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29. September 2014

Die Weltstadt der Alpenpässe

In einem Gastbeitrag stellt Redaktor und Hobbyvelofahrer Reto Meisser die ungekrönte Welthauptstadt der Bergfahrer vor: Saint-Jean-de-Maurienne. Der Hochsavoyer Ort bietet viel mehr als einen Verkehrsknotenpunkt.

Glockenturm auf der Place de la Cathédrale
Der mächtige Glockenturm auf der Place de la Cathédrale, links die Kirche und rechts die Rue de la République. (Bild Saintjeandemaurienne.com)

Stolze Eidgenossen können darauf beharren, der ideale Ausgangspunkt für vor der Tür liegende Pässefahrten mit Rad oder Töff sei Andermatt oder Göschenen. Von da gehts schliesslich im Nu über Gotthard, Furka oder Oberalppass, etwas weiter entfernt dann auch über Susten, Nufenen, Grimsel oder Lukmanier.

Einige Velo- oder Töff-Aficionados packt aber das Bedürfnis, auch einmal die Hälfte der bekanntesten Tour-de-France-Pässe zu fahren – von einem Ort aus, ohne Gepäck von Hotel zu Hotel zu schaffen oder den Transport mühsam zu organisieren. Diesen zentralen Ort gibts in den Hochsavoyer Alpen, eine gute Stunde von Genf entfernt. Die Rede ist nicht von grösseren Städten oder Tourismuszentren wie Albertville, Grenoble oder Briançon, vielmehr von einer unscheinbaren und sympathischen Talgemeinde. Mit gut 8000 Einwohnern, einer überschaubaren Zahl an Touristen (viele suchen die Luxusskiorte in der Höhe auf) und allem, was es für ein paar Tage Ferien braucht: Saint-Jean-de-Maurienne.

Saint-Jean-de-Maurienne und das östliche Maurienne-Tal
Saint-Jean-de-Maurienne und das östliche Maurienne-Tal. Hinten links geht es zum Iséran und dem Mont Cenis. (Bild Saintjeandemaurienne.com)

Der langgezogene Pass Croix de Fer beginnt noch im Ort, wenige Kilometer daneben die Übergänge Madeleine und Glandon, natürlich auch der «König» Galibier mit vorgelagertem Télégraphe und anschliessendem Lautaret, im (nahrhaften) Sandwich zwischen Croix de Fer und Lautaret die mythische Alpe d’Huez. Für motorisierte Zweiräder sind auch der hohe Iséran, der Mont Cenis oder der idyllische Cormet de Roselend oder der Izoard erreichbar – Radler brauchen dazu schon eine Superform oder zeitweise Zugsupport. Zwei Geheimtipps zum Einfahren direkt von St-Jean aus: die fast verkehrsfreien, aber schon leicht über 1000 Höhenmeter bietenden «Hauspässe» Mollard und Chaussy.

Bischofssitz und Heimat des Taschenmessers
Töff- und Radfans kennen mindestens die Klassiker von TV und Berichten, deshalb gilt es hier nur die Trümpfe von Saint-Jean-de-Maurienne, der erklärten «Capitale mondiale des cyclogrimpeurs» (Welthauptstadt der Velo-Bergfahrer), als Ferienort und Ausgangspunkt für Ausflüge mit Zweirad oder zu Fuss hervorzuheben. Und davon gibts viele:
SEHENSWÜRDIGKEITEN

1. Wenige wissen, dass die erste Taschenmesserdynastie aus einem Bergdorf oberhalb von Saint-Jean stammt. Die Familie Opinel erfand nachweisbar das Klappmesser, nach langen Jahrzehnten in Saint-Jean steht die heutige moderne Manufaktur in einem Aussenbezirk von Chambéry. Im Musée de l'Opinel, wo früher hergestellt wurde, durchläuft man in knapp einer Stunde die Entwicklung der Taschenmesser, in einem kongenial orchestrierten Mix aus wirklich alten Maschinen und raffiniert damit verbundenen Filmprojektionen. Am Ende kann ca. eine halbe Stunde in einem Film im Vorführraum in die Betriebs- und Familiengeschichte eingetaucht werden, zuletzt gehts natürlich in den Museumsshop mit einer Vielzahl an historischen Messern aus vielerlei Holz und ganz modernen Sport- und Arbeitswerkzeugen.

