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29. Mai 2012

Welches ist «mein» Open Air?

Die Schweiz ist Europas Hochburg der Sommerfestivals. Stimmung, Ort und Musikstil sorgen dafür, dass jeder Open-Air-Fan seine Bühne findet. migrosmagazin.ch stellt sechs Besucher-Typen vor und verrät ihnen passende Open Airs und Tipps.

Beim SummerDays Festival in Arbon am Bodensee geht es entspannt zu.
Beim SummerDays-Festival in Arbon am Bodensee geht es entspannt zu. (Bild zVg)

Auf den Gurten, an den Genfersee, ins Zentrum Locarnos oder ans überschaubare Quartierfest? Innerhalb von gut zwei Monaten bietet sich den Musikfans ein weltweit einzigartiges Angebot an Open-Air-Festivals, weshalb viele gleich mehrere Termine in der Agenda vormerken.

Doch selbst wer auf mehreren Festivals tanzt, hat einen Favoriten und lässt sich einem bestimmten Festivaltyp zuordnen – je nachdem, welcher Aspekt ihm bei der Open-Air-Wahl besonders wichtig ist. Sie haben Ihren Lieblingsort noch nicht gefunden? Dann hilft vielleicht die folgende Grobeinteilung mit sechs Hauptinteressen. Klar, dass die meisten Festivaliers mehr als eines davon teilen.
Und sind die Prioritäten einmal festgelegt, helfen passende Open-Air-Ziele und Tipps bei der Planung, den Musiksommer entspannt anzugehen.

1. Das ist meine Musik!

Foo Fighters, Züri West oder Lenny Kravitz? Ganz klar, bei diesem Festivaltyp entscheidet das Line-up. Ist das nicht selbstverständlich? Nein. Sicher sind die meisten Open-Air-Besucher Musikliebhaber, und doch wählen längst nicht alle anhand der angekündigten Acts ihr(e) Festival(s) aus. Für Musikliebhaber bestimmter Stilrichtungen gibt es Anlässe, die wie Gampel eine bestimmte Ausrichtung haben.

TIPPS für Musikpuristen
a) Eigentlich nur einen: Es gilt das Programm der Anbieter genau zu studieren. Schüttelt man mehr als zweimal für ein Tagesprogramm spontan den Kopf oder mag sich für nichts wirklich zu erwärmen, lässt man die Reise besser bleiben.
b) Achtung: Generell ist üblich, dass Musiker oder Gruppen kurzfristig absagen und vom Veranstalter ersetzt werden. Also Entscheide möglichst wenig von einem Act allein abhängig machen.

FESTIVALZIELE für Musikpuristen
Das Open Air Gampel (16.-19. AUgust 2012, www.openairgampel.ch ) zum Beispiel richtet sich nicht nur mit den Foo Fighters stark an die Freunde des härteren Rock, bisweilen auch Metal. Es darf durchaus auch mal härter zugehen. Freunde von Easy Listening, elektronischer Moderne, meist auch Indie oder Folk können hier lange auf ihren Stil warten. Eine Prise Hip Hop oder Rap rundet das Angebot ab.
Ebenfalls eher als die von der Idee her alle Geschmäcker ansprechenden Festivals von Nyon (Paléo) oder Bern (Gurten) oder auch als das eine Riesenbandbreite in weniger Acts konzentrierende Heitere-Open-Air in Zofingen (www.heitere.ch) kennen noch eine vage stilistische Ausrichtung:
Das «Out in the Green» in Frauenfeld (6.-8- Juli, www.openair-frauenfeld.ch ) mit überwiegend vielen AUftritten der amerikanisch (und mittlerweile auch etwa deutsch) geprägten Sprechgesang-Tradition.

2. Das Zelten ist die Hauptsache

Der zweite Typ, im Durchschnitt die Jüngsten, sucht mit Freundinnen und Freunden das Lagerleben. Sie gehen mit Zelt (die Abgebrühten gar nur mit Schlafsack) etwa ans Paléo-Festival, wollen nicht viel bezahlen und lassen sich von Menschenmassen oder Regen nicht abschrecken. Gemeinsame Erlebnisse sind das Ziel. Das kann ein Konzert sein, ebenso wie die Spontanparty mit den Zeltnachbarn.

