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25. Juli 2016

Welcher Mani Matter ist Ihnen am nächsten?

Der 1972 verstorbene Berner Troubadour schuf viele unvergessene Chansons: von witzig Alltäglichem über Engagiertes bis zu Absurdem. Wir erinnern mit Youtube-Links an seine bekanntesten Facetten – auf welchen Matter könnten Sie unmöglich verzichten? Und weshalb bleiben seine Lieder bis heute aktuell?

«Ds Zundhölzli» und «Dr Hansjakobli und ds Babettli»
Gehören zu den grössten Mani-Matter-Hits: «Ds Zundhölzli» und «Dr Hansjakobli und ds Babettli».

Der Alltagsbeobachter: Dr Hansjakobli und ds Babettli
Nicht vorbei kommt der Fan an Liedern, in denen der Jurist Begebenheiten aus dem Alltag schildert: selten ungerührt, stets mit Präzision sowie der nötigen Distanz, um Hierarchien offenzulegen, Spannungen auf den Punkt zu bringen, vor allem aber die versteckte Komik herauszuarbeiten.
Dr Hansjakobli und ds Babettli dienen als berühmtes Beispiel. Eine konkrete Ausgangssituation wird auf soziale und psychologische Substanz abgeklopft. Der Künstler zeigt sich aber in der Tradition eines George Brassens (ohnehin der Franzose, der ihn am stärksten beeinflusste) darin, dass die Situation nicht nur als Vehikel benutzt wird, vielmehr geht sie nie restlos in der Interpretation auf: Zwei Kinder spielen helvetische Nachbarschaftsmachtkämpfe mit dem Tabourettli nach, und wird es ausweglos, wechseln sie die Rollen!
Der Liebes-Analytiker: Ds Heidi
Matter kann vielleicht weniger als moderner Minnesänger bezeichnet werden als gewisse seiner französischen Inspirationsquellen. Kaum ein Chanson kreist allein um Verliebtheit, Leidenschaft oder Beziehungsstress. Dennoch schaffte er es, in wunderbar lakonischen Versen und ebensolchem Tonfall die Partnerwahl und das «Anbändeln» kongenial zu schildern. Ds Heidi mit seinen einprägsam kurzen Reimen gibt erst einmal vor, wie gut zwei zueinander passen ... würden. Nur blöd, gehts um eine Dreiecksstory, und das Dichter-Ich zieht gegen einen dahergelaufenen Kicker den Kürzeren (eine kongeniale Modernisierung von Rostands Cyrano-de-Bergerac-Stoffs!)
Der politische Matter: Ballade vom Nationalrat Hugo Sanders
Gesellschaftspolitisch relevanten Themen nahm Matter das Pathos, gab ihnen aber die verdiente Bedeutung. So erkennen Zuhörer in Si hei dr Wilhälm Täll ufgfüert, was den Hurrapatriotismus ausmacht und wie man ihn instrumentalisiert. Fazit: Die Schweiz-Verteidiger um jeden Preis würden wohl die Freiheit gewinnen, wenn sie «auf diesem Weg zu gewinnen wäre». So lakonisch-trocken hat kaum je einer die Absage an stolzen Nationalismus formuliert.
Daneben zeichnete Matter in der Ballade vom Nationalrat Hugo Sanders einmalig schonungslos das Profil eines Politikers und wie er sich der Mechanismen des Populismus bedient, um ihnen zugleich zu erliegen. Mit Sympathie und zugleich Zurückschrecken führt er die Figur, an der sich die unterschiedlichsten Interessen manifestieren, vor. Typisch schweizerisch, dass das Parlament Matter einlud, das Lied unter der Bundeshauskuppel vorzutragen. Für die Schweiz ebenso typisch, dass das Vorhalten des Spiegels keine Folgen zeitigte.

