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17. November 2014

Weniger ist Mehr

Sie leben bescheiden und verzichten bewusst auf Statussymbole. Dafür haben sie mehr Zeit für Freunde und geniessen ihre Freiheit in vollen Zügen: Das Migros-Magazin hat drei Minimalisten besucht. Dazu das Interview mit GDI-Trendforscherin Martina Kühne («Die neue Lust am Reduzieren») – und die Blogs zum Thema («Digitaler Minimalismus»).

Mirjam Müller
Moderne Nomadin: Mirjam Müller lebt mit ihrem ganzen Hab und Gut in einem Kleinbus.

Ein Raum, ein Bett, ein Spültrog und zwei Kochplatten. Das ist das Zuhause von Mirjam Müller (35). An den Wänden kleben Sprüche wie «Ich versuche, ein Teil der Veränderung zu sein, die ich in der Welt sehen möchte» oder «Die Freiheit, nicht MEHR haben zu wollen». Mirjam Müller lebt mit ihrem ganzen Hab und Gut auf sechs Quadratmetern, in einem Bus – und das nicht etwa aus finanzieller Not, sondern aus freien Stücken.

Sie hat sich den Mercedes Sprinter vor acht Jahren für 12 000 Franken gekauft und ihn für rund 2000 Franken ausgebaut. «Meine Eltern hatten früher auch einen Bus, in dem wir unsere Ferien verbrachten. Darum träumte ich immer davon, ein Haus auf Rädern zu haben», sagt die Sozialpädagogin. Der damit verbundene Lebensstil habe ihr so gut gefallen, dass sie seither – abgesehen von einem kurzen Abstecher in eine WG, die ihr jedoch viel zu luxuriös gewesen sei – im Bus wohne.

Einen Standplatz zu finden, war für Mirjam Müller noch nie ein Problem. Mal darf sie ein paar Wochen im Winterquartier eines Kleinzirkus parkieren, mal auf einem Bauernhof, mal bei Freunden, und manchmal sucht sie sich einfach ein schönes Plätzchen irgendwo am Stadtrand oder im Grünen. Hat sie keinen direkten Zugang zu sanitären Anlagen, geht die passionierte Schwimmerin in der kühlen Jahreszeit ins Hallenbad, im Sommer springt sie jeweils in den nächsten See oder Fluss. Und was die kleinen und vor allem die grossen Geschäfte betrifft, sagt die moderne Nomadin: «Ich habe inzwischen ein Auge dafür entwickelt, wo es öffentliche WCs gibt.» Mirjam Müller lebt von rund 15 000 Franken im Jahr. Ihre grössten Budgetposten sind nicht etwa Benzin und Reparaturen, sondern Essen und Krankenkasse. Denn im Nahbereich benutzt sie ausschliesslich das Velo, und geht am Bus etwas kaputt, behebt sie den Schaden in der Regel selbst oder mit Hilfe von Freunden.

Keine finanzielle Sicherheit, aber sozial gut vernetzt

Geld verdient Mirjam Müller mit Stellvertretungen im sozialpädagogischen Bereich. Seit Jahren hat sie sich nicht mehr beworben. Anfragen hat sie auch so genug. Sie schätzt, dass sie übers Jahr verteilt bloss 50 Tage einer bezahlten Arbeit nachgeht. Langweilig wird ihr trotzdem nie. Im Gegenteil: Manchmal ist sie sogar richtig im Stress. Sie engagiert sich ehrenamtlich in zahlreichen Organisationen, die sich für eine sozialere Welt beziehungsweise eine nachhaltigere Schweiz einsetzen – wie zum Beispiel der Erklärung von Bern oder Neustart Schweiz.