TIPPS für Zeltlager-Anhänger
a) Gehören SIe nicht zu den seltenen ganz abgehärteten Outdoor-Freunden, denen Regen, Schlamm und Kälte nichts ausmachen, ist hier die Vorbereitung alles. Ein zwar gut tragbares, aber stabiles und eine Weile lang wasserdichtes Zelt ist das A und O. Wenn wir schon dabei sind: Es schadet keineswegs, es schon mal vorher aufgestellt zu haben (es sei denn, wenn es egal ist, dass man die eine oder andere Stunde benötigt oder andere um Hilfe angeht).
b) Mit dem nächtlichen Dach über dem Kopf ist es nicht getan. Eine kleine Apotheke mit dem nötigsten, Werkzeuge wie Sackmesser sowie Besteck und Teller aus Plastik oder Metall sind für mehrere Tage unabdingbar, luftdicht verschliessbare Plastikbeutel halten frische Wäsche trocken. Will man unabhängig sein und in der Migros Verpflegung einkaufen, benötigt man wohl auch einen Kocher und sollte den bedienen können.
c) Gerade bei grösseren Festivals kann Zelten auch eine Sicherheitsfrage sein. Ohne abzuschrecken kommt es jedes Jahr zu mehreren Übergriffen in der Schweiz. Gerade Paléo in Nyon, das grösste Festival mit dem weitaus grösstenjährlichen Zeltlager, ist vor einigen Jahren deshalb bekannt geworden. Anderswo ist die Chance eines Vorfalls gerechnet auf die Anzahl der Besucher jedoch nicht kleiner. Ganz aus dem Weg gehen kann man dem Risiko nicht, folgendes Verhalten vermögen es etwas einzugrenzen:
Erstens sollte man möglichst nicht allein zelten gehen, sondern in der Gruppe. Einzelne Mitglieder möglichst nicht lange allein lassen oder früher zum Schlafen schicken. Weiter sollte das Zelt nicht abgelegen am Rand oder gar in der Nähe ausserhalb des Areals (da gibts keine dauernde, aber doch zeitweise Kontrollpatrouillen) aufgestellt werden. Kennt man die Leute der Nachbarzelte bald etwas und guckt genauer, wenn jemand herumstreunt, der sicher nicht zu den umliegenden paar Zelten gehört, schadet das auch nichts.

FESTIVALZIELE für Zeltlager-Anhänger
Da ist für die Jugend zuallererst doch das Paléo in Nyon (ab 17. Juli 2012, www.paleo.ch ) zu nennen, nirgends lernt die Jugend so viele andere kennen wie zwischen Lausanne und Genf auf dem Riesenareal, und obendrein aus der ganzen Schweiz und aus dem nahen Ausland.
Aber auch das «Out in the Green»-Festival bei Frauenfeld eignet sich klar besser als etwa der Berner Hausberg Gurten fürs Zelten, das Heitere in Zofingen ebenfalls. Hier sind die Gebiete fast schon idyllisch gegenüber der Konkurrenz vom Genfersee.

3. In malerischer Umgebung

Open Airs, der Name sagt es, finden draussen statt. Deshalb machen einige Festivalfans ihren Anlass konsequent von der landschaftlichen Umgebung abhängig. Am besten kommen da Areale an einem See wie Arbon oder auf einem Hügel mit entsprechender Aussicht wie dem Stoos SZ an.

TIPPS für Naturliebhaber
a) Auch bei Open Airs an aussergewöhnlichen Standorten befinden sich die Besucher nicht allein in der Natur. Ungestörter Genuss der Landschaft steht also ohnehin nicht auf dem Programm. Doch Wasser- oder Bergfreunde finden mittlerweile ein paar Orte, an denen sie Konzerte in einzigartiger Umgebung hören können. Und die An- oder Abreise oder gewisse Pausen können immer noch für Spaziergänge und individuellere Begegnungen mit der Natur genutzt werden.
b) Klären Sie gerade bei Freiluftanlässen in der Höhe zuvor genau ab, wie man dahin kommt. Will man nicht längere Strecken wandern, benötigt man oft eine Bergbahn oder vielleicht eine enge Strasse. Da lohnt es sich, klar früher als das Gros der Leute unterwegs zu sein - oder später, jedoch nicht in den letzten zwei Stunden vor einem der bekannteren Acts.

