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14. November 2011

Weniger Sorgen mit dem Sorgerecht?

Das gemeinsame Sorgerecht soll in der Schweiz zum Regelfall werden. Mit dem neuen Recht sind viele Hoffnungen verbunden. Bei einigen Familien ist die gemeinsame Erziehung bereits Alltag. Davon profitiert zum Beispiel der kleine Yann.

Christina L.
Christina L. mit ihrer Tochter Livia
Vanessa J. mit Yann
Vanessa J. mit Yann

Eine ruhige und kinderfreundliche Siedlung in einem aargauischen Dorf. Zwischen den Wohnblocks liegen grosse Rasenflächen, an eine davon grenzt der Sitzplatz von Vanessa J.* Dort sitzt die 34-Jährige bei einem gemütlichen Zmittag zusammen mit Christina L.* (39), ihrer Nachbarin vom ersten Stock. Vanessas Sohn Yann* wuselt um die beiden herum.

Der Kontakt ist nicht nur gut für Yann, auch ich schätze freie Tage und Abende.

In grossen Lettern ist «Yann» auf die Innenseite von Vanessas Oberarm tätowiert. An ihrem fünfjährigen Kind hängt die Aargauerin sehr. Das tut auch ihr Ehemann, von dem sie getrennt lebt. Als das Ehepaar vor anderthalb Jahren auseinanderging, war für Vanessa J. deshalb klar, dass sie die Betreuung mit ihrem Noch-Ehemann teilen würde. «Das ist nicht nur für die Beziehung zwischen Yann und seinem Vater gut», sagt sie, «auch ich schätze freie Tage und Abende. » So wohnt Yann nun also jede zweite Woche von Dienstag- bis zum Sonntagabend bei seinem Papi, darauf neun Tage am Stück bei seiner Mutter. Der jeweils betreuende Elternteil bringt den Kleinen in die Krippe, holt ihn dort wieder ab, isst mit ihm, bringt ihn ins Bett, lebt den ganz normalen Alltag. Dass Yanns Vater nur wenige hundert Meter von seiner Frau entfernt wohnt, ist diesem Betreuungsmodell natürlich zuträglich. «Ein gutes Arrangement»,findet Vanessa J., «wenn wir uns scheiden lassen, werden wir uns das Sorgerecht weiterhin teilen.» Das ist für sie keine Frage.

Was die Aargauerin so selbstverständlich findet, ist in der Schweiz erst seit dem Jahr 2000 möglich: Damals wurde die gemeinsame elterliche Sorge als Option eingeführt. Im Jahr 2010 wurden 45,5 Prozent der betroffenen Kinder bei der Scheidung unter die gemeinsame elterliche Sorge gestellt. Fünf Jahre zuvor waren es 27,5 Prozent. Möglich machen dies bisher hauptsächlich die Mütter, denn ihnen fällt in den meisten Fällen das Sorgerecht zu, worauf sie entscheiden, ob sie es teilen möchten oder nicht.

Man muss sich verstehen, um gemeinsam zu erziehen

In Zukunft soll es aber umgekehrt laufen: Geschiedene Ehe- und getrennte Konkubinatspaare bekommen automatisch die gemeinsame elterliche Sorge. Nur in Ausnahmefällen wird sie einem Elternteil entzogen. So will es eine Gesetzesvorlage, die der Bundesrat zurzeit ausarbeitet. Wann und in welcher Ausgestaltung das neue Gesetz in Kraft tritt, ist noch offen (siehe Infobox). Auf die neue Lösung drängen vor allem Organisationen wie der Verein verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter oder die Schweizerische Vereinigung für gemeinsame Elternschaft.

Mein Expartner konzentriert sich auf den Job. Er hat nicht viel Zeit für Livia.


