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17. September 2012

Wem wandern die Schäfchen ab?

Die Zahlen zu fleissigen Kirchgängern und Passivmitgliedern oder zur Entwicklung alteingesessener und neuer Glaubensgemeinschaften in der Schweiz liefern mitunter Überraschungen: Etwa dass weit mehr Menschen regelmässig Gottesdienste der Freikirchen besuchen als jene der Evangelisch-reformierten Kirche.

Eines vorweg: Im internationalen Vergleich, speziell im europäischen, sind die Schweizer mit 9% regelmässig in ihrem Gotteshaus auftauchenden Kirchgängern Durchschnitt. Auch wenn wie in den meisten Ländern zwischen eher städtischen und ländlichen (da hats tendenziell treuere Schäfchen) sowie verschieden konfessionell geprägten Regionen Differenzen bestehen.
Spitzenreiter ist übrigens Nigeria mit 89%, dahinter Irland mit noch immer erstaunlichen 84%, danach erst mit 68% die Philippinen. Mit Italien schaffte es ein Nachbarland, wenig überraschend das südliche, mit einer Kirchgängerquote von 45% gerade noch in die Top Ten. Gegen den Norden hin sieht s in Europa düster aus: Nach Russland mit dem Negativrekord von 2% und Japan mit knapp 3% folgen die Länder Estland, Island, Finnland, Schweden, Dänemark, Lettland und Norwegen mit zwischen 4 und 5% alle unter den zehn Staaten mit dem tiefsten Anteil an regelmässigen Kirchenbesuchern. Deutschland und Österreich weisen keine wesentlich von der Schweiz abweichenden Zahlen auf.

Spannend wird es, will man wissen, welche Glaubensgemeinschaften mehr Kirchgänger an sich binden, welche besonders treue, welche in den letzten Jahren wuchsen oder schrumpften.
Der im Sommer 2011 veröffentlichte Schlussbericht der (Swiss) National Congregations Study Switzerland (NCSS) im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 (Schweizerischer Nationalfonds SNF) mit dem Titel Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft bietet nebst weiterem Material zum in der Schweiz praktizierten Glauben oder auch zum Verhältnis von Staat und Kirche etliche Kennzahlen zu den oben gestellten Fragen.
Eine «Kirche» der Grösse Waadts
Insgesamt bedeuten die 9%, dass laut den Erhebungen der Studie von 2007 und 2008 am letzten Wochenende rund 690‘000 Menschen in der Schweiz an Gottesdiensten oder vergleichbare Ritualen teilnahmen. Dies entspricht fast genau der Grösse des Kantons Waadt. Die Zahl bezieht sich auf ein durchschnittliches Wochenende, also nicht ungewichtet etwa auf Ostern oder den eidgenössischen Buss- und Bettag. Lässt man alle Glaubensgemeinschaften mit einem Anteil an je unter 1% der an einem durchschnittlichen Wochenende Anwesenden weg, lassen sich die Anteile an den 690‘000 wie folgt beziffern:

In der ersten Spalte finden Sie die Anzahl durchschnittlicher Angehöriger einer Kirchgemeinde
In der ersten Spalte finden Sie die Anzahl durchschnittlicher Angehöriger einer Kirchgemeinde oder lokalen Glaubensgemeinschaft. (Quelle: Schlussbericht NCSS, S. 22)

