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03. Dezember 2012

Welche Kinder werden bevorzugt?

Ganz gleich ist Elternliebe unter mehreren Geschwistern nie verteilt, zumindest im Moment. Die häufigsten Risiken für «Favoritism» gehen von Ähnlichkeiten übers Geschlecht bis zum Alter oder gar «Mitleid». Auch den bevorzugten Kleinen tut man übrigens keinen Gefallen.

Die Fachleute betonen immer wieder, wie schwierig es ist, die Kinder mit gleich viel Zuwendung zu versehen. Aber auch, dass die für kurze Zeit viel stärkere Aufmerksamkeit für eins von mehreren Geschwistern kaum je ein Problem darstellt. Das ist deshalb wichtig, weil zum Beispiel ein an mehr als der kurzen Grippe erkranktes Kind natürlich mehr Zeit – und vom Brüderchen oder Schwesterchen aus vielleicht auch Liebe – benötigt als andere Kinder. Wenn dies nicht über ein paar Wochen hinausgeht und man sich als Mutter oder Vater dessen bewusst ist, entsteht daraus schlimmstenfalls das eine oder andere Mal ... etwas schlechte Laune. Sicher hilft es, wenn man die Situation dem oder den anderen Kindern erklären kann, und zwischendurch ein kleines Moment der zusätzlichen Aufmerksamkeit (ein 'Zückerchen') für das andere Kind übrig hat.

Heikel wird es, wenn Eltern oder auch ein Elternteil über Jahre hinaus konstant ein Kind anders behandeln. Generelle Bevorzugung fällt ihnen dabei selten auf, den Kindern aber bald. Objektiv erkennbar ist sie kaum, auch wenn es durchaus um äussere Zeichen der Zuwendung wie Gesten, Blicke, Äusserungen oder gemeinsame Unternehmungen (Spielen, Vorlesen etc.) geht. Oder um ausbleibende, vielleicht halbherzige Reaktionen, wenn eine Schulnote unterirdisch rauskam oder etwas ausgefressen wurde.
Eine wichtige Rolle spielt auch der Altersunterschied: Bei weniger als drei oder vier Jahren ist üblicherweise die Beziehung zwischen Geschlechtern viel enger, jedoch auch die Konkurrenzsituation, salopp gesagt manchmal der Kampf um Beachtung, viel härter. Hier werden unterschiedliche Behandlungen schneller und heikler registriert. Bei vier Jahren oder mehr hat das ältere Kind bereits einige Zeit allein die elterliche Aufmerksamkeit genossen und dürfte ein allein punkto Zeitaufwand bemerkbares Zurückstehen ins zweite Glied meist besser wegstecken.

DIE SUCHE NACH DEN GRÜNDEN
Sucht man nach den Gründen oder besser der Motivation von Eltern, das eine Kind mehr zu lieben und zu beachten als das andere, fällt gemäss den Kinder- und Familienpsychologen mit Erfahrung auf, dass die Ungleichbehandlung kaum einmal bewusst gewählt wird. Eine lapidare, aber wichtige Feststellung. Es geht demnach primär darum, Mütter und Väter für das Risiko zu sensibilisieren. Dabei helfen die klassischen Fälle, die Experten wie zuvorderst Hartmut Karsten, deutscher Professor für Kinderpsychologie mit Spezialgebiet Geschwisterforschung, in folgende Typen unterscheiden, als erster Ansatz häufig weiter.
Wichtig: Wir führen hier bloss die häufigsten Muster für elterliche Gründe auf, in der Analyse mit betroffenen Familien tauchen noch weitere auf.
Und: Es handelt sich nicht um ein klassisches Endweder-Oder, es können also einerseits zwei oder gar drei dieser Ebenen zusammenspielen, andererseits schliessen sich gewisse Muster (wie etwa Punkt 4 und 5) auch aus.

1. Das andere Geschlecht
Es scheint tatsächlich noch immer dem Klischee in der Volksmeinung zu entsprechen, dass die Mütter eher dazu tendieren, Söhne zu bevorzugen, Väter umgekehrt eher Töchter mehr oder positiver beachten.

2. Schmeichelnde Ähnlichkeit
Ganz anders sieht es im Detail bei physischen Merkmalen oder teils auch Verhaltensweisen aus: Je mehr Ähnlichkeit mit dem betreffenden Elternteil vorhanden ist, umso höher die Chance, dass dieser das Kind stärker liebt. Der vielleicht ur-biologische Mechanismus, eigene Gene weiterzugeben, scheint unbewusst attraktiver zu sein, als mehr Züge des geliebten Partners oder der geliebten Partnerin vorzufinden.

3. Voläufer und Nachzügler
Statistisch ist die Chance von 'mittleren' Kindern bei mindestens drei Geschwistern am schlechtesten, bevorzugt zu werden. Das erste und das letzte Kind fahren weit häufiger besser in Sachen Aufmerksamkeit und Hinwendung. Fachleute könnte dies primär damit zusammenhängen, dass die ebenfalls schwer bezifferbare Anzahl von Wunschkindern beim ersten und letzten höher ist.

4. Pflegeleichte und Ruhige
Ein weiteres Risiko scheint mit der Bequemlichkeit der Eltern zu tun zu haben. Kinder, die schon im Kleinkindalter eher ruhiger sind, weniger Schlaf rauben, später weniger rebellieren oder in der Schule weniger Probleme bereiten, kommen in der Tendenz besser weg.

5. Die Dramen-Helden
Doch auch beinahe das Gegenteil gehört zu den Risiken: Können Eltern den Grund für die Sorgen mit einem Kind schnell nachvollziehen, können gerade die Sorgen zu einer elternseitig noch stärkeren Bindung beitragen. Klassisch fällt dies bei gesundheitlichen Problemen auf, etwa den eingang erwähnten Krankheiten. Heikel ist es, wenn das Kind lange nach der (überstandenen) Krankheit noch immer mit Porzellan-Handschuhen angefasst wird.

MEHR LIEBE HILFT NICHT
Der erste Gedanke im Zusammenhang mit «Favoritism», dem englischen Forschungsbegriff in der Psychologie, geht oft in Richtung der mit etwas weniger Aufmerksamkeit oder Liebe (das Zweite ist noch schwerer unzweifelhaft festzustellen als das erste) bedachten Kinder. Die Fachleute stimmen auch zu, dass über längere Zeit benachteiligte Kinder für das künftige Leben Schäden davontragen können. Zumeist geht es in Richtung von unterentwickeltem Selbstvertrauen, das mitgeschleppt wird und in Beziehung oder Job zu (bisweilen gar 'gesuchten') Benachteiligungen oder handkehrum wegen Auflehnung oder anderem fürs Umfeld schwer verständlichem Handeln zu Konflikten führt.

Oft geht dabei vergessen, dass in vielen Fällen gerade auch die früher stark bevorzugten Kinder später an der Familienkonstellation zu beissen haben. Vielmals fehlt es ihnen in heiklen Lebensmomenten, speziell in Konfliktsituationen, an Durchsetzungsvermögen, in krassen Fällen von Favoritism manchmal auch an Kritikfähigkeit. Die Umwelt wartet aber selten mit viel Verständnis für die 'gefallenen' Prinzessinnen und Prinzen auf.

Autor: Reto Meisser