Ohne auf eine gesetzliche Vorgabe zu warten, hat sich Christina L. (39) schon früh für eine partnerschaftliche Erziehung ihrer Tochter Livia (4) entschieden. Bereits während der Schwangerschaft beantragten sie und ihr damaliger Partner die gemeinsame elterliche Sorge. Das Paar war glücklich und einigte sich entsprechend einvernehmlich. Nach Livias Geburt wurde die gewünschte Unterhalts- und Sorgerechtsregelung von der Vormundschaftsbehörde bestätigt. Inzwischen sind Livias Eltern getrennt, die Regelung ist noch in Kraft. «Auch mein Expartner steht immer noch dahinter», sagt Christina L., «es war ihm immer wichtig, dass es Livia gut geht.» Deshalb zahlt ihr Expartner auch mehr als das gesetzliche Minimum an Unterhalt. Zusätzlich bekommt Christina L. von ihm einen fixen Betrag für sich, was bei unverheirateten Eltern nicht vorgesehen ist. Die Aargauerin hat ihren Entscheid nie bereut, räumt aber ein: «Man muss sich schon einigermassen verstehen, um die Erziehung gemeinsam zu tragen. Und die Betreuung im Alltag ist mit dem Sorgerecht noch nicht geregelt.»

Auch Linus Cantieni (35), Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Familienrecht, warnt vor übertriebenen Hoffnungen. «Die gemeinsame elterliche Sorge ist kein Wundermittel. Um die Scheidungsproblematik zu lösen, bräuchte es sozialpolitische Massnahmen und ein Umdenken in der Gesellschaft.»

Christina L. blickt über den Tisch hinweg zu ihrer Nachbarin Vanessa J. und sagt: «Das würde ich mir auch wünschen. » Sie meint die fast hälftige Aufteilung der Kinderbetreuung bei ihrer Nachbarin und deren Mann. «Mein Expartner konzentriert seine Energie auf den Job», sagt Christina, «er hat nicht so viel Zeit für Livia.» Die Kleine verbringt im Schnitt einen Tag pro Woche beim Vater, plus zwei bis drei Wochen Ferien im Jahr.

So läuft es bei den meisten Scheidungsfamilien: 86 Prozent der Kinder leben unter der Woche bei den Müttern, von denen viele Teilzeit berufstätig sind. Das zeigt eine Nationalfondsstudie des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Uni Zürich und des Zürcher Marie-Meierhofer- Instituts für das Kind (MMI). Unabhängig von der Art des Sorgerechts regeln geschiedene Familien ihren Alltag sehr unterschiedlich und meist zur allseitigen Zufriedenheit. MMI-Institutsleiterin Heidi Simoni (53) sagt: «Gemäss unserer Studie sind weit mehr als die Hälfte der Scheidungseltern und ihre Kinder mit ihrem Leben zufrieden» (siehe Interview). «Aber diese unspektakulären Fälle machen natürlich keine Schlagzeilen.» Simoni und ihr Team sind zum Schluss gekommen: Eine Scheidung ist kein Grund, einem Elternteil das Sorgerecht zu entziehen.

Männer sind noch immer auf den guten Willen der Frau angewiesen

Marcel Isler
Marcel Isler würde sich auch gerne unter der Woche um seine Söhne kümmern.

Dieser Meinung ist — stellvertretend für viele Väter — auch Marcel Isler (42). «Das einzig Gerechte wäre eine Fifty-fifty- Lösung», sagt er. Voraussichtlich noch dieses Jahr wird der Glarner von seiner Frau geschieden. Vielleicht stimmt sie dem gemeinsamen Sorgerecht für die beiden Söhne (10 und 13 Jahre) zu, vielleicht nicht. Dass Männer in dieser Situation vom Goodwill der Frauen abhängig sind, mag Isler nicht akzeptieren.

In seinem konkreten Fall, findet er, spreche sowieso alles für eine gemeinsame elterliche Sorge. «Ich verdiene gut», sagt er, «wir könnten alle selbst dann komfortabel leben, wenn ich mein Arbeitspensum reduzieren würde.» Und das täte Isler gerne, um sich auch unter der Woche um seine Söhne kümmern zu können.

Es wäre schön, wenn ich die Kinder öfter sähe. Wir sprechen doch alle immer vom Kindswohl.

