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03. Oktober 2011

Weltmeister im Bunkern

Wenn es um Luftschutzkeller geht, ist die Schweiz Weltspitze. In unserem Land gibt es Schutzraum für 8,6 Millionen Menschen. Oder für Millionen von Skiern und Konfigläsern. Das Migros-Magazin ist in die Tiefe gestiegen und hat in Schweizer Kellern Unglaubliches entdeckt.

Adelheid Renggli aus Seon
Adelheid Renggli aus Seon.

Beim Bauen von Schutzräumen sind die Schweizer Weltmeister: Die Investitionen für 8,6 Millionen Schutzplätze belaufen sich laut Bundesrat auf rund zwölf Milliarden Franken. 283 000 Personenschutzräume befinden sich in Privathäusern, Instituten und Spitälern. Dazu kommen gemäss dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz rund 2450 öffentliche Schutzanlagen. So beläuft sich der Deckungsgrad der Schweizer Bevölkerung auf 108,8 Prozent. Die Schweiz hat also mehr Schutzplätze als Einwohner. Einzig Schweden, Finnland und Singapur weisen annähernd ähnliche Werte auf. Deutschland erreicht einen Deckungsgrad von nur drei Prozent. Grund für den rekordhohen Schweizer Wert: Das Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz schreibt seit 1963 für Hauseigentümer eine Baupflicht eines Schutzraums vor. Zwar versuchte der ehemalige jurassische CVP-Nationalrat Pierre Kohler den Bau von privaten Schutzräumen 2005 aufzuheben. Doch die parlamentarische Initiative des 47-Jährigen scheiterte. «Die Schutzraumpflicht ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Letztlich lässt sich diese Haltung nur mit wirtschaftlichen Motiven begründen, profitieren doch die Unternehmen, die diese Anlagen bauen.»

Schutzräume sind vor allem dazu da, um Weine zu lagern. Pierre Kohler, ehemaliger CVP-Nationalrat

Sechs Jahre später, just zwei Tage vor der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima beschloss der Nationalrat dann aber doch, die Schutzraumpflicht für private Hauseigentümer aufzuheben. Anfang Juni vollzog der Nationalrat eine Kehrtwende und korrigierte den Entscheid. Umgeschwenkt sind die bürgerlichen Parteien in der grossen Kammer, nachdem bereits der Ständerat für die Beibehaltung der Bunkerbaupflicht war. Die Parlamentarier argumentierten, die Pflicht sei keine Romantik aus dem Kalten Krieg. Es gebe heute neue Bedrohungen. Verteidigungsminister Ueli Maurer nannte in diesem Zusammenhang Mittelstreckenraketen, die auch die Schweiz erreichen könnten.

Pierre Kohler entgegnet: «Es gibt keine Atomkriege mehr. Die Schutzräume, die bei den Baukosten mehrere Prozente verschlingen, sind für die Schweizer doch vor allem dazu da, um Weine zu lagern.» Tatsächlich benützen viele ihre Schutzkeller als Vorratskammer, wie mehrere spontane Kellerbesuche des Migros-Magazins im Aargauer Seetal, rund um den Hallwilersee und im Dunstkreis des Kernkraftwerks Gösgen zeigen.

Adelheid Renggli
Adelheid Renggli.

Franz (66) und Adelheid (59) Renggli aus Seon AG
Im Luftschutzkeller des Einfamilienhauses des Ehepaars Renggli fallen drei Karabiner auf, die in einer Ecke stehen. «Diese sind mir schon lange ein Dorn im Auge», beschwert sich Adelheid Renggli und erntet dafür von ihrem Mann ein Murren. Die Waffen aus seiner Militärzeit lagern neben einigen Flaschen Wein, Aproz-Mineralwasser, Töpfen und Erde zum Umtopfen, Gummistiefeln und Bastelholz. Und an der Wand ist eine Schutzraumbelüftung Typ VA 20 befestigt, die rund 3000 Franken kostet. Franz Renggli lacht: «Mit dem Wein könnte man im Notfall vergessen, was draussen abgeht.» Holz und Erde seien von einer Migros-Do-it+Garden-Filiale. Von der Migros bezieht Renggli auch die Pension, fuhr er doch 26 Jahre lang die legendären Migros-Verkaufswagen.

Pius und Yvonne Friker
Pius und Yvonne Friker.

