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26. Mai 2015

Die am weitesten entfernten Nachbarn

Vier Kilometer Luftlinie trennen die beiden Familien Roos und Vogel im Napfgebiet. Eine Seilbahn, eine Kinderfreundschaft und eine Ziege verbinden sie.

Lea Roos und Linus Vogel
Lea Roos und Linus Vogel sitzen nur selten gemeinsam in der blauen Gondel, welche die Höfe ihrer Familien verbindet.

Lea Roos (9) und Linus Vogel (9) trennt eine Seilbahn. Oder eher ein Seilbähnli. Vier Personen haben Platz in der blauen Gondel, die vom Schwändi nach Ober Länggrat LU fährt. Morgens um 7.20 Uhr fährt Linus mit dem Velo vom Hof seiner Familie auf dem Breitäbnet zur Bergstation und lässt sich die 1270 Meter zur Talstation hinunterseilen. Sieben Minuten später trifft er auf Lea. Meistens bleibt noch kurz Zeit zum ­Fangis spielen, bis sie mit dem Schulbus nach Romoos LU in die Primarschule fahren. In der Freizeit treffen sie sich kaum, dafür ist die Distanz zwischen den Höfen mit vier Kilometern Luftlinie schlicht zu gross.

Über die Kinder haben sich auch die Familien näher kennen­gelernt. Pia und Stefan Vogel (beide 46) betreiben auf dem Breitäbnet einen Biohof mit 24 Kühen, 8 Geissen, 12 Hasen, 5 Hühnern und 3 Katzen. Sie leben vom Fleisch- und Holzverkauf, Stefan Vogel ist ­zudem Präsident der Strassengenossenschaft Kleiner Susten. Ihre Töchter Carolin (14) und Julia (12) besuchen die Kantons­schule in Willisau LU, ­Linus die Primarschule. Alle ­packen zu Hause mit an.

David (34) und Martina (35) Roos haben ihre Kühe im Schwesterboden vor zwei Jahren wegen des tiefen Milch­preises verkauft. Seither setzen sie auf Schafsmilch in Bioqualität, 75 Tiere haben sie aktuell. David Roos arbeitet auch ­auswärts, im Tiefbaugeschäft seines Vaters, oder er montiert ­Solarzellen auf Dächern. Gehts los zum «Mälä», kommen die vier Kinder Lea (9), Sara (7), David (5) und Marco (2) mit in den Stall und helfen – der Kleinste mit der Heugabel.

Die Gemeinde Romoos ist mit 37 Quadratkilometern ­Fläche etwa gleich gross wie der Kanton Basel-Stadt. Bloss hat Romoos etwa 700 Einwohner, in Basel-Stadt sind es rund 190 000. Das Napfgebiet ist zerklüftet, die Höfe sind abgelegen. So gefällts den Familien Roos und Vogel. «Wir kennen es nicht anders», sagt David Roos beim gemeinsamen Kafi mit Marmorkuchen und Schoggi­crème bei den Nachbarn.
Seine Frau erzählt, dass sie einmal kurz im Gemeindehaus des Nachbardorfs Doppleschwand gewohnt habe. «Sehr ungewohnt», sagt sie. Dieses Gefühl, dass jeder sieht, was man macht, habe ihr nicht behagt. Pia Vogel pflichtet ihr bei: «Ich schätze vor allem die Ruhe hier oben. Hier spüre ich die Natur noch ganz nah.» Zur Vorstellung, in der Stadt zu wohnen, sagen alle nur «Jesses nei!».

Oft sehen sich die beiden Familien bloss aus der Ferne. Dann winken sie sich mit der Heu­gabel zu. Treffen sie sich in der Schule oder Kirche, tauschen sie sich auch über Kläri, die Ziege, welche die Vogels der Familie Roos abgekauft haben, aus. Eben hat sie zwei Böckli ­bekommen, das gibt Trockenfleisch und Würste im Herbst. Im Alltag helfen sich die Vogels und Roos’ vor allem beim Transport der Kinder. «Mal bringen wir eins hoch, mal bringen sie eins runter», sagt Martina Roos. Auch wenn sie alle die Abgeschiedenheit schätzen – sie sind froh, dass es da jemanden gibt, den sie anrufen könnten, sollten sie Hilfe brauchen. «Das gibt uns ein gutes Gefühl», sagt Pia Vogel.

Autor: Monica Müller

Fotograf: Salvatore Vinci