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23. September 2013

Wenn das Einmaleins Mühe macht

In der zweiten Klasse lernt man das Einmaleins. Manche Kinder können es in der Sechsten immer noch nicht. Besser als der resignierte Griff zum Taschenrechner ist, spielerisch zu üben.

Leider reichen die Finger nur für die ganz einfachen Rechnungen mit tiefen Zahlen aus (Bild: Getty Images).

Fünftklässlerin Naomi hat Herzklopfen. «96 x 98 gibt wieviel? Rechne vor», sagt ihre Lehrerin. Doch wie soll Naomi diese Rechnung bewältigen, wenn sie das einfache Einmaleins aus der zweiten Klasse noch nicht beherrscht? Mühsam rechnet sie vor: 6 x 8 = 8+8+8+8+8+8. Beim Zusammenzählen verzählt sie sich. Banknachbarin Mara hat das Ergebnis schon längst: In der zweiten und dritten Klasse hat sie das Einmaleins in- und auswendig gelernt. Bei 6 x 8 überlegt sie nicht mehr: 48 – das weiss sie sogar im Schlaf! Tatsache ist: Manche Kinder können das Einmaleins in der 6. Klasse immer noch nicht. Und nicht, weil sie unbegabt wären, sondern weil im Zeitalter von Computer und Taschenrechner das Kopfrechnen und Auswendiglernen in manchen Schulen zu wenig geübt wird.

Kopfrechnen stärkt das abstrakte Denken

Buchautor Anders Weber (65) kennt das Problem: «Die Vernachlässigung des Kopfrechnens hat zur Folge, dass viele Kinder über keine Strategien mehr verfügen, um einfache Rechnungen wie 8 x 15 zu lösen.» Nur geübte Kopfrechner und -rechnerinnen wissen, wie sie das Problem vereinfachen oder zerlegen können, um so schnell zum Ziel zu kommen. Im Idealfall wissen sie das Resultat sogar auswendig.

«Das Training des Kopfrechnens hilft, den Umgang mit Zahlen zu üben und darüber hinaus die allgemeine Leistungsfähigkeit, die Flexibilität des Gehirns und das abstrakte Denken zu stärken», sagt Anders Weber. Kopfrechnen vermittelt Zusammenhänge zwischen den Zahlen und Einmaleins-Reihen, und Kinder lernen mit der Zeit auch, Resultate abzuschätzen.

Wie soll Naomi nun beim Üben vorgehen? Eine Möglichkeit ist, auswendig zu lernen, in welche Faktoren eine Zahl zerlegt werden kann. Zum Beispiel: 36 = 9 x 4, 6 x 6, 3 x 12, 2 x 18 oder: 144 = 2 x 72, 3 x 48, 4 x 36, 6 x 24, 8 x 18, 9 x 16, 12 x 12 — und dies im Wettlauf gegen eine Stopp- oder Sanduhr. «Die Erfahrung zeigt, dass besonders Kinder, die im Rechnen Mühe bekunden, mit grosser Freude und Motivation gegen die Zeit trainieren», sagt Weber. Denn durch das Testen des eigenen Tempos erhalten sie Rückmeldungen über ihren persönlichen Lernfortschritt, anstatt mit dem Klassendurchschnitt verglichen zu werden.

Naomi könnte auch 24 Malrechnungen auf ein Papier schreiben und trainieren, diese in einer Minute zu lösen — ein Training, wie es etwa der Verlag Profax entwickelt hat. Oder Melodien und Reime zum Einmaleins singen lernen.

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Autor: Pia Bühler