Pius (65) und Yvonne (60) Friker aus Niedergösgen SO
Tritt man in den Schutzkeller im Einfamilienhaus des Ehepaars Friker, fallen 250 Weinflaschen auf, die friedlich neben Jägermeister sowie Pflaumen- und Williams-Destillaten lagern. Pius Friker erklärt: «Ich habe gute Beziehungen zu den Bauern in der Region.» Für den Pensionär und seine Frau ist der Schutzkeller vor allem Vorratskammer. In dieser lagern auch Nespresso-Kapseln, Baumkerzen und Handreinigungs-Papierrollen. Auf der Notpritsche sind Gläser mit weissen Bohnen sowie Zucker, «Mayas Holunder-Gelée» und süss-saure Zucchetti aufgestellt. Eine Kurbel für die Ventilationsanlage ist das Einzige, was den eigentlichen Zweck des Raums verrät. Wer Gösgen hört, denkt an das Atomkraftwerk. «Klar wären wir froh, wir hätten es nicht. Aber wir vertrauen auf die Experten und heizen mit Elektrizität», sagt Pius Friker.

Pius und Yvonne Friker
Rosmarie Guggenbühl.

Rosmarie Guggenbühl (72) aus Seon AG
«Ich liebe meinen Keller sehr. Er ist gemütlich. Das Schutztor stört mich nicht, ganz im Gegensatz zur Notpritsche, die ich letzthin entsorgte», sagt Rosmarie Guggenbühl. Ein Panzerdeckel, der einen Notausstieg abschliessen sollte, lässt sich nicht bewegen, weil ein langes Gestell im Weg steht. Auf dem Regal fallen selbst gemachte Kornelkirschen- und Feigen-Konfitüre sowie Kirschen-, Holunder- und Melissensirup auf. Die einstige Gemeindekrankenschwester hat eine Alkoholallergie und lagert deshalb nur ein paar wenige Weinflaschen für allfälligen Besuch. Weitere Essensvorräte hat die seit 28 Jahren im Aargauer Seetal lebende Ostschweizerin fein säuberlich in einem alten Schrank versorgt. In einer Truhe lagert Rosmarie Guggenbühl Glas und Blech zum Entsorgen sowie Kartoffeln. «Ich habe hier meine Vorräte, damit ich nicht jeden Tag ins Dorf rennen muss», sagt sie.

Rosa Meier
Rosa Meier.

Rosa Meier (72) aus Niedergösgen SO
Auf zwei mal vier Meter befinden sich im Luftschutzkeller des Ehepaars Meier ein Tiefkühlschrank, Dosen mit Thunfisch, Ravioli und Champignons sowie Kartoffeln, Zwiebeln, Erdbeerkonfi, Quittengelée und Apfelmus. Leere Gläser, ein paar Flaschen Wein, Sandsäcke sowie ein Christbaumständer sind ebenso vertreten. Und über all dem wacht eine Beethoven-Statue. «Ich habe keine Ahnung, woher die ist. Aber es reut mich, sie fortzuwerfen», sagt Rosa Meier. Sie wisse nicht, wie das Explosionsschutzventil mit Vorfilter und Panzerdeckel funktioniere. «Da müssten Sie meinen Mann fragen.» Otto Meier (74) ist allerdings gerade unterwegs, wenn auch nicht in den Alpen, wie seine Steinsammlung suggeriert, sondern in der Region.

Beatrice Eichenberger mit Sohn Reto
Beatrice Eichenberger mit Sohn Reto.

Familie Eichenberger-Furrer mit Mutter Beatrice (53) und Sohn Reto (25) aus Mosen LU
«Im Notfall könnten wir hier unten eine Party veranstalten», sagt Reto Eichenberger. Der Mister-Schweiz-Kandidat 2010 spricht damit die Vorräte an, welche die Familie Eichenberger im Luftschutzraum lagert. An der schweren Eingangstüre hängt eine Garderobe mit Outdoor-Ausrüstung, auf der Notpritsche lagern unter anderem ein Skiträger, Öl, Balsamico, Maiskolben und Weine. In einer Ecke befindet sich eine Gefriertruhe. Für Beatrice Eichenberger ist dieser Keller «ein Vorratsraum ». Einzig ein Trocken-WC in Form eines Eimers und die Frischluftanlage erinnern daran, dass der Luftschutzraum der Eichenbergers im Notfall zehn Personen aufnehmen müsste.

Pius Höltschi
Pius Höltschi.

Pius Höltschi (59) aus Aesch LU
Der 48 Quadratmeter grosse Schutzraum des CVP-Gemeinderats Pius Höltschi präsentiert sich mustergültig. Abgesehen von Süssmost und Birnenschnaps hat der Obstbauer den für 42 Menschen konzipierten Schutzraum nicht zweckentfremdet. «Ich hätte ihn innert weniger Stunden leer geräumt», bestätigt Höltschi. Die rund 30 Zentimeter hohe Schwelle beim Eingang gilt als bombensicher. Das obligate Trocken-WC fehlt ebenso wenig wie Holzgestelle, die im Notfall zu Betten umfunktioniert werden könnten.

Autor: Reto Wild