Archiv
29. Mai 2017

Wenn das Büffeln zum Lifestyle wird

Einst wurden fleissige Schüler als Streber verspottet. Heute inszenieren sie sich in den sozialen Medien als eifrige Lerner mit schönen Arbeitsplätzen. Der Medienpsychologe Daniel Süss erklärt das Verhalten der «leistungsorientierten Hedonisten».

Schöner Lernplatz
Schöner Lernen: Mit Fotos dieser Art präsentieren sich Schülerinnen und Studenten heute in den sozialen Medien.

Satte 5377 Reaktionen bekam Userin «studyfulltime» auf ihren Tumblr- Beitrag. Zu sehen sind ein hübsch inszenierter offener Laptop, dekorativ umrahmt von Pflanzen und Lernmaterial, darunter ein zweites Foto von einem sorgsam gemachten Bett, mit vielen Kissen und einem Buch: «rainy evenings... studying whilst wishing I was in bed» («regnerische Abende … lernend, während ich mir wünschte, im Bett zu sein»).

Solche Fotos über das fleissige Lernen verbreiten sich seit einiger Zeit inflationär auf sozialen Medienplattformen wie Tumblr oder Instagram. Der Trend aus den USA und Grossbritannien ist inzwischen auch in der Schweiz angekommen. Unter Stichworten wie #Studyblr oder #Instastudy «zelebrieren Schülerinnen und Studenten das Büffeln als Lifestyle», konstatierte «20 Minuten» kürzlich unter dem Titel «Es ist cool geworden, ein Streber zu sein».

Das ist eine verblüffende Aussage für ältere Semester, die sich erinnern, wie gnadenlos Streber in ihrer Schulzeit verspottet wurden. Doch die Zeiten haben sich geändert: «Zusammen lernen wird als cool betrachtet», sagt Andreas Schwarzinger, Co-Geschäftsführer von Uniboard.ch, einer Austauschplattform für Studenten. Man verstecke sich nicht mehr, sondern stehe gemeinsam zu seinem Ehrgeiz.

Hinzu kommt der Anspruch, auf Social Media möglichst viel Beachtung und Zustimmung zu finden. Bei einer Minderheit könne dies zu sozialem Stress und emo­tionaler Abhängigkeit führen, sagt der Medienpsychologe Daniel Süss.

«Das Lernen wird positiv bewertet, weil man erfolgreich sein will»

Daniel Süss (54) ist Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich
Daniel Süss (54) ist Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich

Daniel Süss (54) ist Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich.

Vermehrt inszenieren sich auch in der Schweiz Schülerinnen und Studenten auf Social Media beim Lernen. Ist das vor allem Show, oder wird wirklich so viel gebüffelt?

Viele junge Erwachsene heute sind leistungsorientierte Hedonisten. Das heisst: Sie sind bereit, viel zu leisten, um ihre Ziele zu erreichen, und sie sind sich bewusst, dass es auf dem Arbeitsmarkt eine harte Konkurrenz gibt. Gleichzeitig aber geniessen sie auch das Leben, gehen an Partys, haben Spass. Und wer Bilder vom Arbeitsplatz postet, macht das sicher auch mit solchen aus der Freizeit.

Denken Sie, es wird tatsächlich mehr gelernt als früher?

Die geposteten Bilder dokumentieren ja weniger das Lernen an sich als die ästhetische Gestaltung des Arbeitsplatzes, die Utensilien, den Look.

«Schöner lernen» quasi?

Genau. Das ist Ausdruck einer bestimmten, stilbewussten Alltagskultur. Ob deswegen mehr und besser gelernt wird, ist schwer zu sagen. ­Sicher ist, dass im Studium wegen der Bolo­na-Reform stärker auf Prüfungen hin gelernt wird als früher, wo man an der Hochschule auch aus persönlichem Interesse Themen vertieft hat.

Früher wurden Streber verspottet, heute können sie sich mit ihrem Fleiss profilieren und gelten offenbar als cool. Was ist da passiert?

Ich bin skeptisch, dass man aufgrund dieses Phänomens eine solche Trendwende ablesen kann. Dafür ist das ein zu kleiner Ausschnitt der Social-Media-Welt. Auf der anderen Seite gibt es durchaus eine Tendenz, das Lernen positiv zu bewerten, weil man gesellschaftlich erfolgreich sein und sich eine gute Position erarbeiten will. Sich der Leistungsnorm zu widersetzen, gilt nicht mehr als besonders cool; man riskiert einen Loser-Status.

Der Trend, sich mit seinem harten Lernen auf Social Media zu präsentieren, kommt anscheinend aus den USA und Grossbritannien. Was steckt dahinter?

Bei uns positioniert man sich in der Schule lieber im guten Mittelfeld als an der Spitze – herauszuragen ist ein Risiko und eher suspekt. Im angelsächsischen Raum hingegen hat die Auszeichnung von herausragenden Schülern Tradition. Das dürfte ein Grund sein, weshalb diese Inszenierungen gerade dort begonnen haben.

Jeder will sich auf Facebook und Instagram als erfolgreich präsentieren und möglichst viele Likes dafür einheimsen – egal, in welchem ­Bereich. Was macht dieses dauernde Konkurrenzverhalten mit uns?

Studien zeigen, dass es nicht mal Likes und Feedback braucht, wenn man etwas auf diesen Plattformen postet. Nur schon zu wissen, dass das persönliche Netzwerk das nun zu sehen bekommt, fördert das Wohlbefinden, weil man das Gefühl bekommt, sozial eingebettet zu sein. Likes und ermutigende Worte sind natürlich noch besser. Die Kehrseite ist das Risiko, sich sozial zu vergleichen: Wer bekommt mehr Likes? Wer kriegt am schnellsten Feedback? Erhält man weniger Beachtung als andere, kann das das Selbstwertgefühl schmälern.

Sind Erwachsene und Jugendliche gleichermassen anfällig dafür?

Wir machen gerade ein Forschungsprojekt über Smartphone-Nutzung. Ein Jugendlicher sagte uns, wenn er 60 Likes bekomme, sei er enttäuscht, denn normalerweise erhalte er 80. Ich bin schon zufrieden, wenn ich fünf kriege. (lacht) Bei einigen Jugendlichen kann es sozialen Stress auslösen, wenn sie den Eindruck haben, weniger Zuspruch zu erhalten als andere. Stressig kann es auch sein, immer online sein zu müssen, um nichts zu verpassen.

Bleibt da noch Zeit zum Lernen?

(lacht) Laut Pisa-Studie schon. Social Media kann ablenken, aber der Austausch entspannt auch und lockert auf, was es leichter macht zu lernen.

Autor: Ralf Kaminski