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18. Mai 2015

Welche Parteien Sitzleder beweisen

Das Migros-Magazin stellt die dienstältesten Schweizer CEO, Funktionäre – und Politiker vor. Wir verraten nicht nur, wer schon am längsten in Bern sitzt, sondern liefern den genauen Durchschnitt und die Anzahl an Altgedienten pro Partei.

Parlamentarier Paul Rechsteiner (SP)
Mit 29 Jahren am längsten ununterbrochen in Bundesbern aktiv: Parlamentarier Paul Rechsteiner (SP). / Bild RDB

Der Sozialdemokrat Paul Rechsteiner sitzt seit 29 Jahren im Bundeshaus, zuletzt in der kleinen Kammer. Dicht gefolgt in der Anciennitätrangliste von SVP-Vertreter Maximilian Reimann. Etliche Parlamentarier sitzen seit 24 Jahren ohne Unterbruch im Nationalrat, vorab für die SVP – und in grosser Mehrheit Männer. Mindestens 20 Jahre in der grossen Kammer weisen gleich sieben Angehörige der Schweizerischen Volkspartei (SVP) aus, daneben kennt nur noch die Sozialdemokratische Partei (SP) zwei Dinos unter den jetzt aktiven Nationalräten.
Klare Gewinner im Parteienranking
Bloss wenn man die unterschiedlich ausgerichteten und gewählten Parlamente zusammennimmt, kann die SP mit neun seit mindestens 20 Jahren unter der Bundeshauskuppel Aktiven beinahe mit der SVP mithalten, sie liegt nur um einen Namen im Rückstand. Anscheinend setzen mehr Nationalrats-erprobte SP-Köpfe ihre Karriere danach im Ständerat fort. Der umgekehrte Weg ist in allen Parteien sehr selten.

Das Migros-Magazin konzentriert sich im folgenden Dienstalter-Ranking allein auf den Nationalrat. Schliesslich weist er mit 200 mehr als viermal so viele Parlamentarier auf, zwei bis drei Sesselkleber oder Blitzrücktritte vermögen die Statistik nicht gross auf den Kopf zu stellen. Vor allem aber haben die kantonalen Parteien bei der Listenzusammensetzung für die Wahlen einen entscheidenden Spielraum: die Altgedienten auf den vordersten Plätzen bevorzugen oder mit hoffnungsvollen neuen Köpfen eher für Blutauffrischung sorgen? Gibt es keine in der Öffentlichkeit breitgetretenen Skandale, versprechen Bisherige auf den ersten paar Listenplätzen mit höherer Wahrscheinlichkeit den Erfolg. Dem geringeren Risiko steht entgegen, dass die Parteien von Jung bis Alt die meisten Bevölkerungsgruppen ansprechen – und deshalb mit Vertreter(inne)n abdecken wollen. Blutauffrischung und Durchmischung liegen also durchaus im Parteiinteresse.

Im Ständerat dominieren Köpfe und Persönlichkeiten weit stärker die Parteilinie und -taktik. Hier kann oder muss der Parlamentarier gegenüber seiner Partei fast allein entscheiden, wann seine Amtszeit ablaufen soll. Und auch nach der Nominierung sind Abwahlen viel seltener.
SO LANGE SITZEN PARTEIVERTRETER IM NATIONALRAT

Durchschnittliche Amtsdauer im Nationalrat nach Partei
Durchschnittliche Amtsdauer im Nationalrat nach Partei (Quelle: Parlament.ch)

Die SVP weist mit einem Abstand von über zwei Jahren pro Parlamentarier das höchste durchschnittliche Dienstalter auf. Auf den Nationalrat beschränkt, überflügeln die Grünen gar knapp die SP, knapp dahinter folgt die CVP, um knapp ein Dienstjahr jünger sind unter den grossen Bundesratsparteien die FDP-ANgehörigen, früher als eher «gesättigte» Parlamentarier bezeichnet: Minim über sechseinhalb Jahre sitzen sie bereits in Bern.

«Junge» Neugründungen
Wegen ihrer auch schon respektablen Grösse wurden auch die BDP und die Grünliberalen (GLP) in die Übersicht aufgenommen. Dass sie im Vergleich mit den «grossen» Parteien im Durchschnitt eine klar kürzere Amtsdauer aufweisen, ist einfach begründbar: Die Abspaltung aus der SVP (im Fall der BDP) und die Neugründung ökologisch Engagierter mit eher bürgerlich seriösem Staats- und Budgetverständnis (GLP) sind noch gar nicht so alt, um etliche Nationalrät(inn)e(n) mit über zwei Wahlzyklen (acht Jahre) zu haben. Zwei bis drei mit längerer Amtsdauer sassen zuvor eben bereits für SVP oder etwa FDP im Rat und hatten die Parteizugehörigkeit gewechselt. EVP, Lega und CSP wurden in der Aufstellung wegen ihrer geringen Sitze (höchstens 2) und deshalb mangelnder Aussagekraft der Werte weggelassen.

Zuletzt gilt es, wie im Artikel im Migros-Magazin vom 18. Mai erwähnt, hervorzuheben, dass auch im Nationalrat sehr erfahrene Köpfe nicht einfach Ballast, sondern dank Erfahrung mit Vorstössen, mit den Behörden oder Medien für die Parteien durchaus auch von Vorteil sind. Bloss dürfen sie die Aufnahme jüngerer Kräfte mit teils anderem Hintergrund (den sie mit etlichen Wählern teilen!) nicht mehrheitlich blockieren. Bei der SVP fällt etwa auf, dass neben 23 Vertretern mit mindestens zehn Dienstjahren auch 16 mit höchstens einer Legislatur (vier Jahre) sitzen. Man könnte also eher kritisieren, dass der bereits mit mehr als einem Zyklus erfahrene Bereich von Nationalräten mit bis zu 10 Dienstjahren mit bloss 15 Köpfen etwas schwächelt. Bei der SP stehen 14 Vertretern mit mindestens 10 Jahren 19 mit knapp einer Legislatur gegenüber, auch hier hinkt der «Mittelbau» mit nur 12 hinterher.

MEHR ALS EIN PARLAMENTS-METHUSALEM
Zum Abschluss noch die Rangliste der amtsältesten Bundesparlamentarier. Hier wurden Ratspräsenzen in der Grossen und Kleinen Kammer zusammengezählt, Lücken ohne offizielle Tätigkeit in Bern jedoch abgerechnet.

1. Paul Rechsteiner (SP), 29 Jahre

2. Maximilian Reimann (SVP), 28 Jahre

3. Max Binder*, Roland Borer, Toni Bortoluzzi, Ulrich Giezendanner und Luzi Stamm (alle SVP), Andreas Gross* (SP), 24 Jahre

9. Anita Fetz, Susanne Leutenegger-Oberholzer, Liliane Maury-Pasquier und Didier Berberat (alle SP), Toni Brunner, Hans Fehr und Peter Föhn (alle SVP), Christine Egerszegi* und Georges Theiler* (beide FDP), Peter Bieri* (CVP), 20 Jahre

19. Verena Diener* (GLP), 19 Jahre

* tritt nicht mehr an / Quelle: Parlamentsdienste

Autor: Reto Meisser