Archiv
14. Dezember 2015

«Die Weihnachtszeit wirft viele ethische Fragen auf»

Philosoph Rainer Erlinger sagt, wie man am Fest Fettnäpfchen vermeidet. Darf man zu Weihnachten Geld schenken? Soll der Neffe ein Ballergame, die Nichte eine Barbie erhalten, wenn sie sich das wünschen?

Moralphilosoph Rainer Erlinger
Der Moralphilosoph Rainer Erlinger ist überzeugt: ...

Rainer Erlinger, an den Grenzen Europas warten Tausende von Flüchtlingen auf Einlass. Darf man unter diesen Umständen überhaupt noch Weihnachten feiern?

Darf ich mir einen Kaffee im Restaurant leisten, wenn ich mit diesem Geld einem Kind in Afrika das Augenlicht retten könnte?

Ich weiss es nicht. Sie sind der Moral- und Ethikexperte, der seit über 14 Jahren Leserfragen in der «Süddeutschen Zeitung» beantwortet und fünf Bücher zum Thema geschrieben hat.

Schon Kant hat sich mit dieser Problematik beschäftigt: Das Wohlbefinden anderer zu fördern unter Aufgabe meines eigenen Wohlbefindens ist ein in sich widersprüchlicher Leitsatz. Man hat die Pflicht zu helfen, aber wie sehr, ist eine schwierige Frage.

Haben Sie für sich persönlich eine Antwort gefunden?

Keine, die ich für die Lösung aller Probleme halte. Ich habe mir ein paar Organisationen gesucht, denen ich vertraue und deren Arbeit ich für sinnvoll halte, an die ich spende. Da könnte ich vermutlich noch mehr machen. Aber, wie Kant eben schon meinte: Es ist schwierig zu sagen, wie weit es gehen muss oder sollte.

Sie erhalten täglich Zuschriften von Menschen, die Sie um Rat bitten. Ist Ihr Briefkasten in der Adventszeit besonders voll?

Das ist tatsächlich so. Weihnachten ist eine Zeit, die besonders viele ethische Fragen aufwirft. Die Zahl der Zuschriften nimmt in dieser Zeit klar zu – und bestimmte Themen kommen verstärkt zur Sprache.

Welche Fragen kommen am häufigsten?

Darf ich Postkarten oder andere Präsente aus Bettelbriefen gemeinnütziger Organisationen behalten, wenn ich nichts spende?

Wie lautet Ihre Antwort?

Das Ganze ist ein Marketinginstrument, unabhängig davon, ob die jeweilige Organisation etwas Sinnvolles tut oder nicht. Die Kampagnenleiter sind sich durchaus ­bewusst, dass sie da eine moralische Zwickmühle konstruieren. Da ich ein grosser ­Gegner davon bin, Leute moralisch unter Druck zu setzen, rate ich dazu, sich von ­solchen Geschenken nicht beeinflussen zu lassen. Wer spenden möchte, sollte sich überlegen: Was liegt mir am Herzen? Was macht Sinn? Wo ist echte Not?

Darf man zugunsten einer Spende auf ein Geschenk verzichten?

In Anbetracht des allgemeinen Konsumwahns finde ich das eine sinnvolle Idee. Allerdings hat das Ganze eine erzieherische Komponente, die bei Geschenken eigentlich nichts verloren hat. Das Beste ist wohl, wenn man sich in diesem Fall abspricht.

Zurück zu den Anliegen Ihrer Leserschaft. Ich hätte erwartet, dass das Problem Nummer 1 sich um Geschenke dreht.

Geschenke sind ein grosses Thema
Geschenke sind an Weihnachten ein grosses Thema.

Mit Geschenken kann man also ­Kriege führen.

Aber sicher! Besonders an Hochzeiten zeigt sich das gut. Da überlegen sich viele: Die ­haben mir damals sechs goldene Teller ­geschenkt. Mein Geschenk an das Brautpaar muss mindestens ebenso wertvoll sein.

Darf man für Geschenke überhaupt ein Gegengeschenk erwarten?

Eigentlich nicht. Die Grundidee eines Geschenks ist eine Zuwendung ohne ­Gegenleistung. Man darf höchstens ­einen Dank ­erwarten.

Die Grundidee eines Geschenks ist eine Zuwendung ohne Gegenleistung.