«Was macht mich wirklich glücklich?», habe sie sich irgendwann gefragt. Die Antwort war: «Freunde, Freiheit und Sinnhaftigkeit.» Darum sei es für sie wichtiger, Zeit zu haben, um für Freunde und Familie da zu sein und sich zu engagieren, als im materiellen Konsum zu schwelgen. Obwohl sie nur ein paar tausend Franken Erspartes hat, kennt die Lebenskünstlerin keine Existenzängste: «Ich habe zwar keine finanzielle Sicherheit, dafür bin ich sozial sehr gut abgefedert.» Sie habe ein super Netzwerk und schon für viele kostenlos gearbeitet: «Im Notfall würde ich immer irgendwo unterkommen.»

Mira Gisler
Ewig Reisende: Seit ihrer Rückkehr aus Asien jobbt und reist Mira Gisler mit dem Rucksack durch die Schweiz.

Auch Mira Gisler (34) hat sich für einen alternativen Lebensstil entschieden, der sich eher am Menschen als am Materiellen orientiert: Seit sie im Frühjahr von einer längeren Südostasienreise zurückgekehrt ist, zieht sie mit einem 60-Liter-Rucksack in der Schweiz umher. «Was ich in Asien entdecken durfte, wollte ich irgendwie auch in der Schweiz leben: Begegnungen mit Mensch und Natur auf den Spuren von Kultur, Handwerk und Tradition.» Es sei schön, für Arbeit andere Wertträger als Geld zu bekommen – grosse Dankbarkeit, viele offene Türen und eine enorme Gastfreundschaft.

In den vergangenen Monaten verbrachte die selbständig erwerbende Illustratorin und Stylistin immer wieder mal eine Nacht bei Freunden auf dem Sofa oder im Biwak im Wald. Längere Aufenthalte ergaben sich am Thunersee, wo sie ein Haus renovierte, und im Emmental, wo sie auf einem Bauernhof mit anpackte. An beiden Orten arbeitete sie gegen Kost und Logis, die laufenden Ausgaben deckte sie mit Einnahmen von gestalterischen Aufträgen aus dem Verlagswesen und dem Verkauf ihrer Illustrationen.

Mit Rucksack und positiver Einstellung unterwegs

Hat Mira Gisler einen bezahlten Job in Zürich, schläft sie zuweilen auf einer Matte in der Stube ihrer Zweizimmerwohnung, die sie seit einem Jahr untervermietet hat. Hier lagern auch die meisten Dinge, die sie besitzt: «Von meinen Möbeln und dem Geschirr, das ich über Jahre gesammelt habe, kann ich mich noch nicht trennen.» Irgendwo und irgendwann werde es eine Möglichkeit geben, diese wieder zu verwenden.

Noch unklar ist, wo Mira Gisler den Winter verbringt: «Ein Job in einer kleinen Berghütte wäre toll.» Falls sich nichts ergibt, wird sie vorübergehend in ihre Mietwohnung zurückkehren oder sich ein kleines Zimmer suchen und als Illustratorin und Stylistin arbeiten, um sich auch wieder finanziell etwas Boden zu schaffen. Auf jeden Fall sieht sie der Zukunft positiv entgegen: «Ich kann nicht von dieser Welt fallen.» Sie freue sich, ihren Weg zu gestalten, und vertraue ins Leben.

Der Lebensstil von Mirjam Müller und Mira Gisler entspricht dem Zeitgeist: «The Age of Less» nennt David Bosshart vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) den Trend in seinem gleichnamigen Buch. «Unsere Beziehung zu Materiellem scheint sich zu verändern – gerade die Generation der 20- bis 40-Jährigen empfindet Besitz zunehmend als Ballast und weniger als Statussymbol oder Glücksfaktor», so der Trendforscher. Für Bosshart sind die beiden Frauen typische «Happiness Manager»: «Selbstbewusste, gut ausgebildete Menschen, die ihr Leben ganzheitlich betrachten und Lohneinbussen zu Gunsten von Lebensqualität in Kauf nehmen.»

Alan Frei
Digitaler Minimalist: Dank Smartphone besitzt Ökonom Alan Frei nur noch 230 Dinge.

