser für Stress. Man sollte sich da «sehen lassen». Jeder muss in den Kletterpark oder zum River Rafting. Dabei werden aber keine Grenzen ausgelotet, sondern im schlimmsten Fall der Kollege blossgestellt, der beim Mittagessen immer die grössten Portionen auf den Teller legt und es deshalb nicht allein aus dem Schlauchboot schafft.

Autor: Peter Aeschlimann