Wie sieht das ideale Geschenk aus?

Eines, das beim Beschenkten Freude auslöst. Eine gute Strategie ist, wenn man sich ­während des Jahres beiläufig geäusserte Wünsche merkt. Das zeugt von Auf­merksamkeit, und die ist an sich schon ein grosses  Geschenk.

Mein Neffe wünscht sich ein Ballergame und meine Nichte eine Barbie. Soll ich diesen Wünschen nachkommen?

Im Prinzip schon. Das Geschenk muss nicht Ihnen Freude bereiten. Allerdings sollten Sie sich nicht zu fest verbiegen müssen. Andererseits: Der Grad der Verbiegung, die Sie zulassen, um dem Neffen oder der Nichte eine Freude zu machen, drückt durchaus auch die Grösse Ihrer Zuneigung aus.

Wie steht es mit Geschenken, von denen ich denke, dass sie dem anderen guttun würden? Für meine alleinstehende Mutter etwa fände ich ein Kätzchen passend.

Das ist keine gute Idee. Eine Katze macht Arbeit und bedeutet eine grosse Verantwortung. Wenn Sie Ihre Mutter unbedingt zu ihrem Glück zwingen wollen, können Sie ihr für ein paar Wochen eine Pflegekatze organisieren und anschliessend schauen, ob sie vielleicht tatsächlich ein Haustier möchte.

Was halten Sie von Geldgeschenken?

Es gibt durchaus Situationen, in denen ein Geldgeschenk sinnvoll ist. Etwa, wenn ich einem Jugendlichen etwas schenken will, die Beziehung zu ihm aber zu oberflächlich ist, um seine Wünsche zu kennen. In diesem Fall ist das Ziel, dem Teenager eine Freude zu machen, wahrscheinlich am besten mit Geld zu erreichen.

Aber Geld ist so fürchterlich unpersönlich.

Geld ist nichts Schlechtes, sondern kann auch eine Freiheit sein. Vor allem wenn Sie jemanden beschenken, der wenig davon hat.

Gibt es unmoralische Geschenke?

Geschenke, mit denen man jemanden manipulieren will, sind sicher unmoralisch. Auch Geschenke, die nicht unter fairen Bedingungen entstanden sind und etwa durch Kinderarbeit hergestellt wurden, sind bedenklich.

Wie soll ich mich als Beschenkte verhalten, wenn mir das Präsent überhaupt nicht gefällt?

Wenn der Schenkende Ihnen eine Freude bereiten wollte, sollten Sie sich auf jeden Fall bedanken. Die Absicht zählt. Zum Beispiel wenn jemand Ihnen eine Schachtel Pralinen schenkt, um Ihnen zu signalisieren, dass er an Sie gedacht hat – auch wenn ­dieser Jemand dummerweise nicht weiss, dass Sie auf Diät sind. Anders ist es, wenn der Gegenstand in den Vordergrund rückt.

Wie meinen Sie das?

Nach dem Geschenk ist auch vor dem Geschenk. Zum Beispiel wenn Sie den ersten Band einer 42-teiligen Bücherserie über ein Thema erhalten, das Sie wirklich nicht interessiert, dann sollten Sie den Schenkenden darauf aufmerksam machen. Nach Band 2 wird es nicht einfacher.

An Weihnachten wird viel Müll produziert. Allein schon das Geschenkpapier. Werden Sie Ihre Geschenke einpacken?

Wir haben in unserer Familie den Zwang zum Schenken abgeschafft. Falls ich trotzdem mal was schenke, verwende ich ökologisches Geschenkpapier. Mir persönlich gefällt eine matte und einfache Verpackung sowieso besser als buntes Hochglanzpapier.

Ein Kind freut sich aber wahrscheinlich mehr über Glitzer und Glimmer.

Die Verpackung ist schon wichtig, das stimmt. Indem man einen Gegenstand einpackt, macht man aus ihm etwas Besonderes, man überhöht ihn. Man zeigt, dass man sich Mühe gegeben hat. Falls Ihnen dieser Effekt wichtig ist, können Sie sich überlegen, ob Sie sich vielleicht anderswo ökologischer verhalten können und etwa die Einkäufe mit dem Fahrrad anstatt mit dem Privatauto erledigen. Das bringt der Umwelt mehr als der Verzicht auf die Schleife.