Alan Frei (32) arbeitet viel, verdient gut und hat trotzdem reduziert: Der Ökonom und Leiter der Start-up-Plattform an der Universität Zürich besitzt nach eigenen Angaben nur noch gut 230 Dinge. Er liess sich vor rund zwei Jahren von verschiedenen Bloggern und Autoren aus dem angelsächsischen Raum inspirieren, die von ihrem Leben in selbstgewählter Einfachheit berichten.

Zuerst mussten Dinge über die Klinge springen, die Alan Frei selten bis nie benutzte. Ski etwa, oder Erinnerungsstücke. Das Ausmisten fühlte sich gut an. In einer zweiten Phase nahm er die Garderobe und den Haushalt in Angriff. Heute besitzt Frei unter anderem noch drei Paar Hosen und Wechselwäsche für eine Woche sowie zwei Pfannen, zwei Tassen, zwei Teller, das Besteck dazu und zwei Tupperware-Behälter: «Ich esse meistens allein, manchmal zu zweit. Für die seltenen Gelegenheiten, bei denen ich mehr Gäste empfange, extra mehr Material zu horten, wäre unnötig.» Er sage seinen Freunden bei Einladungen jeweils einfach, sie sollen anstelle einer Flasche Wein ihr eigenes Geschirr mitbringen.

Ist das nicht etwas übertrieben? «Wenn man mal damit beginnt, kann Reduzieren süchtig machen», sagt Alan Frei und lacht. Krank fühlt er sich dabei nicht, im Gegenteil: «Ich kann viel besser fokussieren, mich auf das Wesentliche konzentrieren – auf Freunde, Familie und spannende Erlebnisse. Denn Besitz macht das Leben unfrei, weil er die Mobilität einschränkt und viel Zeit benötigt», ist Frei überzeugt. Ein Auto etwa müsse man waschen, warten – und erst das ständige Parkplatzsuchen … Viel lieber miete er ein Fahrzeug, wenn er denn eines brauche. Wahlweise einen Kleinbus, Kombi oder Sportwagen.

Wenn das Smartphone das Leben vereinfacht

Ein Objekt, das Alan Frei jedoch niemals hergeben würde, ist sein Smartphone. Denn es ist der Schlüssel zu seiner reduzierten Welt, in der er trotzdem auf nichts verzichten muss: CDs, DVDs, Bücher. Er lagert sie nicht im Regal, sondern in der Cloud, die er via Handy abrufen kann. Immer öfter greift er auch bloss auf Streamingdienste zurück. So muss er die Daten nicht mal selbst besitzen, sondern konsumiert sie einfach über das Netz. Dank Internet hat er auch stets einen direkten Zugang zu den Portalen verschiedener Mietdienstleister wie Carsharing oder Mietplattformen für Gebrauchsgegenstände.

Der Lebensstil von Alan Frei hat einen Namen: digitaler Minimalismus. Frei sieht sich selbst allerdings nicht als Minimalisten, weil das zu sehr nach Verzicht klinge. Er hält sich eher für einen Menschen, der sein Leben vereinfachen und Komplexität reduzieren will. Bisher hat er noch keinen seiner weggegebenen Gegenstände vermisst – ausser einem Verlängerungskabel, das er braucht, wenn der Akku leer ist und die Steckdose weit weg.

Was mein ist, ist auch dein
Die Miet- und Vermietplattform Sharley ist seit elf Monaten online. Inzwischen hat das Portal 1400 registrierte Nutzer, die rund 1000 Alltagsgegenstände anbieten. Die meisten davon finden sich in Zürich.
www.sharely.ch

Die Fahrzeug-Sharing-Plattform Sharoo vereint Fahrzeugbesitzer mit Menschen, die ein Fahrzeug mieten möchten. Die angemeldeten Fahrzeuge können via Smartphone «keyless» geöffnet und abgeschlossen werden. Inzwischen haben sich rund 6500 Nutzer registriert.
www. sharoo.com

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Vera Hartmann