FESTIVALZIELE für Naturliebhaber
Im Val Lumnez (GR) trifft man eine überschaubare Festivalgemeinde in spezieller landschaftlicher Umgebung ( www.openair-lumnezia.ch ). Viel Schweizer Musiker (Stress, Eluveitie, Bastian Baker, Stanie Heinzmann) und ein bunter Mix stehen auf dem Programm.
Unter den grossen Festivals bietet am ehesten jenes von St. Gallen im Sittertobel (vom 28. 6. bis 1. 7. 2012, www.openairsg.ch ) eine einmalige Umgebung, wenn auch nicht mit Aussicht wie die zuvor genannten.
Viele Leute schätzen fliessendes oder stehendes Gewässer zur Musik unter freiem Himmel. Ein Paradebeispiel für ein Open Air mit viel Weitenwirkung ist das «SummerDays» in Arbon ( www.summerdays.ch ). Hier dominieren Schweizer Gruppen (Plüsch, Patent Ochsner, Lovebugs), aber auch britische sowie ein bis zwei nordamerikanische Acts auf überschaubarem Gelände direkt am Bodensee.
Für Besucher aus dem Mittelland näher als das Lumneztal, als Termin aber schon viel früher im Jahr geht das «Snow Open Air» auf dem Stoos (meist bereits Ende März zum Ski-Saisonausklang) oder auf der kleinen Scheidegg (www.snowpenair) über die Bühne. Für Schneesportler vorzumerken zum Ski-Saisonende 2013.
Das klassische Berg-Festival in der Sommersaison mit abwechslungsreichem Line-Up in attraktiver Umgebung fand bisher jeweils auf dem Hoch-Ybrig statt. Allerdings geriet der Anlass nach 2011 in finanzielle Engpässe und konnte den Konkurs nur knapp abwenden. 2012 findet kein «Open Air Hoch-Ybrig» statt, die Zukunft ab 2013 ist derzeit offen.

4. Hier kommt die Familie mit

Diese Open-Air-Besucher gingen meist schon in ihrer Jugend an Festivals und haben nun Familie. Sie durchstöbern den Veranstaltungskalender nach Anlässen, die auch ruhigere Plätze, möglichst genug sanitäre Einrichtungen, gesunde Verpflegung und nicht zu viele Mitmenschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen aufweisen. Auch mittägliche Auftritte von Bands mit Kinderliedern sind erwünscht.

TIPPS für Familien mit Kind
a) Es lohnt sich, für Notfälle schnell zu wissen, wo ein Sanitätsposten oder gleich der nächste Arzt wäre.
b) Klar ist mehr als das Minimum an sanitären Anlagen Bedingung, denn sich an grösseren Festivals mit Kleinkindern neben dem Areal in die Büsche (wenn's überhaupt welche hat) zu schlagen, hebt die Stimmung (nicht nur) bei den Kleinen wenig.
c) Wie bei Pfadi-Nostalgikern oder allen jüngeren Zeltfreunden gilt auch bei Open Airs mit Kind: Vorbereitung und Packen ist die halbe Miete. Hat man alle Varianten an Kleidern und sonst alles Nötige dabei? An einigen Orten ist das Einkaufen gehen von speziellen Nahrungsmitteln oder Medikamenten zudem aufwändig und nervenaufreibend. Ach ja, für Erwachsene gilts zwar auch: Ohrenstöpsel müssen mit!
d) Planen Sie erstens gerade beim ersten Festivalbesuch mit Kind nicht etliche Tage aneinander ohne Alternativprogramm ein. Für einige Kinder ist das Open-Air-Leben nichts. Und zu klein sollten sie ohnehin nicht sein.
e) Will man sicher sein, das eine oder andere Konzert mitzubekommen, betritt man nicht allzu lange vorher das Areal, denn kurze Zeit kann allenfalls unwilliger oder rebellierender Nachwuchs noch eher im Zaum gehalten werden.

FESTIVALZIELE für Familien mit Kind
«Das Festival» ( http://das-festival.ch ) in Schaffhausen lockt nicht zu Unrecht mit dem Label 'Family Festival', ist in den Ort eingebettet, eher klein und zeitlich (8.-11. 8. 2012) mit neun Haupt-Acts zur Wahl nicht ausufernd.
Auch das «SummerDays» in Arbon eignet sich durchaus für ein bis zwei Besuche für Familien mit Kindern, am Sonntag Mittag spielen etwa Christian Schenker & Grüüveli Tüfeli.
Noch stärker spezialisiert auf den Nachwuchs sind natürlich das Kinder-Open-Air in Meiringen oder die Lilibiggs-Kinderkonzerte ( www.kinderkonzerte.ch ) unter freiem Himmel im Sommer. Bloss sind da dann die Eltern auch beschränkt darauf, Stärnefoifi und Andrew Bond mitzuhören.

