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20. Februar 2017

Experten: Negative Effekte in der Schweiz

Welche Personen oder Branchen spüren die negativen Effekte der Globalisierung besonders stark?

Von-Roll-Werk in Gerlafingen 1997
Auch die Stahlproduktion verschwand in den letzten 20 Jahren weitgehend aus der Schweiz: Im Von-Roll-Werk Gerlafingen 1997. (Bild: Keystone)

Thomas Straubhaar

Junge, die schlecht gebildet sind; Ältere, die nicht (mehr) bereit sind, neue Technologien zu erlernen; alle Sektoren, die auf Quantität (Masse) anstatt Qualität setzen. Wer versucht, seine Produkte billiger zu machen, hat eigentlich schon verloren. Er muss sie besser machen, mehr Innovation, Qualität und Zuverlässigkeit bieten.

Evi Hartmann

Es kann jeden treffen. Vor zehn Jahren wurden Arbeitsplätze für Geringqualifizierte ausgelagert – heute boomen Onlinehandel und Kurierdienste und schaffen wieder solche Arbeitsplätze. Generell gilt: Negative Effekte spüren zu jedem Zeitpunkt alle, die sich nicht agil und flexibel genug an die neueste strategische Überraschung der Globalisierung anpassen können oder wollen.

Christian Fichter

Wer nichts Nützliches anzubieten hat, muss untendurch. Wer sich nicht durch Qualität und Originalität von der globalen Konkurrenz differenzieren kann, kann es nur noch über den Preis versuchen – keine gute Strategie für die Schweiz. Das haben wir bereits gesehen bei den vielen Firmen, die mit den günstigen Produktionskosten ihrer ausländischen Konkurrenz nicht mithalten konnten. Bisher konnte das durch den höheren Bildungsstandard und durch Begrenzungen des Freihandels abgefedert werden. Doch auf diesen Vorteilen darf sich die Schweiz nicht ausruhen.

F.J. Radermacher

Negative Effekte spüren diejenigen, die in Wertschöpfungsprozessen nur austauschbare, nachgelagerte Zulieferer sind, möglicherweise an 3., 4. oder 5. Stelle in der Zuliefererkette stehen; auch diejenigen, die ihre Aktivitäten in einem Hochlohnland organisieren müssen und sich nicht der dortigen hohen Besteuerung entziehen können.

Der Globalisierungsprozess hat zur Folge, dass mehr von dem generierten Einkommen im Spitzensegment landet, das sich zudem weitgehend der Besteuerung entzieht und zugleich auch erfolgreich versucht, sich den sozialen Transfers in Richtung Rente, Krankenkasse oder Arbeitslosigkeit zu entziehen. Mit der Folge, dass die weniger gut verdienenden Bürger sich auf einem geringeren, in der Regel nicht steigenden Einkommensniveau dann auch noch gegenseitig versichern müssen. Und das bei ungünstigen demografischen Faktoren, was die aktuelle und künftige Situation weiter verschlechtert. Erschwerend hinzu kommt die Konkurrenz durch die Automatisierung.

Jakob Tanner

Die Schweiz ist stark in die europäische und die globale Wirtschaft integriert. Sie verspürt sowohl die positiven Effekte (Wachstumswirkungen, Technologietransfer etc.) wie auch die negativen Auswirkungen (Kostendruck, beschleunigter Strukturwandel) besonders stark. Es ist aber falsch, wirtschaftliche Störfaktoren wie die anhaltende Aufwertung bzw. Überbewertung des Schweizer Frankens einfach so der Globalisierung zuzuschreiben.

Es gibt in der Schweiz schon seit Mitte der 1990er-Jahre die Tendenz, mit der Kritik an der Globalisierung die eigene Verantwortung für Entwicklungen, die als negativ wahrgenommen werden, nach aussen abzuschieben. Generell leiden in der Schweiz diejenigen Unternehmen, die in einem Preiswettbewerb stehen und deshalb auf die Billigkonkurrenz aus dem Ausland – die qualitativ immer besser wird – schlecht reagieren können. Pauschale Branchenaussagen lassen sich nur beschränkt machen.

Klar ist, dass sich die Herstellung serieller 08/15-Produkte in der Schweiz nicht mehr lohnt. Es gibt aber in allen Wirtschaftssektoren einen Bedarf nach Kundenberatung, Innovationsfähigkeit und spezifischen Dienstleistungen, die einem Unternehmen auch bei vergleichsweise hohen Löhnen und Lohnnebenkosten ein Alleinstellungsmerkmal sichern können.

Autor: Ralf Kaminski