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05. Mai 2014

Wenn der Damenbart beim Küssen kitzelt

Haare im Gesicht sind bei Männern okay, bei Frauen aber unerwünscht. Für den Wildwuchs verantwortlich sind Gene oder Hormone, betroffen ist rund jede zehnte Frau. Lesen Sie auch den Artikel über verschiedene Barttypen rechts.

Haare im Gesicht 
– ist man davon als Frau tatsächlich 
betroffen, ist das nicht witzig.
Haare im Gesicht 
– ist man davon als Frau tatsächlich 
betroffen, ist das nicht witzig.

Bart ist in – zumindest bei Männern. Bei Frauen hingegen ist üppiger Wildwuchs im Gesicht tabu. Kein Wunder, wird einzelnen Haaren meist umgehend mit der Pinzette zu Leibe gerückt. Umso schlimmer, wenn die Haare nicht nur einzeln spriessen, sondern stark und flächendeckend.

Was im Volksmund Damenbart heisst, nennt der Experte Hirsutismus: Wenn Frauen Haare an Stellen wachsen, wo sie sonst nur Männer haben. «Am häufigsten klagen Betroffene über Haarwuchs im Bereich des Gesichts», erklärt die Fachärztin Lisa Sze (40) vom Hormon Zentrum Zürich an der Klinik Hirslanden. Sze leitete bis vor Kurzem die Hirsutismus-Sprechstunde im Kantonsspital St. Gallen.

Das Phänomen zeigt sich auch im Brust-, Rücken- oder Schamhaarbereich und kann genetisch bedingt, eine Hormonstörung, eine Krankheit oder die Nebenwirkung einer langen Reihe von Medikamenten sein.

Nach der Menopause verstärkt sich das Problem

Und längst nicht nur italienische Mamas haben mehr Schnauz als ihre Söhne, auch wenn es bei Frauen aus dem Mittelmeerraum tatsächlich häufiger vorkommt als etwa bei Nordeuropäerinnen oder Asiatinnen. Fachleute schätzen, dass im gebärfähigen Alter jede 10. bis 20. Frau betroffen ist. «Ab der Menopause kann es sogar bei drei Viertel aller Frauen zu einem vermehrten Haarwuchs im Gesicht kommen», erklärt Lisa Sze. Auch wenn das kein eigentlicher Hirsutismus ist, kann dieser Flaum stören.

Medizinisch ist es klar, wann der Haarwuchs krankhaft ist: Der Ferriman-Gallwey-Index misst an neun Körperstellen die Haarverteilung auf einer Skala von null bis vier. Ist die Summe aller gemessenen Werte höher als acht, liegt ein Hirsutismus vor. Ob die Haare aber stören, hängt nicht von diesem Wert ab, sondern ist sehr individuell. Eine grosse Rolle spielt laut der Endokrinologin Lisa Sze, wo die Haare sich befinden. «Und in der Badesaison stört unerwünschter Haarwuchs deutlich mehr.»

Grundsätzlich empfiehlt die Expertin betroffenen Frauen im gebärfähigen Alter eine ärztliche Abklärung. Denn in seltenen Fällen kann auch ein Tumor der Grund für das Zuviel an Haaren sein. Häufig finden Ärzte aber keine medizinische Ursache für das vermehrte Haarwachstum und der Hirsutismus ist eine reine Erbangelegenheit.

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Getty Images