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04. August 2014

Weisch nümm?

«Hä?! Wir sind hier schon mal durchgefahren?» Anna Luna kann sich an üüüberhaupt nichts erinnern, als wir mit den Velos eine Route befahren, auf der wir vor wenigen Jahren schon mal unterwegs waren. «Ja, doch! Dort drüben, schau! Dort schwamm Hans zum ersten Mal allein im See, und du hast ein Smarties-Glacé geschleckt», insistiere ich, «weisch nümm?» Aber unsere Tochter bleibt dabei: Sie hat null Erinnerung an diese Gegend.

Blick auf den See – oder in die Erinnerung
Blick auf den See – oder in die Erinnerung?

Mich tröstet das. Hatte ich doch gemeint, ich sei derjenige mit dem schlechten Gedächtnis. Der sich dauernd im Keller wiederfindet und nicht mehr weiss, was er dort gewollt hat; der ratlos vor seinem CD-Gestell steht, und ihm will und will nicht einfallen, wie die irische Band heisst – irgendetwas mit Flowers –, nach der er sucht; dem es immer wieder passiert, dass er den Namen einer Nachbarin nicht weiss, wiewohl er sie nun schon seit fünf Jahren kennt: «Eh, tschou, ähm …» Und dann lasse ich meist einen absterbenden Laut folgen, ein «Ooah…», das für Andrea genauso stehen könnte wie für Karin. Man will ja niemanden beleidigen. Altersbedingt, mein Löcherhirn, hatte ich gedacht.

Aber heute! Ich weiss genau, dass ich an dem hässlichen Bunker – stammt er aus dem Weltkrieg? – schon mal vorbeiradelte und mir schon beim ersten Mal dachte, die alberne Bemalung mache ihn nicht hübscher. Ich erinnere mich, dass ich schon damals innerlich grinste, als wir die «Schönheitsklinik am See» passierten, und mich fragte, wozu es für Brustvergrösserungen einer schönen Aussicht bedarf.

Und dann taucht dennoch ein Gehöft auf, das mir unbekannt vorkommt. Erstaunlich, wie selektiv das Gedächtnis ist. Stellen, an denen Eltern aufpassen müssen, habe ich noch vor dem inneren Auge: Achtung, gefährliche Kreuzung! Unbewachter Bahnübergang! Ich weiss noch, dass mir das schmucke Terrain der AS Calcio Kreuzlingen schon damals auffiel und ich mir die Hochstimmung beim Derby gegen den FC Tägerwilen ausmalte. Mein Flair für Provinzfussballplätze, halt …

Meine Frau macht ganz andere Rückblenden: «Hier kauften wir frische Aprikosen», «Da war der Kaffee ungeniessbar …» Und Anna Luna, baff, will von allem noch immer nichts wissen: «Wir sind dort eingekehrt?!» Doch plötzlich, in Konstanz, zeigt sie auf ein Haus, das mir rein gar nichts sagt, und fällt vor Aufregung fast vom Velo: «Schau! Voll auf der Grenze! Weisst du noch, wie wir gesagt haben: ‹Die haben das Wohnzimmer in der Schweiz und das Schlafzimmer in Deutschland›?» Davon habe nun wiederum ich keinen Schimmer mehr. Sie aber muss damals zum ersten Mal eine Landesgrenze wahrgenommen haben, und das Haus am Zoll hat sich ihr eingeprägt. Ferien, wenngleich gemeinsam erlebt, bleiben bei allen ganz anders haften. Das ist das Wesen der Erinnerung.

Übrig bleiben Stimmungen, Bilder. Das Sirren von Fahrradpneus auf einem Kiesweg löst in mir Empfindungen aus, das Geräusch, wenn ein trockener Ast unter der Last eines Reifens zerspringt, der Geruch von Sommerregen auf heissem Asphalt, das Rascheln und Knacksen eines reifen Gerstenfelds: die ungefähre Erinnerung an eine ferne Kindheit, an grosse Sommer, heiss und weit und nicht enden wollend. Sommer, die es vielleicht gar nicht gegeben hat. Denn sie trügt einen mild, die Erinnerung. Ich weiss nur noch, wie ich in einer Baumkrone auf einem Ast sass und Kirschen pflückte. Keine Ahnung, wann und wo es war. Aber es war schön.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli