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08. September 2014

«Weisch no?»

Mit einem «Melde Dich»-Aufruf im Migros-Magazin suchten zwei Frauen letzten Sommer eine Freundin von früher. Sie sind fündig geworden und treffen sich jetzt wieder regelmässig. Dazu rechts weitere Beispiele von Wiedersehensfreude («Gesucht und gefunden») und besondere aktuelle Suchaufrufe («Bitte melde Dich: Jetzt!»).

Ursula Jakob-Bütikofer, Ursula Hänni-Baumann und Elsi Keller (von links).
Ursula Jakob-Bütikofer, Ursula Hänni-Baumann und Elsi Keller (von links).

Immer wenn sies gerade besonders lustig hatten in den Ferien, fragten sich Elsi Keller (66) und Ursula Baumann (64): «Was macht eigentlich die Ursi?» Wäre doch toll, die Freundin von damals wiederzusehen, dachten die beiden. Also schalteten sie letzten August im Migros-Magazin einen Suchaufruf nach ihrer Freundin Ursula Jakob-Bütikofer (66). Die drei Frauen hatten Ende der 60er-Jahre gemeinsam in einem Hort in Basel gearbeitet.

Ein paar Monate später sitzt das Trio in Elsi Kellers Stube gemütlich beisammen. Bei Weisswein, Speckkuchen und Kaffee, Wähen und Mineralwasser. Mit Fotos von damals. Und viel Getratsche und Gelächter.

Elsi Keller-Hanssmann (Elsi): Wir haben schon früher so viel gelacht, zusammen.

Ursula Hänni-Baumann (Baumänni): Ja, wir waren jung und unbeschwert.

Elsi: Weisst du noch, im Hort, da mussten wir den Kindern morgens um sechs diese Brotschnittli machen. Eines der Mädchen mochte sie nicht. Dann hab ich die immer gegessen.

Baumänni: Wisst ihr noch, Hansli und Wasili aus Griechenland?

Ursula Jakob-Bütikofer (Ursi): Und der Italienerbub, der sich wegen der Schnittli immer fast hat übergeben müssen.

Warum seid Ihr Freundinnen geworden?

Ursi: Wir haben alle drei das Leben von der leichten Seite genommen. Es gab auch ein paar Frauen, mit denen wollten wir nicht zusammenarbeiten. Das schweisst einen zusammen.

Baumänni: Eine von denen hatte fettige Haare, eine war hochnäsig und so weiter. Ich hingegen war ein Landei. Zöpfe, Sommersprossen und Bergschuhe.

Elsi: Wisst ihr noch, Emma, unsere Chefin?

Baumänni: Oh ja! So ein Drachen. Immerhin, mit den Kindern war sie lieb.

Elsi: Und sie hat uns in Ruhe arbeiten lassen.

Ursi: Wir waren damals ein bisschen naiv. Ich kam vom Bauernhof. Wir hatten zu Hause noch Säue gehütet.

Baumänni: Elsi war die einzige Städterin von uns dreien. Aber mit den beiden fühlte ich mich sauwohl im Hort.

Ursi: Niemand von uns dreien war dominant, und keine war das dritte Rad am Wagen.

Elsi: Obwohl man immer sagt, drei Freundinnen, das geht nicht gut.

Baumänni: Manchmal gingen wir zusammen tanzen oder auswärts essen.

Ursi: Ich bin ja damals, 1968, als Letzte dazugekommen und wurde trotzdem sofort von euch aufgenommen.

Elsi: Bist du nicht 1969 gekommen?

Ursi: Wirklich?

Baumänni: Auf jeden Fall im Frühling. Oder im Herbst?

Verwirrtes Schweigen.

Elsi: Ich weiss noch, als wir hörten, dass du kommst, haben wir gesagt: Noch eine Ursula! Die nennen wir jetzt Ursi. Und die andere Baumänni.

Elsi: Wer nimmt noch Weisswein?

Baumänni: Nein, danke. Ich war erst 18, als ich in den Tagi, also in die Tagesstätte, kam. Er gehörte zum Frauenspital, und die Kinder der Angestellten wurden dort betreut. Es war, glaub, der erste Betrieb mit eigenem Hort.

Elsi: Nicht ganz. Die Bandweberei Vischer hatte vorher schon einen. Dort habe ich später zehn Kinder allein betreut. Wenn ich einkaufen gehen musste, hat die Putzfrau kurz übernommen.

Ursi: Jesses, das gäbs heute nicht mehr!

Elsi: Es hat sich viel geändert, heute hat man in einem Hort viel mehr administrative Arbeiten.

Warum habt Ihr Euch wieder aus den Augen verloren?

Ursi: Wir haben eine nach der anderen aufgehört, in der Tagi zu arbeiten. Ich, als Letzte, 1970. Ich bin nach Zürich gezogen und habe geheiratet.

