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01. Februar 2016

Weniger Stress im Familienalltag

Familienforscher François Höpflinger (67) rät zur Förderung familien­externer Betreuung – nur so bleibe der Staat für junge Leute attraktiv.

Kita
Neue Freunde: Spass und Spiel im Kinderhort. (Bild: iStockPhoto)
François Höpflinger
François Höpflinger, em. Titularprofessor für Soziologie

Kinderkrippen, Horte, Kitas (Kindertagesstätten) gehören auch in der Schweiz häufiger zum Familienalltag, wenn auch gegenwärtig nicht flächendeckend. Zeit- und teilweise politisch sehr umstritten, wird bei genauer Betrachtung immer klarer: Formen einer familienergänzenden Kinderbetreuung untergraben das Familienleben nicht, sondern unterstützen Familien in vielen Fällen wesentlich. Die Behauptung, der Familienalltag habe sich aufgrund familienexterner Angebote verschlechtert, findet keine Unterstützung.

Die Vorstellung, dass es früher – als sich Mütter vollamtlich um Familie, ­Kinder (und Ehemann) kümmerten – mit der ­Familie besser stand, erweist sich als Mythos.

Das gemeinsame Essen am Mittagstisch von früher war nicht immer idyllisch. Alle neueren Studien zeigen, dass Familienbeziehungen gerade auch durch den Ausbau familienergänzender Angebote besser und nicht schlechter wurden. Selbst heutige Teenager sind im Gegensatz zu früher mit ihren Eltern grossmehrheitlich zufrieden.

Ob Säuglinge und Kleinkinder von Krippen und Horten profitieren oder nicht, wurde immer wieder untersucht. Die internationalen Forschungsergebnisse zeigen kaum klare negative Auswirkungen. Entscheidend ist allerdings die Qualität der familienexternen Betreuung. Nicht zu grosse Gruppen, betreut von motivierten Personen, sind vorteilhaft. Wichtig ist zudem eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Betreuungspersonen; ein Punkt, der auch für Schulfragen gilt.

Vor allem Einzelkinder profitieren von sozialen Kontakten mit anderen Kindern. Das Risiko, als isoliertes oder altkluges Einzelkind aufzuwachsen, fällt weg. Kinder aus Migrationsfamilien werden durch eine vorschulische Betreuung besser in unsere Gepflogenheiten und Sprache integriert, was indirekt auch die soziale Integration der Eltern stärkt. Der einzige negative Aspekt von Krippen und Horten bei Kleinkindern ist, dass nicht nur soziale Kompetenzen, sondern auch Krankheitskeime ausgetauscht werden können.

Krippen, Horte und Tagesschulen erlauben es mehr jungen Frauen, Ausbildung, Beruf und Kinder besser zu vereinbaren. Dies hat zur Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit beigetragen. Beruflich-familiale Unvereinbarkeiten wurden verringert, was sich positiv auf die psychische Gesundheit erwerbstätiger Mütter auswirkt. Wenn dank familienergänzender Kinderbetreuung mehr gut ausgebildete Mütter erwerbstätig verbleiben, erhöht dies nicht allein den volkswirtschaftlichen Reichtum, sondern oft auch die Ehe- und Familienqualität: Familien, in denen beide Eltern erwerbstätig sind, können wirtschaftliche Krisen besser bewältigen, und dank Krippen oder Horten ist der Alltag weniger stressig. Es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren die Zahl der von einer Scheidung der Eltern betroffenen minderjährigen Kinder gesunken ist.

Gleichzeitig hat ein Ausbau von Horten, Krippen oder Kitas dazu beigetragen, dass Kinderlosigkeit – zeitweise bei beruflich gut ausgebildeten Frauen sehr häufig – seltener geworden ist. Städte mit familienfreundlichen Angeboten erleben sogar einen kleinen Babyboom. Europäische Vergleiche illustrieren, dass die Regionen mit familienfreundlichen Angeboten ein höheres Geburtenniveau aufweisen als Regionen, die Kinderbetreuung und -erziehung als rein private Aufgabe der Eltern definieren.

In komplexen und individualistisch orientierten Leistungsgesellschaften gilt zunehmend ein zentrales Prinzip: Familien und namentlich Familien mit Kleinkindern können ihre Stärken nur ausspielen, wenn sie durch sozialpolitische Strukturen und professionelle Angebote unterstützt werden, etwa durch Kleinkinderbetreuung oder professionelle Angebote bei Erkrankungen. Gemeinden, Städte oder Unternehmen, die familienexterne Kinderbetreuung unterstützen oder anbieten, werden in einer Zeit eines sich anbahnenden Fachkräftemangels einen Wettbewerbsvorteil aufweisen. Gemeinden oder Unternehmen, die nichts anbieten, werden für moderne junge Frauen und Männer immer unattraktiver.

François Höpflinger, em. Titularprofessor für Soziologie und Familienforscher.