Seine Frau Esther (44) fühlt sich von diesen Forderungen etwas überrumpelt. «All die Jahre war ich Hausfrau und teilzeit beschäftigt. Ich habe mich hauptsächlich um die Kinder gekümmert, während ihr Vater Karriere machte.» Nun wolle ihr Mann von heute auf morgen das ganze Arrangement auf den Kopf stellen. Das geht ihr zu schnell.«Grundsätzlich bin ich auch mit dem gemeinsamen Sorgerecht einverstanden», sagt Esther Isler, «aber die Lösung muss auch für die Kinder stimmen.» Marcel Isler ist derweil überzeugt: «Es wäre auch für die Buben schön, wenn wir uns öfter sähen. Und wir sprechen doch alle immer vom Kindswohl.»

Kerstin S. sieht ihre Zwillinge einmal pro Monat

Während Marcel Islers Chancen auf einen Teil des Sorgerechts noch intakt sind, ist diese Hoffnung für Kerstin S.* (37) aus dem Aargau gestorben. Ihre zehnjährigen Zwillinge Noëmi* und Luca* leben 15 Kilometer entfernt beim Vater. S. sieht sie nur an einem Wochenende pro Monat. «Das ist schlimm für mich», sagt sie. Seit zwei Jahren hat Kerstin S. einen neuen Partner und mit ihm zwei weitere Kinder: einen Sohn von 18 Monaten und einen wenige Wochen alten Jungen. Dank ihrer neuen Familie ertrage sie die schwierige Situation etwas besser, sagt sie.

Kerstin S.
Kerstin S. erwartet noch einmal ein Kind mit ihrem neuen Mann.

Das gemeinsame Sorgerecht hätte mir und meinem Mann viele Machtkämpfe erspart.

Bei der Scheidung vor drei Jahren verlor die 37-Jährige das Sorgerecht für die Zwillinge, seither muss sie ihrem Exmann Alimente bezahlen. Die Begründung des Gerichts: Kerstin S. arbeitete während der Ehe zu 100 Prozent und ernährte die Familie. Der Kampf gegen das Gerichtsurteil hat sie über 40 000 Franken gekostet und füllt fünf Aktenordner. Genützt hat alles nichts — im Gegenteil. Inzwischen ist eines von ursprünglich zwei monatlichen Besuchswochenenden gestrichen worden. «Mit all dem will sich mein Exmann vor allem an mir rächen, weil ich mich von ihm getrennt habe», sagt sie, «ich vermisse meine Kinder sehr und habe Angst, dass sie an der vertrackten Situation kaputtgehen.»

Der Exmann von Kerstin S., Armand Z.*, hat eine andere Sicht der Dinge: «Kerstin hat ihre Besuchswochenenden manchmal kurzfristig abgesagt und sich einmal ein halbes Jahr lang nicht bei den Kindern gemeldet. Sie sind enttäuscht und wollen sie nicht mehr sehen.» Es sei zu gewaltsamen Übergaben gekommen, das habe ihm fast das Herz gebrochen, erzählt der Vater. Seit die Zwillinge mehrheitlich bei ihm seien, gehe es ihnen gut.

«Meine Exfrau lügt», sagt er, «bei allen Streitereien geht es ihr nicht um die Kinder, sondern ums Geld.» Happige Vorwürfe auf beiden Seiten, ein Seilziehen ums Sorgerecht und die Behauptung, es gehe ums Kindswohl: So enden Ehen immer wieder. Ob das gemeinsame Sorgerecht das verhindern wird? Für Kerstin S. ist zumindest klar: «Auch wenn ich meine Zwillinge nicht öfter sehen würde, hätte das gemeinsame Sorgerecht uns viele hässliche Diskussionen und Machtkämpfe erspart». Und: «Falls ich mich jemals von meinem jetzigen Partner trennen sollte, würde ich die Kinderbetreuung mit ihm teilen. Niemand sollte so etwas durchmachen wie meine Kinder und ich.»

«Drei Viertel der Scheidungsfamilien sind mit ihrem Leben zufrieden»

Heidi Simoni
Heidi Simoni ist seit 2007 Leiterin des Marie-Meierhofer- Instituts in Zürich.