Der Philosoph: Betrachtige über nes Sändwitsch
Der Chansonnier entpuppte sich auch als Könner in der Disziplin, wichtige Lebensfragen aufzuwerfen und gründlich mit ihrer Beantwortung zu ringen. Hemmige kann neben dem Alltagsbeobachter auch dieser Stossrichtung zugeteilt werden. Schon Kinder lernen spielerisch, was das menschliche Bewusstsein ausmacht. Okay, Schimpansen sind wir nicht, aber froh sein über das menschliche Plus fällt trotzdem schwer.
Vielleicht noch brillanter kommt Matters Auseinandersetzung mit der modernen Philosophie in den Betrachtige über nes Sändwitsch daher. Anhand eines Sandwichs erklärt der Chansonnier die Dialektik. Das stimmt trotz grober Vereinfachung, sogar Hegel hätte reingebissen. Guten Appetit!
Doch auch zur Philosophie als Kunst der Lebensführung hat Matter etwas zu bieten, durchaus ernst gemeintes Engagement: Dene wos guet geit führt mit ein paar stetig neu kombinierten Wörtchen sehr anschaulich vor, dass das subjektive Wohlbefinden sehr wohl steigerbar ist, indem man mehr teilt oder abgibt an Leute, die es nötig haben.
Der Melancholiker: Useme lääre Gygechaschte
Eines seiner unbestritten grössten Talente beweist der Liedermacher in den Liedern, die Tod und Verderbnis mit sich bringen. Hier arrangieren sich alle mit ihrem Verschwinden oder der Vergänglichkeit schlechthin.
Di Strass won i drann wone besingt das Leben am Strässchen, das zum Friedhof führt. Wie praktisch, schon da zu sein – und wie schrecklich zugleich. In Warum syt dir so truurig? wiederum erhält das Miesmacherisch-Schweizerische seinen Abgesang. Am himmeltraurig-schönsten jedoch ist die Ballade Us emene lääre Gygechaschte. Da gelangt ein Musiker ans Ende seiner Kunst. Dieses kommt nicht mit seinem Tod, sondern in seinem schrittweisen Verschwinden, je realer sein Auftritt vorstellbar ist: Die Tragik des Künstlers und speziell Musikers liegt darin, dass er nur als Kunstfigur fassbar und letztlich nie «echt» ist. Er entsteht im Moment seines Auftritts, verschwindet als echte Person jedoch gleichzeitig. Betrachtet man übrigens nicht den Autor, sondern den Gegenstand der Kunst, so erweist sich der als genauso flüchtig: siehe die Chue am Waldrand, die ihrem Maler aus dem Bild läuft.
Der Phantast und «Blödler»: Ds Zündhölzli
Viele Matter-Liebhaber liebäugeln zuerst mit den Nonsensliedern wie Ds Zündhölzli. Da ereignet sich eine Kaskade an unglücklichen Verkettungen, und am Ende harrt der Weltuntergang. Nur gut, hat die Hauptperson am Liedende die Zigarette gerade noch vor der ganz grossen Katastrophe vom Teppich weggenommen. Bloss: im Kopf ist dann das ganze Unglück bereits geschehen. Und das zählt.
Ein anderes Beispiel, das wohl trotz vordergründiger Liebesthematik bestens hierher gehört, ist Arabisch (Dr Sidi Abdel Assar vo el Hama ...). Da wird erfrischend blödelnd um Ehe und Mitgift verhandelt, doch das Absurde betont indirekt zugleich, wie absurd familiäre und soziale Interessen in Gefühlsangelegenheiten immer sind. Und das nicht nur in Syrien oder Libanon, denn der Sprachsound tönt zwar pseudoarabisch, besteht aber aus lauter Berndeutsch-Wörtern.
BELIEBT BIS HEUTE
Einige von Mani Matters Chansons sind nicht nur Klassiker, sondern werden auch nach 40 bis 50 Jahren ungebrochen oft gehört oder gerne in Schulen gesungen.
Was macht für Sie die Faszination aus?

Autor: Reto Meisser