Moral darf nicht alles verbieten, was Freude ins Leben bringt.

Das klingt nach Ablasshandel.

Die Moral darf nicht alles verbieten, was Freude ins Leben bringt. Leider hat sie eben genau diesen Ruf. Die Moral soll das Zusammenleben verbessern. Mir zu verbieten, etwas Feines mit viel Kalorien zu futtern, ist nicht die Aufgabe der Moral. Moral ist dort angebracht, wo man anderen schaden könnte oder helfen sollte. Darum ist es etwa moralisch verwerflich, Schildkröten zu essen, weil man einer bedrohten Tierart helfen und nicht schaden sollte.

Gern spricht man abschätzig von Moraltanten oder Moralaposteln. Warum hat Moral einen solch schlechten Ruf?

Sie wurde von den falschen Leuten gekapert. In der Schweiz etwa von Zwingli. Im Prinzip ist die Moral eine gute Sache: Wenn ich etwa mein Fahrrad nicht abschliessen muss, weil sich alle moralisch korrekt verhalten und keine Velos klauen, ist das nicht negativ.

Zurück zur Weihnacht: Wie lassen sich die Feiertage moralisch korrekt über die ­Bühne bringen?

An Weihnachten ist oft das Problem, dass das Fest in Streit ausartet. Warum? Weil die Erwartungen zu hoch sind. Da hilft es, wenn man das Ganze etwas lockerer angeht und die Leute so nimmt, wie sie sind. Auch wenn das heisst, dass die Kinder am Smartphone hängen und ein Familienmitglied etwas zu tief ins Glas schaut.

Darf man an Weihnachten verreisen, anstatt für die sozial isolierte Mutter ein Weihnachtsfest zu inszenieren?

Diese Frage kommt oft. Und ich habe schon böse Briefe von Therapeuten erhalten, die mir sagten: «Jetzt arbeite ich das ganze Jahr an meinen Klienten, dass sie sich von ihren Eltern nicht unter Druck setzen lassen ­sollen – und dann kommen Sie.» Aber wer in diesen Tage allein ist, fühlt sich wirklich einsam, weil Weihnachten psychologisch so aufgeladen ist. Da kann man vielleicht mal ein Opfer bringen, nicht aus einer Schuldbeziehung heraus, sondern aus Menschlichkeit. Und vielleicht findet sich ja auch ein Kompromiss, etwa ein paar Tage früher feiern und anschliessend verreisen.

... wenn man Fleisch isst, dann nur aus tiergerechter Haltung.

An Heiligabend steht bei vielen Familien eine Weihnachtsgans, ein Fleischfondue oder sonst ein tierischer Leckerbissen auf dem Tisch. Ist das heute überhaupt noch akzeptabel?

Sie haben in der Schweiz den Vorteil, dass Fleisch in Bioqualität viel verbreiteter ist. Ich persönlich bin Vegetarier, weil ich Fleisch nicht mag. Aber ich finde, wenn man Fleisch isst, dann nur aus tiergerechter Haltung.

Das ist aber meist teurer. Was, wenn man sich das nicht leisten kann?

Wenn ich mir einen bestimmten Gegenstand nur leisten kann, weil er von Sklaven hergestellt wird, rechtfertigt das die Sklaverei nicht. Im Fall von Fleisch kann man hin und wieder darauf verzichten. Das muss aber nicht unbedingt gerade an Weihnachten sein.

Halten Sie sich selber an Ihre Ratschläge, oder predigen Sie Wasser und trinken Wein?

In der Regel halte ich mich daran, aber ich bin natürlich auch kein Heiliger. Ein Trost ist da das Zitat des Philosophen Max Scheler: «Geht denn ein Wegweiser den Weg, den er zeigt?»

Da machen Sie es sich aber etwas einfach.

Ich bemühe mich schon. Aber ich bin überzeugt, dass es einen überfordert, immer zu verzichten. Der Wille zur Moral ist nicht unbeschränkt vorhanden. Studien haben gezeigt: Wer sich an einem Ort ethisch korrekt verhält, sündigt dafür andernorts. Ich versuche, Gutes zu tun, Not zu mindern und möglichst niemandem zu schaden. Aber ich bin deswegen nicht lustfeindlich. Ich bin auch ein Genussmensch.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: René Ruis