Heidi Simoni (53) ist Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind in Zürich. Dieses hat zusammen mit dem Rechtswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich das Befinden von Kindern nach Scheidungen erforscht.


Heidi Simoni, aufgrund Ihrer Studie sind Sie zu der Empfehlung gekommen, die gemeinsame elterliche Sorge unter bestimmten Voraussetzungen einzuführen. Wann ist das Gesetz sinnvoll?

Unsere Schlussfolgerung lautet: Eine Scheidung ist an sich kein Grund, einem der Elternteile die elterliche Sorge zu entziehen. Auf der Basis der gemeinsamen Verantwortung muss man aber einige grundsätzliche und praktische Vereinbarungen aushandeln. Für die betroffenen Kinder ist dabei der konkrete Alltag das wirklich Wichtige.

Muss die Betreuung im Alltag genau hälftig aufgeteilt werden?

Nein, das ist höchstens dann praktikabel, wenn die Eltern sehr nahe beieinander wohnen und ihre Erwerbssituation das erlaubt. Auch wenn ein Elternteil Hauptbetreuer ist, können beide die Verantwortung tragen. Wichtig ist, dass eine Beziehung zum Vater und zur Mutter gelebt werden kann. Unsere Studie zeigt: 30 Prozent der geschiedenen Eltern haben das gemeinsame Sorgerecht. Dennoch leben 86 Prozent der Scheidungskinder unter der Woche bei ihrer Mutter, nicht zuletzt, weil dies auch das Betreuungsmodell während der Ehe war.

Bald sollte die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall werden. Wird dann alles besser?

Wir sind auf gutem Weg und müssen ein Gesetz erarbeiten, das alltagstauglich ist und strittige Situationen entschärfen hilft. Leider hat die Diskussion um die elterliche Sorge auch zu Grabenkämpfen geführt, die viele Kinder unnötig belasten. Wir sollten uns jedoch nicht von den wenigen Prozenten hochunzufriedener Elternpaare beirren lassen, die verbissen um das Sorgerecht kämpfen, sondern sehen, dass über die Hälfte der Geschiedenen trotz Turbulenzen einen Weg findet und dabei den gesunden Menschenverstand nicht verliert.

Über Scheidungen liest man dramatische Schlagzeilen. Ihre Studie hat aber ein ganz anderes Bild ergeben.

Ja, gemäss unseren Befragungen sind mindestens drei Viertel der geschiedenen Mütter, Väter und deren Kinder zufrieden mit ihrem Leben, jedenfalls zwei bis drei Jahre nach der Scheidung. Sie haben eine Lösung gefunden, mit der sie sich gut zurechtfinden.

Kinder leiden also nicht zwangsläufig unter einer Scheidung?

Kein Kind steckt eine Scheidung einfach weg. Aber die Trennung muss nicht zu einer familiären Tragödie werden, die das Kind akut oder sogar über einen längeren Zeitraum überfordert beziehungsweise es in seiner Entwicklung einschränkt.

Was hilft Kindern dabei, mit der Scheidung klarzukommen?

Es ist enorm wichtig für sie, informiert zu sein. Sie müssen wissen, wer wann auszieht, wann sie die Mutter und wann den Vater sehen, wo sie mitreden können, was die Eltern entscheiden. Und man sollte ihre Fragen anhören und Antworten darauf suchen. Viele Eltern wollen den Nachwuchs mit Informationen zur Krise oder Scheidung verschonen. Das ist falsch. Die Kinder werden dann mit ihren Sorgen und Ängsten allein gelassen.

Manche Kinder geraten zwischen den Eltern in ein wahres Minenfeld. Dabei berufen sich streitende Paare immer auf das Wohl des Kindes.

«Im Namen des Kindeswohls» wird leider manchmal gestritten, um die eigenen Anliegen durchzusetzen. Es ist aber normal, dass Eltern in der Scheidungssituation emotional zeitweise überfordert sind. Es kann ihnen schwerfallen, zu unterscheiden, welches eigene Interessen sind und welches die der Kinder. In solchen Momenten sollte sich eine Familie Hilfe holen.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Lea Meienberg