2. Der Hauptort der Maurienne, eines von fünf Bezirken des bis weit ins 19. Jahrhundert unabhängigen Hochsavoyens, war bis 1902 Bischofssitz. Selbst nicht eingefleischte Kirchen(bau)experten kommen um die eindrückliche Hauptkirche an der Place de la Cathédrale mit prunkvollen Holzsitzen auf Altarhöhe und ebenso gestalteten Seitenschiffchen und Malereien nicht herum. Sie weist erhaltene Teile aus dem 11. und einen Grossteil des hübsch erhaltenen Komplexes aus dem 15. Jahrhundert auf. Beinahe noch lohnender ist der Besuch des gleich angrenzenden Klosterhofs aus derselben Zeit mit der von da zugänglichen Krypta.
3. In die Krypta gelangt man meistens nur im Rahmen fast täglich angebotener Führungen, wofür man sich gleich vis-à-vis der Kathedrale im Tourismusbüro anmeldet. Im Obergeschoss des alten Bischofspalasts (im Erdgeschoss: das Tourismusbüro) wird gratis eine in einer guten Stunde zu besichtigende Ausstellung zu alten Gewändern sowie Münzen oder Handwerksgegenständen früherer Jahrhunderte angeboten. Mindestens die Gewänder lohnen sich anzusehen.
Der am selben Platz stehende, das Zentrum beinahe dominierende Turm bot im Innern 2014 aber nichts Sehenswertes.
ÜBERNACHTEN

Es gibt ein bis zwei für Töff- und Radfahrer nicht ungeeignete Billigabsteigen, dann das auch mit velospezifischen Trümpfen aufwartende Hôtel du Nord an der Rue Antoine / J. Jaurès. Beinhae gleich teuer und uns am sympathischsten war jedoch das ebenso zentral gelegene Hôtel St. Georges an der Rue de la République. Der Service und die Beratung durch die Chefin und die wichtigsten zwei Angestellten ist persönlich und herzlich, die sind Zimmer sauber, gepflegt und einfach, das Angebot mit um die 65 bis 70 Euro (ein klassisch französisches Frühstück gibts für rund 11 bis 12 Euro zusätzlich, Halbpension nicht) preiswert. Ein Trumpf sind die wirklich grosszügigen Möglichkeiten, das Velo einzuschliessen: im Nebenhaus eines Innenhofs, wo nebst Parklätzen auch etliche überdachte Abstellplätze für mehr oder weniger mächtige Zweiradmaschinen verfügbar sind.
ESSEN

Die savoyardische Küche ist für noch nicht eingeweihte ein Highlight mit durchaus Schweiz-verwandten, bodenständigen Alpenraumtraditionen, gemischt mit vielerlei Einflüssen der Haute Gastronomie française. Hier die lohnendsten und möglichst abwechslungsreichen Tipps:

Klassisch: Ein für den Ort (nicht für Schweizer Verhältnisse) relativ teurer Esstempel ist der des Hôtel du Nord, das mit biederer Hotelküche nichts gemein hat. Hier gibts traditionelle Küche auf hohem Niveau, teilweise auch mit regionaler Ausrichtung. Das Degustationsmenü ist die ca. 50 Euro wert.

Modern: Eine eher experimentelle, mit noch höherem Anteil an regionalen Produkten aufwartende Küche bietet das Le Gavroche an der Place du Marché. Der Vier- bis Fünfgänger à 30 bis 35 Euro ist ein Must. Bei den Weinen empfehlen wir durchaus regionale Weisse, oft Assemblagen mit Roussanne-Anteil oder reine Roussanne-Tropfen. Bezüglich Rote wählt man in der Regel eher Überregionales als die etwas billigen Gamays.

Einfach: Reichhaltige Crèpes mit mitunter lokalem Käse oder Fleisch und ein paar weitere einfache Teller in guter Qualität tischt das Evidence am selben Platz auf.
Für ein qualitativ jederzeit befriedigendes Angebot der Mittelklasse mit viel regionalen Spezialitäten sorgt das La Parenthèse an der Rue de la Libération. Fast ein Must der gutbürgerlichen, aber nie zu deftigen Küche sind die Ravioles de Royan.
EINKAUFEN

Im Laden Produits savoyards gleich hinter dem Bischofspalast findet man eine grosse Auswahl hervorragender Käse (ein rezenter, sicher jähriger Beaufort und ein Tomme savoyard oder speziell Montvernier sind ein Hit), aber auch Wurstwaren, Pasten oder Saucen und vieles mehr.

Die Website von Saint-Jean-de-Maurienne Im Auto: Anreise über Genf, Annecy, Chambéry und St-Pierre-d’Albigny.
Mit dem Zug: Von Genf denselben Weg nach Chambéry und von da direkt nach St-Jean-de-Maurienne (der Ort ist fixe Haltestelle an der TGV-Linie Chambéry–Turin).

Autor: Reto Meisser