Elsi: Als Baumänni geheiratet hat, haben wir uns auch kurz aus den Augen verloren. Dann sahen wir uns wieder, und du sagtest, dein Mann sei gestorben.

Baumänni: Genau. Und zwei Jahre später ist deiner gestorben. Von da an haben wir uns wieder öfter getroffen.

Elsi: Wer mag noch Kaffee?

Ursi: Ja, schenk mir nochmals ein, bitte. Ich mochte nicht mehr mit Kindern arbeiten, das hatten meine Nerven nicht mehr mitgemacht. Ich ging zur Post.

Baumänni: Ich arbeitete lange bei der Spitex.

Elsi: Ich war noch einige Jahre in einer anderen Krippe, bis ich merkte, dass es zu anstrengend war. Zuletzt habe ich in einem Tagesheim als Köchin gearbeitet. So hatte ich trotzdem Kinder um mich herum, das war schön.

Wie habt Ihr drei letztes Jahr wieder zusammengefunden?

Elsi: Baumänni und ich haben in den Telefonbüchern und im Internet gesucht. Dann, eines Tages, wieder in den Ferien, sagte ich zu ihr: Komm, wir machen ein Inserat im Migros-Magazin.

Baumänni: Auf die Anzeige haben sich bei mir viele gemeldet und gesagt: Ich kenn die Frau! Aber es waren lauter falsche Meldungen.

Elsi: Und dann klingelt das Telefon, und eine Frau sagt: Do bini! Und ich fragte: Was heisst, do bini? Es war Ursi.

Alle lachen.

Ursi: Meine Schwester und mein Bruder hatten den Aufruf gelesen. Sie sagten: Ursi, du wirst gesucht. Ruf sofort an!

Elsi: Ich sagte: Wir machen sofort etwas ab. Ihr kommt beide zu mir. Es war nicht einfach, einen Termin zu finden.

Ursi: Wie ich an jenem Tag zu Elsis Haus komme, höre ich eine schreien: Muesch nid so luege, mier sinds! Da wusste ich, ich bin am richtigen Ort. Lacht.

Elsi: Baumänni und ich waren nicht so aufgeregt. Aber gespannt schon.

Baumänni: Es wurde dann ein super Nachmittag. Alles war sofort wieder wie früher. Nach 45 Jahren!

Ihr seid alle drei Singles.

Gelächter.

Baumänni: Wir wollen keinen Mann mehr. Der eine lässt die Socken rumliegen, der andere isst gruusig.

Elsi: Oder wenn sie dann ihre Schnuderlümpen rausnehmen, um die Nase zu schnäuzen … nein!

Ursi: Sag niemals nie!

Baumänni: Ich schon! Mir ist das zu anstrengend mit einem Mann. Ich habe drei Enkel und arbeite. Wenn ich abends nach Hause komme, finde ich es so schön, meine Ruhe zu haben.

Ursi: Es ist schon toll, wenn man kommen und gehen kann, wann man will.

Elsi nimmt ihr iPad zur Hand und holt ein paar Fotos auf den Bildschirm: Ich spiele Theater, jodle und turne. Da bleibt nicht viel Zeit für einen Mann.

Baumänni: Jassen, Turnverein, Grosskinder, Schrebergarten: Es gibt immer etwas zu tun.

Ursi: Es ist nicht einfach, einen Mann zu finden, der einem ins Leben passt. Ich habe eine Tochter und einen Enkel, und ich treffe oft Freunde.

Elsi: Baumänni und ich sind auch viel unterwegs. Zusammen waren wir schon in der Türkei, in Ägypten, in der Karibik. Jetzt machen wir bald wieder eine Busfahrt, und dann reisen wir für ein Wochenende ins Burgund.

Baumänni: Aber vorher noch ins Appenzell.

Wie geht es jetzt weiter mit Euch dreien?

Elsi: Seit letztem Herbst treffen wir uns bei jeder von uns mal. Bei Ursi hats allerdings ein bisschen geklemmt.

Ursi: Ich hatte sie für Oktober zu mir eingeladen und wartete dann auf ihre Bestätigung.

Elsi: Und wir haben auf ihren Anruf ewartet. Ich sagte zu Baumänni: Du, die will doch gar nicht mehr! Dann rief ich nochmals an, und alles klärte sich. Allerdings sagte Ursi, sie habe bei McDonald’s einen Tisch für uns reserviert.

Allgemeines Grinsen.

Elsi: Ich sagte: Was? Da können wir ja nicht mal Wein trinken. Also sagte ich zu Ursi: Koch doch wenigstens ein paar Spaghetti bei dir zu Hause, und ich bringe Kuchen für den Kaffee.

Baumänni: Das gehört zu uns: Wir sagen einander ehrlich, was wir finden.

Ursi: Aber ein bisschen Spass muss auch sein. Klar wollte ich die beiden von Anfang an zu mir nach Hause einladen.

Elsi:Es hat noch ganz viel Wähen. Kommt, nehmt noch!

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Salvatore Vinci