37,9% oder knapp 264‘600 sind römisch-katholisch
29,1% oder rund 189‘100 gehören zu evangelischen Freikirchen
14% oder 99‘350 sind evangelisch-reformiert
10,5% oder gut 77‘200 gehören zu muslimischen Glaubensgruppen
Mehr Kirchgänger als Mitglieder!
Die evangelischen Freikirchen fallen jedoch in der Studie nicht bloss auf, weil sie in Sachen Kirchgängerquote die Evangelisch-reformierte Kirche weit hinter sich gelassen haben. Wie die nebenstehende Statistik zeigt, schlagen sie beim Verhältnis von regelmässigen Gottesdienst-Besuchern zu eingetragenen Mitgliedern jede andere Glaubensrichtung bei weitem. Dank aktiver Rekrutierungsstrategie und grossen Anlässen im Mittelland, die mit Musik und Show gerade viel neue Mitglieder anziehen sollen, weisen sie im Schnitt mehr Besucher als Mitglieder auf!
Währenddessen bringt die durchschnittliche Evangelisch-reformierte oder Katholische Kirchgemeinde selbst an Festtagen («Fest») keine 10% ihrer Zugehörigen in die Kirche, an durchschnittlichen Wochenenden sind es 3-4%. Im Vergleich dazu kommen Glaubensgemeinschaften des Islam immerhin auf 18%, solche von Hindus, Buddhisten und Juden auf zwischen 7% und 10%.
«Volkskirchen» schrumpfen, «Bekenner-Kirchen» wachsen
Gerade für die Frage, wie sich klassische Kirchgemeinden (römisch-katholisch oder evangelisch-reformiert) künftig organisieren sollen, speziell auch, wie viele Kirchen künftig nicht mehr benötigt und wie in den Porträts des Migros-Magazins vom 17. September 2012 umgenutzt werden, ist die Entwicklung der Volkskirchen entscheidend. Auch dazu liefert die NCSS-Studie mit einem Rückblick auf die letzten 10 Jahre wertvolle Anhaltspunkte. Die grossen Volkskirchen kennen dabei neben der schwächeren Bindung ihrer Schäfchen ein zweites, mindestens ebenso grosses Problem: Die Überalterung.
Sowohl in der Römisch-katholischen wie auch in der Evangelisch-reformierten Kirche machen die über 60-jährigen bereits rund 56% derer aus, die noch regelmässig in die Kirche gehen. Die Tendenz dürfte weiter steigen als abnehmen. Brutal ausgedrückt: Den klassischen Volkskirchen stirbt langsam das Fundament weg. Derselbe Anteil macht etwa bei Muslimen bloss 19% aus, bei den zahlenmässig weniger ins Gewicht fallenden Hindus und Buddhisten gar nur 16% und 12%, doch auch die aufstrebenden evangelischen Freikirchen haben nur 21% an Kirchgängern dieses Alterssegments.

Neben der erwähnten demografischen Struktur sprechen auch die aktivere Rekrutierung von Freikirchen und die traditionell höhere Glaubensbindung etwa bei Muslimen nicht für die früher unangefochtenen Staatskirchen. Ebenso die Migration, die muslimische Glaubensgemeinschaften eher stärkt, bei den Katholiken das Schlimmste etwas verhindert oder hinauszögert, bei der Evangelisch-reformierten Kirche aber kein frisches Blut zuführt.
In einer Mischrechnung aus der Teilnahme an den Ritualen der Glaubensgemeinschaft und den finanziellen Zuschüssen der Mitglieder etablierte der NCSS-Schlussbericht einen Wachstumsindex über die letzten zehn Jahre, der vermutlich auch für die nächsten Jahre noch Aussagekraft hat:

Dabei bildet mit einem Minus von 0,5% über das letzte Jahrzehnt die Römisch-katholische Kirche das Schlusslicht (lässt man die zahlenmässig unbedeutenden Neo-Apostoliken ausser Acht), fast gleichauf mit den Christkatholiken.
Die Evangelisch-reformierte kommt mit nur 0,05% fast glimpflich davon.
Muslime legten etwa um 1,15% zu, bestimmte Freikirchen um gegen 1%.

Der Schwund der beiden grossen Volkskirchen fällt noch mehr ins Gewicht, weil die Schweiz in Sachen Einwohner und auch Gläubigen aller Richtungen in diesen zehn Jahren klar zugelegt hat.

Autor: Reto Meisser