5. Für ein kultiviertes Ambiente

Während es den einen Festivalbesuchern nicht genug Schlamm und Dreck haben kann, schätzen andere eine saubere Umgebung, den Restaurantbesuch vor den Konzerten und das nahe Hotel statt einer nächtlichen Heimfahrt oder Camping. Am liebsten sind ihnen oft Auftritte der Helden aus ihrer Jugend. Und den Helden gefällts auch: So kehrt beispielsweise ein Santana gerne ans Moon & Stars zurück.

TIPPS für Freunde des Lifestyle
a) Das Festival sollte in der Regel eher an einem grossen Ort stattfinden. Nyon oder Gampel wären also klar weniger geeignet.
b) Oft sind die Plätze bei Open Airs in einem Stadtzentrum schon durch die Arealgrösse beschränkter, deshalb sollten für wichtige Konzerttermine noch früher Tickets bestellt werden. Überhaupt sind Festivals in Ballungsgebieten (ausser Quartierfest-artigen Anlässen, siehe Punkt 6) meist eher eine Aneinanderreihung von einzelnen Auftritten als ein zusammenhängendes Ereignis.

FESTIVALZIELE für Freunde des Lifestyle
Das grösste dieser Art: Das «Moon & Stars» in Locarno ( www.moonandstars.ch )
Schon fast exklusiv: Das «Live at Sunset»-Open Air im Landesmuseum Zürich ( www.liveatsunset.ch )
Alternativer: Einen vollen Abend Musikspass bietet am 12. AUgust 2012 der bekannte Basler Veranstalter Kaserne mit dem «Viva con Agua & Kaserne Open Air». Auch hier ist gutes Essen, Schutz bei Unwettern usw. in nächster Nähe.
«Das Festival» von Schaffhausen wäre auch in dieser Kategorie zu nennen.

6. Am liebsten vor der Haustür

Vor lauter Grossanlässen gehen die kleineren regionalen Open Airs oft vergessen. Dabei schätzen schweizweit ebenso viele Menschen die auf ein Wochenende oder noch länger verteilten Freiluftkonzerte in ihrem grösseren Quartier, der Altstadt oder sonstwo. Mindestens der Hauptact geniesst die volle Aufmerksamkeit des Publikums, daneben wird mit den Nachbarn und Freunden aus dem Wohnort gefeiert.

TIPPS für Quartier- und Dorffestgänger
a) Recherchieren Sie rechtzeitig im Internet die Daten des Festes, wenn Sie mindestens Namen, vielleicht gar die Webadresse kennen. Zwar muss man sich beim Quartierfest natürlich keine Tickets organisieren oder vorbestellen, bloss rechtzeitig vor Ort sein, um sicher (einen Sitz-)Platz zu finden. Oft kollidiert das Festwochenende im Hochsommer mit den Ferien...
b) Für grössere Quartierfeste in Städten nützlich: Vereinbaren Sie mit den besten zwei bis drei Freunden, die Sie treffen wollen, einen Ort und eine ungefähre Zeit - oder vergewissern SIe sich, dass Sie deren Handy-Nummer in Ihrem portablen Telefon gespeichert haben. Bereits unter 1000 Personen auf einem weiträumigen oder unüberschaubarem Platz Leute zu treffen kann mühsam sein.

FESTIVALZIELE für Quartier- und Dorffestgänger
Quartier-, Stadt- und Dorffeste mit Musikauftritten gibt es wie Sand am Meer. In der Lokalpresse oder an Anschlagbrettern finden sich meist einige Zeit zuvor Informationen, ansonsten sucht man im Web am besten mit dem Namen des Ortes oder grösseren Quartiers und dem Stichwort 'Open Air' oder 'Fest'. Hier drei zufällig herausgepickte Beispiele für drei wiederum ganz unterschiedliche Anlässe:
In Zürich gibt es etwa Musik an Quartierfesten wie am Röntgenplatz (am 26/27. 8. 2012: www.roentgenplatzfest.ch ). In mittelgrossen Städten finden eigene Open Air-Musikfestivals statt wie der Pod'Ring in Biel ( www.podring.ch ). Auch Baden hat mit dem Rebstock-Open-Air ( www.rebstockopenair.ch , 22/23.6.) ein charmantes kleines Festival, ebenso unzählige grössere Dörfer.


Der Veranstaltungskalender mit allen von der Migros gesponserten Open Airs

Autor: Reto Meisser